Die aktive Introjektion

eine hypnosetherapeutische Technik für Fortgeschrittene


Techniken 7Die aktive
Introjektion

Text 30


Die aktive Introjektion

eine hypnosetherapeutische Technik für Fortgeschrittene

Einleitung

Diese Technik – mit vollem Namen „Aktive Introjektion des Therapeuten in Hypnose“ – wurde ursprünglich in Zusammenarbeit mit Gaetano Benedetti (1920-2013) für die Arbeit mit schizophrenen Patienten entwickelt. Benedetti galt als einer der grossen Pioniere der psychoanalytischen Behandlung von schizophrenen Patienten. Er hatte lange Jahre eine Professur für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel inne. Sein Interesse für die Hypnose führte dazu, dass wir mehrere Jahre lang zusammen erforschten, wie sich seine aus der Psychoanalyse stammenden theoretischen und therapeutischen Konzepte für die Arbeit mit psychotischen Patienten mit der medizinischen Hypnose verbinden liessen. Gleichzeitig öffnete sich die Frage, wie diese zwei Ansätze sich gegenseitig befruchten konnten.

Die beiden bedeutendsten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit zeigten sich auf zwei Ebenen. Einerseits, auf der theoretischen Ebene im Zusammenhang mit der Frage des Wesens der Hypnose, führte sie zur wegweisenden Erkenntnis, dass ihr entscheidender Drehpunkt in einer ganz besonders gearteten, symbiotischen Beziehung liegt. Auf der praktischen Ebene führte sie zur konkreten Entwicklung der Technik der „aktiven Introjektion“. Letztere, zwar ursprünglich für die Psychotherapie von schizophrenen Patienten entwickelt, erwies sich auch bei anderen Pathologien als hilfreiche und potente Intervention, beispielsweise in der Behandlung von Borderline- und anderen Persönlichkeitsstörungen, dissoziativen Störungen u.ä. Besonders in heiklen Phasen einer Therapie kann sie zur Vertiefung der Arbeit dienen und bei der Stabilisierung der Patienten von Nutzen sein, indem sie die therapeutische Nähe maximiert und besondere, gezielte Interventionen zur Symbolbildung ermöglicht, immer unter der Voraussetzung, dass die therapeutische Beziehung schon auf einem soliden Boden bauen kann.

Gerade wegen ihrer besonderen Potenz, und auch aufgrund der möglichen Fallen darf diese Technik selbstredend ausschliesslich von Therapeuten in Bereichen eingesetzt werden, in denen sie bereits anderweitig gründlich geschult sind, und wenn sie im Umgang mit der Hypnose über genügend Erfahrung verfügen. Es wäre ein Kunstfehler davon auszugehen, mit dieser Technik habe man etwas in die Hand bekommen, um sich in Psychotherapien mit psychotischen Patienten ohne entsprechenden Hintergrund einzulassen. Die aktive Introjektion verstärkt die therapeutische Nähe nämlich in einem Ausmass, dass sich beispielsweise Ausrutscher in der Abstinenz schnell als Retraumatisierungen auswirken können. Hier gilt also noch mehr als sonst der allgemeine Grundsatz der Hypnosetherapie: „Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten!“.

In diesem Text schildere ich den praktischen Ablauf – das Protokoll – der Methode. In späteren Texten werde ich auf die psychodynamischen und theoretischen Konzepte Benedettis – wie beispielsweise die gegenseitige Partizipation der Unbewussten, das Übergangssubjekt, die progressive Psychopathologie usw. – eingehen, um ein vertieftes Verständnis der Dynamik und der Wirkungen dieser Methode zu ermöglichen. Daraus wird sich auch eine genauere Diskussion der Indikationen und Kontraindikationen dieser Methode ergeben. Wie Hypnose konkret in anderen Psychotherapien mit psychotischen Patienten eingebaut werden kann, wird Gegenstand ebenfalls späterer Texte sein.

