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Mein hypnotisches Spezialgewürz
So wie in der gutbürgerlichen Schweizer Küche das «Aromat»1 nicht fehlen darf, fehlt in meinen Hypnosen eine bestimmte Zutat so gut wie nie: Ich spreche von einer endlos wiederkehrenden Einleitungsformel meiner Suggestionen – ein echtes Ostinato, oder wenn Sie lieber wollen, eine Art Gebetsmühle oder, fernöstlich ausgedrückt, ein Mantra.
«Wären Sie einverstanden, …?»
Im Wartezimmer, nach der Begrüssung:
«Wären Sie einverstanden, sich in mein Sprechzimmer zu begeben?»
Im Sprechzimmer, wenn der Patient Platz genommen hat:
«Wären Sie einverstanden, mir zu erzählen, was Sie beschäftigt?»
Wenn es in Verlauf der Sitzung in Richtung einer Hypnose geht:
«Wären Sie einverstanden, die Augen zu schliessen?»
Wenn der Patient die Augen geschlossen hat:
«Wären Sie einverstanden, Ihren Körper im Sessel vielleicht noch bequemer einzurichten?»
Wenn der Patient sichtlich auf gutem inneren Weg im Sessel sitzt:
«Wären Sie einverstanden, Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Zehen zu richten und sie einzeln – oder vielleicht lieber alle zusammen – zu begrüssen, willkommen zu heissen? Wären Sie jetzt einverstanden, Ihre beiden Füsse in derselben Weise zu begrüssen? Und dann, wären Sie einverstanden, die Fussgelenke auch in derselben Weise zu begrüssen?» und so fort …
Wenn es an die therapeutische Arbeit geht:
«Wären Sie einverstanden, sich in Gedanken in diese Situation (die emotional relevante Situation, von der wir eben sprachen) zu versetzen, sich den aufkommenden Gefühlen so weit zu stellen, wie es Ihnen jetzt gelingt, und sind Sie einverstanden, neugierig zu sein, wie Ihr Körper darauf reagiert?»
Wenn dann die ersten Emotionen hochkommen:
«Wären Sie einverstanden, bei diesem Körpergefühl zu bleiben, Ihre Aufmerksamkeit dort zu halten, ohne zu interpretieren, und neugierig zu beobachten, wie es sich entwickelt?»
Wenn die Emotionen stark werden:
«Wären Sie einverstanden, dieses Gefühl auszuhalten und mit mir durchzuhalten?»
Wenn sich schliesslich eine Entspannung wieder eingestellt hat, oder sonst irgendein gutes Gefühl die Oberhand gewonnen hat:
«Wären Sie einverstanden, jetzt einige Augenblicke – so lange wie Sie mögen – dieses gute Gefühl auf Sie wirken zu lassen?»
Ich breche die Liste jetzt lieber ab, sonst wird es bald ätzend langweilig. Was beim Lesen oder in einem Gespräch kaum auszuhalten ist, kann aber im Zusammenhang mit Hypnosetherapie nicht nur sinnvoll, ja sogar regelrecht Gold wert sein. Dafür habe ich einige überzeugende Gründe bereit.
Respekt
Erstens – und eigentlich grundlegend – ist es eine Frage des Respekts, jemanden um sein Einverständnis zu bitten, wenn er etwas mit uns tun soll. Vorausgesetzt natürlich, es ist ernst gemeint. Und vorausgesetzt ebenso, dass die Antwort – wie auch immer sie ausfällt – bedingungslos und ohne nachträgliche Misstöne akzeptiert wird. Diese schlichte Frage nach dem Einverständnis hebt den Patienten auf Augenhöhe. Soll ein tragfähiges Vertrauen zum Therapeuten entstehen – insbesondere dann, wenn sich der Patient später mit ihm in eine hypnotische Beziehung einlassen soll – ist es essenziell, dass er sich vorbehaltlos respektiert fühlt.
Als explorierender Hypnosetherapeut treibe ich diesen Respekt dem Patienten gegenüber noch einen Schritt weiter. Ich akzeptiere nicht nur seine Reaktionen, ich aktiviere auch mein ganzes, waches, neugieriges Interesse für das, was hinter seiner Reaktion liegen könnte: «Ah? Spannend! Was teilt er mir mit dieser Reaktion ganz subtil über sich und vielleicht sogar schon über den weiteren Verlauf der Therapie mit?» Meine Fragen bleiben zwar unausgesprochen, aber vielleicht wird meine stille, besondere Aufmerksamkeit für ihn spürbar, was das therapeutische Vertrauen nur verstärken kann.
Wiederholen, wiederholen, wiederholen …
Sanfte repetitive Reize aller Art führen grundsätzlich zu Gewöhnung – oder anders gesagt zu einer allmählichen Senkung der Alarmbereitschaft. Das kritische, argumentative Denken als implizites Kind eigentlich einer Alarmbereitschaft wird durch eine einlullende Kommunikation zunehmend mit-betäubt – genau das, was wir in der Hypnose suchen. Was also für die Predigt oder für den Vortrag Gift ist, wird für die Hypnose – und bereits für deren Vorbereitung – zum Elixier.