Die Praxis der Methode

1. Die Induktion

Die Wahl der Induktion ist völlig offen und frei. Nicht anders als bei allen anderen hypnotischen Methoden hat die Induktion im Grunde nur einen Zweck zu erfüllen: In unterschiedlichen technischen Varianten geht es immer darum, zwischen dem Patienten und dem Therapeuten eine sichernde, symbiotisch geprägte, hypnotische Beziehung herzustellen. Erst wenn diese ausreichend installiert ist, kann der Patient auf seine mehr oder weniger bewussten Kontrollmechanismen über den Therapeuten („Was macht er jetzt?“, „Weshalb sagt er das?“, „Was will er?“, „Was denkt er über mich?“ usw.…) zugunsten eines verschmelzenden, naiven Vertrauens verzichten. Erst dank dieser besonderen Beziehungsform kann er sich voll und ganz nach innen seinen verborgenen Bildern öffnen und dabei gleichzeitig nach aussen in Interaktion mit dem Therapeuten bleiben. Diese Form von Bezugnahme ist die Grundlage dessen, was wir dann die hypnotische Trance nennen.

Entsprechend können die Induktionen mannigfaltige Formen annehmen: Wenn eine gemeinsame Entscheidung zugrunde liegt, dass man jetzt zur Hypnose übergeht, dann wird jede einfache, klassische Induktion zum Ziel führen. In manchen Fällen wird eine ausführlichere, sichernde Induktion erforderlich sein, bis der Patient genügend Mut findet, sich schwierigen, emotionalen Erfahrungen in der Trance zu stellen. Andererseits kann der Anlass der Induktion auch spontan aus dem Moment entstehen, wenn beispielsweise im Verlauf eines therapeutischen Gesprächs plötzlich eine Verschiebung in Richtung einer Emotion oder sonst etwas Beachtenswertes stattfindet, und dies gleich aufgegriffen wird. Dann reicht meist ein überzeugtes und ganz einfaches: „Wären Sie einverstanden, jetzt die Augen zu schliessen?“, um diese emotionale Spur von da dann in Trance weiter zu verfolgen. In einer speziellen Situation habe ich beispielsweise auch schon erlebt, dass sich eine Patientin auf meine Frage, ob sie bereit sei, in Hypnose zu gehen, wortlos auf ihrem Sitz von mir abwendete, mir den Rücken zuwandte und in Schweigen versank, bis ich ihr Schritt zwei vorschlug.

2. Der freie Traum

Nachdem die Induktion den Patienten nun in gesicherter Weise in Trance hat sinken lassen, laden wir ihn jetzt ein, ganz offen in seinen Innenraum zu gleiten und neugierig zu sein, was kommt. Entsprechend der jeweiligen Induktionsweise bestehen auch verschiedene Möglichkeiten.

- Wenn wir die Hypnose formell eingeleitet haben, laden wir den Patienten ein, spontan einen freien, hypnotischen Traum mit möglichst unbeabsichtigtem Inhalt aus seinem Unbewussten aufkommen zu lassen. Wir können dafür den Vergleich mit einem Nachttraum beiziehen. Und wir lassen ihm Zeit.

- Wenn die Kurzinduktion aus einer beginnenden Emotionalisierung des Gesprächs heraus entstanden ist ¬– wir also nur den Augenschluss vorschlagen mussten – erübrigt sich die eben erwähnte Einladung, denn der Patient befindet sich ja schon mitten in einem emotionalen Thema drin. Mit dem Augenschluss geschieht ja kein Themenwechsel, im Gegenteil: In der Trance fokussieren wir noch intensiver auf den emotionalen Gehalt des bestehenden Themas. Wir haben eigentlich nur den Raum gewechselt und dasselbe Thema beibehalten. Jetzt brauchen wir nichts Weiteres zu tun als den Patienten interessiert und präsent in dem zu begleiten, was sich weiterentwickelt.

Alternative Ausgangspunkte können auch beispielsweise Affektbrücken sein, die den Patienten in leidvolle Kindheitserlebnisse zurückgeführt haben, oder Albträume, die wir auch auf diese Weise in Trance wiedererleben lassen.

In allen Fällen müssen wir darauf gefasst sein, dass die aufkommenden Bilder und Gefühle durchaus sehr unangenehm sein können oder dass sie es im Verlauf werden. Doch geht es bei der „aktiven Introjektion“ ausdrücklich nicht um „Wellnesstrancen“ oder „Beruhigungstrancen“, sondern darum, mit der Hypnose eine sichere Bühne für unerträglich erscheinende Gefühle und Bilder zu schaffen, um darin und daran arbeiten zu können.

Wichtige Bemerkung:

Logischerweise muss die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut während des gesamten Ablaufs der „aktiven Introjektionsmethode“ im verbalen Austausch (laut) stattfinden. Wäre der Patient in seiner Trance in Schweigen versunken, könnte der Therapeut seine Interventionen nicht auf die jeweilige Lage des Patienten abstimmen.

3. Die Aufforderung, die Präsenz des Therapeuten ins Bild hinein zu symbolisieren

Dieser dritte Schritt, zusammen mit dem vierten, stellt den Angelpunkt der Methode dar: Der Patient ist jetzt vielleicht in einem sehr unangenehmen Bild am Strampeln, und nun fragen wir ihn „Wo bin ich in dieser Szene? Und wer oder was bin ich jetzt in Ihrem Bild?“ Auf den ersten Blick mag dieser Schritt etwas skurril erscheinen, oberflächlich betrachtet sogar übergriffig. Will sich der Therapeut plötzlich ins Bild des Patienten einmischen? Wo bleibt hier die therapeutische Abstinenz, wenn ein solch unverfrorener Einlass in seine Innenwelt gefordert wird?

Wenn wir diese Frage einem Patienten zum ersten Mal stellen, und insbesondere, wenn seine Trance noch relativ oberflächlich ist (damit ist gemeint: wenn sich der Patient noch ziemlich bewusst durch den Bezug zur Aussenwelt absichert), wird er uns nicht selten sachlich ganz richtig, aussenweltbezogen antworten: „Sie sitzen mir gegenüber, und Sie sind mein Therapeut.“ Kein Zweifel hat dies etwas Wahres an sich, allerdings hat er dabei etwas überhört, nämlich dass ich davon sprach: „…in Ihrem Bild, … in Ihrer Szene…“. Hier kann ich ihm den Sinn meiner Frage etwas etwa auf diese Weise verständlicher machen: „Stimmt, ich sitze Ihnen gegenüber. Sie sitzen aber jetzt auch in der Kälte Ihrer Gefängniszelle (je nach dem, was sein Bild ist), und Sie hören dort ja auch meine Stimme. Also muss ich dort auch irgendwo als irgendetwas vorhanden sein. Und was bin ich dort?“

Meine Frage zielt also darauf ab, meine bestehende Präsenz in seiner Szenerie in Form eines Symbols bewusst verbildlichen zu lassen. Mit dieser Frage mache ich im Grunde meine doppelte Präsenz – ein unanfechtbarer Ausdruck von Trance – bewusst: Mental bin ich in seinem Bild, und physisch bin ich neben ihm. Diese Frage ist also nicht Einmischung in das Innenleben des Patienten, auch nicht Verlassen der Abstinenzregel. Denn die eigenartige doppelte Präsenz des Therapeuten ist nicht ein Produkt von Suggestion, sondern durch die Natur der hypnotischen Situation gegeben. Um dies zu verständlich zu machen, können wir das entscheidende Stichwort „Trancelogik“ beiziehen. In der Trance gilt eine völlig andere Form von Logik als im Wachzustand. Dinge, die in der äusseren Realität einem Gesetz des „Entweder-oder“ unterliegen, verzaubern sich in der Trance mühelos zu einem „Sowohl-als-auch“. Paris kann gleichzeitig London sein und in Afrika liegen, eine Logik, die wir auch aus dem Träumen kennen. Trancelogik kennt keine Unvereinbarkeiten, und dank ihr können wir also parallel in zwei, für die wache Logik unvereinbaren Welten existieren. Für einen Patienten in Trance können wir somit gleichzeitig die sichernde und begleitende Fachperson aussen sein, und innen als etwas ganz Anderes im hypnotischen Szenario des Patienten leben und wirken. So betrachtet hat unsere Frage in keiner Weise etwas Unnatürliches an sich und bedeutet auch keinen unerlaubten Eingriff in die Seelenwelt des Patienten.

Genau betrachtet verletzt unsere Frage auch das Gebot der Abstinenz nicht. Der Patient wird ja eingeladen, selber die Präsenz des Therapeuten als eigenes, inneres Bild so zu gestalten, wie er ihn jetzt unbewusst wahrnimmt und wie es in seine momentane Szenerie hineinpasst. Entscheidend an der Wirkung dieses Symbolbilds ist, dass wir uns vom Patienten gestalten lassen, und dass nicht wir uns selber, aus unserer eigenen Phantasie heraus in irgendeiner Form einbringen (und schon gar nicht in nicht symbolisierter Form, quasi als persönlicher Retter: Dies wäre ein sträflicher Übergriff).