Dieses Prinzip kennen wir bestens aus der Zeit der guten alten, klassischen Hypnose, in der die Suggestionen in mildestem Tonfall und gleichzeitig unablässig hämmernd auf den Hypnotisanden gerichtet wurden: «Immer tiefer und tiefer, immer tiefer und tiefer entspannt, ganz entspannt, immer tiefer und tiefer…». Zur Erinnerung: Es funktionierte – und zwar erstaunlich gut.
Repetitivität schafft zudem Vertrautheit: Rituale – ob persönliche oder kollektive – vom täglichen Zähneputzen bis zum weihnachtlichen «Alle Jahre wieder…», leben von Wiederholung. Sie fördern innerliche Zuversicht der Zeit gegenüber, die ansonsten nur die grosse Unberechenbarkeit bliebe. Rituale, bzw. Wiederholungen verbinden Vergangenheit und Gegenwart mit der Zukunft und lassen die Zeit zu einem vertrauten Kreislauf werden. Dass sich das Zeitempfinden in der Hypnose wesentlich verändert, ist bekanntlich ein zentrales Merkmal der Trance. Fazit: Repetitivität ist tief trancefördernd.
Im Repetitiven meiner Frage versteckt sich auch ein feines Priming: Wenn der Patient meiner ersten Einladung folgt – er betritt das Sprechzimmer –, hat er bereits einen ersten Schritt in eine grundsätzliche Stimmung von Einverständnis mit mir getan. Bitte ich ihn anschliessend mit einer sehr ähnlichen Formulierung erneut um sein Einverständnis für irgendetwas Anderes, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er aus dieser bereits eingeschlagenen Stimmung heraus zustimmt. Erweist sich auch diese zweite einvernehmliche Handlung für ihn als stimmig, vertieft sich sein Zutrauen – und mit ihm die Bereitschaft für die nächste Zusage. Und so fort.
Spannung aufbauen
Paradox – aber was ist bei der Hypnose schon nicht ein bisschen paradox? Mit meinem Gewürz baue ich neben dem Einschläfernden auch eine feine Spannung auf. Die Frage «Wären Sie einverstanden, …?» impliziert ja, dass da etwas in der Luft ist: ein kleines, doch durchaus harmloses Risiko. Wäre da keines, müsste ich nicht um Einverständnis bitten. Ein Kompliment etwa ist in der Regel eine risikofreie Aktion. Da muss ich nicht zuerst fragen: «Wären Sie einverstanden, dass ich Ihnen sage, wie ausgezeichnet Ihre Speise ist?». Mit dem Betreten des Sprechzimmers hingegen beginnt es, mit der Therapie ernst zu gelten. Dann auch mit dem Augenschluss, mit dem Entspannen. Mit dem gesamten Therapieprozess wird es ernst und spannend. Daher ist es nur ehrlich meinerseits, wenn ich es ankündige.
(Eigen-) Verantwortung
Gibt mir jemand sein Einverständnis, etwas mit mir zu tun, übernimmt er damit zwangsläufig auch Eigenverantwortung für dieses Tun. Dabei spielt es keinerlei Rolle, ob dieses Einverständnis verbal («Ja, ich bin einverstanden.») oder gar schriftlich erfolgte. Entscheidend ist, dass er sich mit dem Vorschlag innerlich verbindet, aus eigenem Antrieb, aus freien Stücken. Er übernimmt den Gedanken nicht einfach passiv, «weil er muss», aus Gehorsam. Er unterwirft sich nicht einer Autorität, die ihm die Suggestion «hypnotisch» aufträgt. Er entwirft die Idee selber, dass er da mitmachen will. Genau darin liegt der Kern dessen, was wir längst als alt bekannten Spruch kennen, dass Hypnose letztlich immer eine Selbsthypnose ist.
Das Prinzip «Fragen»
«Wären Sie einverstanden?» ist ganz einfach eine Frage. Bei genauem Hinsehen ist eine Frage ein höchst interessantes und vielschichtiges Geschehen. Abgesehen davon, dass es Fragen gibt, die gar keine sind, weil sie keine Antwort erwarten («Warum hörst du nicht endlich auf, immer den gleichen Blödsinn zu machen?» oder «Warum passieren diese Dinge immer nur mir?»), tragen echte Fragen zwei sehr unterschiedliche Aspekte in sich: den Beziehungsaspekt und den informativen Inhalt.
Auf der Beziehungsebene treten wir mit einer Frage naturgemäss in Kontakt mit einem anderen Menschen – eine banale Feststellung. Dieser Kontakt kann je nach Gestaltung der Frage unterschiedliche emotionale Färbungen annehmen. «Darf ich Sie etwas fragen?» signalisiert offensichtlich Freundlichkeit bis hin zu vorsichtiger Unterordnung und ist zudem ein hübsches kommunikatives Kuriosum: eine Frage in der Frage (ich frage Sie, ob ich Sie etwas fragen darf). Dagegen hängt es von Kontext und Tonfall ab, ob die Frage «Was hast du heute getan?» liebevoll interessiert, neutral erkundigend oder latent kontrollierend wirkt. Es bleibt auch offen, was hier eigentlich im Vordergrund steht: der Beziehungsaspekt oder die Information. Ein weites Feld für Missverständnisse …
Unabhängig davon fühlt man sich als Gefragter fast immer dem Druck einer Aufforderung ausgesetzt, der man sich kaum entziehen kann. Man kann praktisch nicht nicht antworten, denn nicht antworten ist auch eine Antwort – zumindest auf der Beziehungsebene. Genau dies macht das Fragen zu einem unglaublich mächtigen Kommunikationsinstrument.