Dadurch, dass der Patient Schöpfer und Gestalter dieses Bildes ist, hat einerseits er die Dinge in der Hand, andererseits zeichnet er in diesem Bild eigentlich auch eine Darstellung seines eigenen „inneren Therapeuten“. Das Bild ist also eigentlich ein umfassendes „symbolisiertes Therapeutenbild“. Als (äussere) Therapeuten helfen wir durch unsere Anwesenheit und durch ein Resonanzphänomen, das „therapeutische Selbst“ des Patienten zu aktivieren und anzuregen. In dieses oftmals noch schwache Therapeutenbild bringen wir gewissermassen unsere „therapeutische Substanz“ in Form der hypnotischen Beziehung als Belebung und Stärkung ein.

Die Vielfalt der Gestalten, die uns als Therapeuten in der „aktiven Introjektion“ angeboten werden, ist grenzenlos. Da werden wir einmal zu einem heiligen Christophorus oder zu einem gutmütig beschützenden Bernhardiner. Ein anderes Mal können wir irgendein Gnom oder Talisman sein, oder gar ein ferner Stern. Oder wir sind Strickleitern, die der Patient benötigt, um aus der Tiefe eines Brunnenschachts hochzuklettern. Ich war auch schon Rückwand eines Besenschranks, in welchem die Patientin eingesperrt war, oder ich diente als Schlüsselloch, durch das ein schreckliches Geschehen im Schlafzimmer eines kleinen Mädchens erspäht werden konnte.

4. Die Identifikation mit dem Symbol in der „Gegentrance“ („parallele Trance“)

Der nächste Schritt findet zeitgleich mit dem vorhergehenden statt. Er besteht darin, dass sich der Therapeut jetzt selber auch in Trance sinken lässt, in eine „Gegentrance“ oder „parallele Trance“, und dabei versucht, sich mit dem Bild, das der Patient von ihm gestaltet hat, möglichst vollständig und konkret zu identifizieren. Er lässt also nicht einfach in Trance ein eigenes Symbolbild des Patienten aufkommen, sondern er übernimmt identifikatorisch einen Ausschnitt der Bilderwelt des Patienten, und schlüpft in ihn hinein. Dies stellt eine viel intensivere Identifikation dar als die normale Empathie.

Ein solcher Identifikationsversuch kann sich für den Therapeuten als recht herausfordernd gestalten. Denn er soll nicht nur bestrebt sein, das vom Patienten entworfene Bild (auf seine Art und Weise) zu sehen, sondern ganz – „mit Leib und Seele“ – hineinzugehen und sich hineinzufühlen. Je nach Vorgabe ist eine wörtliche Umsetzung dieser Aufgabe von Natur aus unmöglich, manchmal ist sie auch mit unangenehmen Gefühlen für den Therapeuten verbunden.

In der Gestalt eines Christophorus beispielsweise muss ich versuchen zu spüren, wie ein Kind tonnenschwer auf meinen Schultern lastet, mich erdrückt und mich beinahe in den Fluten des Flusses ertrinken lässt. Hier ist es noch relativ einfach mitzufühlen, weil die meisten Menschen auf ähnliche, selbst erlebte Erfahrungen zurückgreifen können. Schon beim Bernhardinerdasein wird man mit dem Problem des Vierbeinerstands konfrontiert. Das mentale Einarbeiten in diese Position stellt uns vor eine etwas komplexere Aufgabe. Einen herzerweichenden Blick aufzusetzen, um Sicherheit auszustrahlen, wird leichter fallen. Sich dann noch als einen Gegenstand wie einen Talisman oder eine Strickleiter oder gar als Besenschrankrückwand zu erleben, wird erst recht zur Herausforderung. Wir reden nicht davon, wie man sich die Existenz als Schlüsselloch als Erlebnis vorstellen soll…

Diese Identifikation kann man nicht in irgendeinem Sinn „richtig“ machen. Eine absolute Konformität in allen Details mit der Vorlage ist ja naturgemäss unmöglich und auch nicht erfordert, weil unsere Gefühle und Bilder bei dieser Identifikation in jedem Fall unsere Eigenproduktion bleiben. Wertvoll wird hingegen, sich in Selbstbeobachtung und in Neugier zu üben, was in uns vorgeht, während wir uns in dieses Kunststück einlassen: Wie einfach oder schwierig ist es für mich, in dieses Symbol hineinzuschlüpfen? Welche Gefühle kommen dabei auf? Wie wohl fühle ich mich in dieser Rolle? Widersteht sie mir, dann weshalb? Wird das Ganze mir zu intim? Oder fühle ich mich im Gegenteil dem Patienten endlich nahe? Ist es mir sogar schlicht unmöglich, mich hineinzuversetzen? usw.

5. Die Interventionen und ihre Varianten

Nun sind wir im Prozess dieser hypnotischen Identifikation, und was sollen wir damit anfangen?


1. Nur präsent sein

Schweigend nichts tun, aber in unserer übernommenen Rolle doch sehr intensiv präsent sein – vielleicht hie und da mit einem zustimmenden «Hmmm» – ist sicher die erste und meist auch die wirksamste Wahl. Es reicht dann allenfalls eine ganz kurze bestätigende Intervention wie etwa: „Ja, ich bin jetzt der Bernhardiner.“, damit sich der Patient sicher fühlen kann, dass wir bei ihm sind.

Eine solche, zurückhaltende Reaktion lässt dem Patienten die grösste Freiheit und Autonomie, seine Bilder in ganz eigener Art und Weise weiter kreativ zu entwickeln. Die Präsenz des Therapeuten und dazu seine Identifikation mit dem Bild wirken ohnehin auf das emotionale Geschehen ein, und machen daraus eine stille Co-Kreation. Es entsteht so ein therapeutisches Feld, das wie ein Brutkasten wirkt.


2. Sich über die Befindlichkeit des Symbols erkundigen

Das stille In-Resonanz-Sein allein reicht nicht immer aus, um wirklich etwas spürbar Heilsames stattfinden zu lassen. Manchmal drückt es der Patient aus, oder wir spüren es. Dann können wir uns in einer ersten Stufe beim Patienten erkundigen, wie es uns als Symbolbild ergeht.

Eine Frage wie: „Wie geht es mir?“ klingt natürlich auf den ersten Blick etwas verwunderlich und schräg. Gemeint ist aber natürlich: als Talisman, als Strickleiter etc. Diese Präzisierung muss je nach dem explizit ausgesprochen werden, oft aber versteht sie der Patient von alleine implizit richtig, denn die Frage kommt ja aus dem Symbolbild heraus.

Wir überlassen immer noch vollständig dem Patienten die Gestaltung der Antwort ohne inhaltliche Anregung von Seiten des Therapeuten.


3. Die eigene Befindlichkeit aussprechen

Als nächste Stufe, wenn die Aufgabe, die Befindlichkeit des Therapeutensymbols zu erspüren, die imaginativen Fähigkeiten eines Patienten überfordern, haben wir als Therapeuten auch die Möglichkeit, vorsichtig Eigenes einzubringen, das aus unserem therapeutischen Spiegelgefühl entstammt.

Dann können wir Rückmeldungen geben, wie: „Ich spüre auf meinen Schultern die beklemmende Schwere der Last, die ich tragen muss (als Christophorus)“. Oder: „Ich fühle mich (als Besenschrankrückwand) starr und auch hilflos, nicht in der Lage, irgendwie aktiv helfend einzugreifen.“

Solche Rückmeldungen müssen unbedingt einem authentischen Erleben des Therapeuten entsprechen, egal ob dieses nur in seiner mitfühlenden, identifikatorischen Phantasie empfunden wird. Wäre eine solche Rückmeldung nur intellektuell zurechtgelegt und nicht echt, käme sie – gerade in dieser höchst intimen Trancesituation – als „fake“ an und würde bestimmt als dies wahrgenommen. Sie würde dann viel eher eine innere Distanzierung fördern und somit das Gegenteil dessen erreichen, was angestrebt wird.

Das Aussprechen von Befindlichkeiten des Therapeuten auf einer Symbolebene hat eine Wirkung sowohl auf den Patienten wie auf den Therapeuten: Stimmt unsere empathische Spiegelung, so wird sich der Patient in ihr erkannt und anerkannt fühlen, und wird mit gesteigerter Zuversicht an sich arbeiten können. Auch der Therapeut kann häufig dabei gewinnen, indem er feststellt, dass das Gefühl, das er im Symbolbild wahrnimmt, eine Karikatur – oder zumindest eine Erhöhung – eines Gefühls ist, das er der Therapie gegenüber schon lange empfand und das er bisher nicht mit dieser Bewusstheit wahrgenommen hatte. Das Therapeutenbild spiegelt ihm also etwas, was das Formulieren ihm danach noch augenscheinlicher macht.