Meine Standardfrage «Wären Sie einverstanden, …?», freundlich, respektvoll und ohne versteckte Falltüren formuliert wie sie ist, schafft also einen machtvollen kommunikativen Rahmen, um eine vertrauensvolle und autonomiefördernde Beziehung aufzubauen und zu stärken.
Vergleich mit üblichen Alternativen
Natürlich gibt es auch viele andere Formulierungen, die höflich, permissiv, wertschätzend klingen – und die durchaus auch zu guten Trancen führen können. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, einige von ihnen ein wenig zu sezieren, zu mikroskopieren und aus reinem Interesse freizulegen, was sie an impliziten Botschaften ganz nebenbei mitliefern.
«Ich lade Sie ein, … (z.B. die Augen zu schliessen)»
Normalerweise drückt sich ein Gastgeber mit einer solchen Formulierung aus. Sie bedeutet in etwa: «Seien Sie willkommen in meinem Raum– ich gebe Ihnen gerne Zutritt.». Sie klingt sicher freundlich und wohlmeinend, schafft aber für einen therapeutischen Rahmen ein unpassendes Gefälle. Sie kommt dem Erteilen einer Erlaubnis nahe. In Wirklichkeit tritt der Patient aber in keiner Weise in den Raum des Therapeuten ein – eher umgekehrt. Wenn die therapeutische Beziehung optimal läuft, bauen sie zusammen den gemeinsamen Brutkasten auf (s. Text 29, «Die Metapher des Brutkastens»), und da braucht der Patient nicht vom Therapeuten darin eingeladen zu werden.
«Sie können vielleicht, … (z.B. die Augen schliessen)»
Mit dieser undurchsichtigen Formulierung wird der Patient kaum klar erkennen können, was der Therapeut damit beabsichtigt und dürfte sich innerlich fragen: «Ja, ich könnte vielleicht schon…, aber wozu eigentlich? Und was, wenn ich es nicht kann?». Die Intention des Therapeuten bleibt diffus, es wird keine Sicherheit vermittelt, auch keine spürbare Ermunterung, sich in einen Prozess zu engagieren. Es bleibt bei einem relativ unverbindlichen, blutleeren Vorschlag, der nirgendwo Vertrauen in vorhandene Stärken weckt.
«Versuchen Sie, … (z.B. die Augen zu schliessen)»
Ein Klassiker unter den eher unglücklichen Formulierungen. Denn mit dem «Versuchen» ist das Scheitern bereits elegant mitgeliefert. Die Botschaft lautet unterschwellig: Es könnte auch schiefgehen. Das Vertrauen des Therapeuten in die Fähigkeiten des Patienten wird hier sehr sparsam gespendet. Immerhin, «Versuchen Sie es!» kann zu einem Hauch Mut ermuntern.
«Ich bitte Sie, … (z.B. die Augen zu schliessen)»
Na, bitte! Für wen eigentlich? Soll der Patient etwa die Augen schliessen, um sich dem Therapeuten gefällig zu zeigen? Wem soll letztlich diese Aktion dienen?
«Jetzt machen Sie einfach … (z.B. die Augen zu)»
Ausblick
Vielleicht haben Sie den Eindruck gewonnen, mit meinen Ausführungen über alle möglichen Implikationen hätte ich ein bisschen Haare in der Suppe gesucht. Ganz Unrecht hätten Sie damit nicht. Formulierungen in der Hypnose lassen sich nicht ganz so eins zu eins auf die Goldwaage legen. Viel entscheidender ist die therapeutische Atmosphäre. Kommunikation verträgt eine gewisse Unschärfe – ja sie lebt davon. Gleichzeitig wissen wir, dass Menschen in Trance eine deutlich ausgeprägtere Neigung haben, Gesagtes wörtlich zu nehmen als im Wachzustand. Der Wachzustand hingegen ist ein Meister darin, Bedeutungen zu vernebeln, zu verwässern oder grosszügig zu überhören. Zudem gestehe ich: Ich liebe es, mir zwischendurch die Zeit zu nehmen, in aller Ruhe und Tiefe zu reflektieren, was ich eigentlich genau sage und tue…
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1 «AromatR» ist in der Schweiz das nationale Universalwürzmittel – übrigens praktisch ungefähr zur gleichen Zeit entstanden wie ich – hergestellt von unserer guten alten Firma «Knorr». Es verleiht jeder Speise seinen deftigen, unverwechselbaren, heimatlichen Geschmack von Natriumglutamat.