4. Einbringen der partizipierenden Kreativität des Therapeuten

Es können in der aktiven Introjektion Situationen auftreten, in denen das innere Szenario des Patienten derart bedrohlich wird – wenn seine Affekte beispielsweise unverrückbar, unheilschwanger und blockiert erscheinen – dass wir als Therapeuten weder still zuwarten noch auf die spontane Wirkung der Ressourcen des Patienten hoffen können. Die nur abwartend begleitende Haltung würde hier womöglich den Bogen des Durchhaltevermögens des Patienten überspannen.

Dann macht es Sinn, sich in einer aktiveren Form einzubringen – natürlich immer aus der Position des Symbolbilds heraus. Der Therapeut mobilisiert jetzt seine eigene therapeutische Kreativität und bringt einen vorsichtigen Veränderungsvorschlag ein, der ihr entsprungen ist.

Zu einem solchen, therapeutisch kreativen Einfall gelangen wir am einfachsten, wenn wir uns aus der Symbolposition die Frage stellen, welcher Impuls in uns entsteht. Als Bernhardinerhund spüre ich beispielsweise, dass die Bedrohung für mein Herrchen ein derartiges Mass erreicht, dass ich mir ernsthafte Sorgen um ihn mache. Was würde ich da am liebsten tun? Warum nicht sein Hosenbein mit den Zähnen anpacken und ihn mit aller Kraft aus der Gefahrenzone wegzerren? Diese Phantasie teile ich dann dem Patienten mit. Anderes Beispiel: Was soll ich als Schlüsselloch, wenn ich dabei nur meine absolute Ohnmacht spüren muss, und nicht im Geringsten daran denken kann, eingreifen zu können? Vielleicht bleibt mir als einziger Beitrag übrig, irgendwie ein Durchgang für Blicke von Zeugen zu sein und so das Gedächtnis für das zu ermöglichen, was man durch mich sehen konnte? Ich weiss nicht, ob ein Schlüsselloch dies kann oder nicht, aber entscheiden wird die Patientin mit ihrer Reaktion.

Alle Vorschläge dieser Art müssen natürlich in einer strikt explorativen Einstellung des Therapeuten eingebettet sein. Wenn wir ganz sicher gehen wollen, leiten wir sie mit einer Frage ein: «Was denken Sie, mir kommt das Gefühl auf, am liebsten würde ich…». Mit dem entsprechenden Tonfall kann man auch bestimmter schildern, wie es einem ergeht. Nur muss ich dies immer mit der Neugier einbringen: Wie reagiert der Patient darauf? Unter keinen Umständen darf unserem Einfall ein Geruch von «Das ist die Lösung!» oder «Hier haben den besten Weg!» anhaften.


Weshalb diese Abstufung der Interventionen?

Unsere Rolle als Hypnosetherapeuten kann nicht darin bestehen, den Patienten auf eine Genesung hin zu steuern oder ihn dazu anleiten zu wollen. Dazu müssten wir über eine Unmenge von Kenntnissen – praktisch alles über ihn, seine Geschichte, seine Ressourcen etc. – verfügen können: ein Ding der Unmöglichkeit! Zudem würden wir signalisieren, dass wir an der Wirksamkeit seiner intrinsischen Resilienz zweifeln, was eine ungünstige Botschaft an ihn wäre. Was aber wirklich in unserer Macht liegt: Wir können mit dem Patienten einen Rahmen aufbauen, in dem eine optimale Aktivierung seiner inneren Ressourcen und Potentiale möglich wird.

Bedingung um dies zu verwirklichen, ist aber, dass alle unsere Interventionen die Autonomie des Patienten und seine Kreativität maximal fördern. Je weniger wir an seiner Stelle tun – gleichwohl ihn immer intensiv präsent begleitend – umso eher kann er selber auf Lösungen aus seinen ganz eigenen Ressourcen stossen. Diese therapeutische Haltung lässt sich metaphorisch etwa mit dem Bild eines Grossvaters veranschaulichen, der sein kleines Enkelkind, ohne es zu zwingen, an der Hand nimmt: „Komm, Kind, gehen wir mal hin und schauen!» So begleitet er ihn in den Wald, und ist darauf bedacht, ihn neugierig und mit der Wildnis vertraut zu machen. Wenn es sein muss, trägt er selbstverständlich das Kind über eine schwierige Stelle.

6. Abschluss der Trance

Bei der aktiven Introjektion gibt es, wie bei der Induktion, auch in der Rücknahme der Trance keine grundsätzlichen Unterschiede zu anderen Hypnosen. Es müssen allerdings zwei Grundsituationen unterschieden werden. Entweder lässt sich die Hypnose auf geplante Weise im Verlauf der Sitzung abschliessen, oder sie muss aus Zeitgründen vorzeitig, mitten in einem belastenden Geschehen, abgebrochen werden, ohne dass man zu einem «happy end» gelangen konnte. Währenddem in der ersten Situation eine organisierte Ausleitung der Hypnose keine besonderen Probleme aufwirft, kann die zweite für eine aktive Introjektionshypnose zur Herausforderung werden.

Je nach Bedrohlichkeit der Szenerie kann der Therapeut die Hypnose nicht einfach abbrechen und sagen, die Zeit sei vorbei. Als einer der möglichen Auswege hat sich bewährt, dem Patienten etwa folgendes vorzuschlagen: «Nehmen Sie sich jetzt Zeit, einen vorläufigen Abschluss zu finden, und lassen Sie die Bilder und Emotionen, in denen Sie sich jetzt befinden, wieder dorthin zurücksinken, woher sie kommen. Dort werden sie sich weiter entwickeln, und vielleicht wird Ihnen in der Zeit bis zur nächsten Sitzung ein Nachttraum kommen, der Ihnen nächste Schritte aufzeigen kann. Nehmen Sie sich jetzt ruhig Zeit.». Indirekt werden damit dem Patienten mehrere implizite Mitteilungen mitgegeben: 1. Es sind da Emotionen und innere Bilder am Werk, die schon vorher in ihm (in seinem Unbewussten) existierten. 2. Diese Bilder werden sich weiter entwickeln und gehören in dieselbe Welt wie die Traumbilder. 3. Ein möglicherweise auftretender Nachttraum wird die Funktion eines Übergangsobjekts einnehmen können und so die Zeit ohne den Therapeuten überbrücken.


Ausblick

In diesem Text habe ich mich darauf beschränkt, die Methode der «Aktiven Introjektion des Therapeuten in Hypnose» mehr oder weniger wie ein Kochrezept zu beschreiben. Wie schon in der Einleitung erwähnt, ist die Anwendung dieses Rezepts nur für Therapeuten geeignet, die sich mit einem Patienten aufgrund ihrer Erfahrung in Hypnosetherapie und mit einer genügenden Expertise in der jeweiligen Pathologie sicher fühlen. In späteren Texten werde ich die theoretischen Hintergründe und therapeutischen Konzepte noch vertieft vorstellen. Für heute soll es reichen …






«Je le pansay, Dieu le guarist.»

(Ich versorgte ihn, Gott hat ihn geheilt.)

Ambroise Paré (1510-1590), französischer Chirurg


Techniken 7Die aktive
Introjektion


Text 31

Ein wirkungsvoller Hebel in der Hypnosetherapie: die Methode der « aktiven Introjektion des Therapeuten in Hypnose »


Vortrag am 27. Internationalen Seminar für Autogene Psychotherapie und Hypnosepsychotherapie in Rust (A), online gehalten am 21. April 2021

Einleitung

Psychosen geniessen allgemein den Ruf der Kontraindikation par excellence für Hypnose. Oft wird argumentiert, solche Patienten seien entweder nicht hypnotisierbar oder nicht therapiefähig, und Hypnose könnte Exazerbationen oder gar Dekompensationen auslösen. Für diese Befürchtungen gibt es allerdings keinerlei Belege, vorausgesetzt natürlich, die Hypnose wurde lege artis angewendet. Die wissenschaftliche Forschung widerlegt sogar diese Behauptungen. So wurde die Hypnotisierbarkeit psychotischer Patienten in einem ausführlichen Review von Pettinati schon 1982 sowohl experimentell wie auch klinisch nachgewiesen. Zahlreiche, klinische Arbeiten belegen zudem auf empirischer Ebene die Nützlichkeit der Hypnose bei psychotischen Patienten.

Das Interesse für die Hypnose bei Psychosen ging sogar so weit, dass sich schon vor mehr als vier Jahrzehnten Joan Murray-Jöbsis, eine der ganz frühen Pioniere der Hypnotherapie im Bereich der Psychosen, versprach, dass die Erforschung psychotischer Zustände mittels Hypnose unser Verständnis nicht nur der Psychose, sondern auch das der Hypnose vorantreiben könnte. So erkennen wir heute tatsächlich manche Zustände, die früher als psychotisch taxiert wurden, als dissoziative Trancen.

Die Methode der „Aktiven Introjektion des Therapeuten in Hypnose“, die hier vorgestellt wird, wurde in Zusammenarbeit mit Gaetano Benedetti (1920-2013) ursprünglich für die Arbeit mit schizophrenen Patienten entwickelt. Benedetti gilt als einer der grossen Pioniere der psychoanalytischen Behandlung von schizophrenen Patienten. Er hatte lange Jahre eine Professur für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel inne. Sein Interesse für die Hypnose führte dazu, dass wir über längere Zeit zusammen erforschten, wie sich seine aus der Psychoanalyse stammenden theoretischen und therapeutischen Konzepte für die Arbeit mit psychotischen Patienten mit der medizinischen Hypnose verbinden liessen.

Die konkretesten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit zeigten sich für die Hypnose auf zwei Ebenen. Einerseits zeigte sich auf der theoretischen Ebene, dass Hypnose weniger als Zustand zu verstehen ist, als dass sie darin besteht, eine aussergewöhnliche, symbiotische Form von Beziehung aufzubauen, welche dann zu entsprechenden Veränderungen des Bewusstseinszustands führen. Aus dieser Erkenntnis leitet sich ab, dass im Zentrum der Beschäftigung des Hypnosetherapeuten nicht technische Aspekte oder das Herbeiführen eines bestimmten Bewusstseinszustands stehen müssen, als vielmehr die Verschiebung der Beziehungsebene in einen primäreren Bereich.

Auf der praktischen Ebene entstand aus dieser Zusammenarbeit ein konkretes Resultat in Form der Methode der „aktiven Introjektion“. Ursprünglich war sie für die Psychotherapie von schizophrenen Patienten entwickelt, erwies sich aber bald als hilfreiche und potente Intervention auch bei anderen Pathologien, beispielsweise in der Behandlung von Borderline- und anderen Persönlichkeitsstörungen, von dissoziativen Störungen u.ä.. Insbesondere in heiklen Phasen solcher Therapien kann sie zur Vertiefung und zur Sicherung der Arbeit dienen und so eine gleichzeitig stabilisierende und aktivierende Rolle spielen.

Benedettis theoretische und therapeutische Konzepte

Bevor wir uns mit den praktischen Aspekten dieser Methode beschäftigen, und für ein einfacheres Verständnis, wagen wir zuerst Benedettis Terminologie und therapeutische Konzepte möglichst einfach zusammenzufassen und damit gleichzeitig einen kurzen, wertvollen Einblick in die Welt der Psychotherapie von Psychosen zu gewähren. Ausgangspunkt von Benedettis Konzepten der Psychopathologie der Psychosen ist hauptsächlich Manfred Bleulers Modell der Schizophrenie mit den Begriffen der Spaltung und des Autismus. Mit grosser Denkschärfe und mit ebenso unerschütterlichem, menschlichem Engagement entwickelte Benedetti diese Konzepte weiter, um dann ein eigenes therapeutisches Gebäude aufzustellen, das er in zahlreichen Publikationen, in einem eigenen Institut in Mailand und an seinem Lehrstuhl in Basel unterrichtete. Wohl die zentralsten konzeptuellen Beiträge Benedettis dürften die Prägung der Begriffe der „gegenseitigen Partizipation der Unbewussten“ und des „Übergangssubjekts“ sein.


Die gegenseitige Partizipation der Unbewussten

Unter der „gegenseitigen Partizipation der Unbewussten“ versteht Benedetti eine Art Resonanzphänomen, das viel weiter geht als nur Empathie. Durch die Partizipation nimmt der Therapeut an der psychotischen Welt des Patienten teil, er übernimmt sie zu einem gewissen Teil in sein eigenes Unbewusstes, von wo aus er sie miterlebt. Dieser unbewusste Prozess kann nicht aufgrund eines bewussten Willensaktes produziert werden. Partizipation geht viel weiter als ein mitfühlendes „Wie schlimm muss das sein!“. Es geht um ein authentisches Ergriffenwerden, um ein Hineingezogenwerden in das Grauen der psychotischen Welt des Unbewussten seines Patienten. Das Einzige, was der Therapeut bewusst beitragen kann, ist die Voraussetzung einer grundsätzlichen Bereitschaft dazu.

Ganz wo anders gelegen ist die Identifikation. Diese stellt einen bewussten, aktiven Versuch dar, sich die Welt des Patienten vorzustellen. Es geht also nicht darum, sich mit dem Patienten und seinen Problemen identifizieren zu wollen.

Findet die Partizipation statt, kann sich der Therapeut diesem Erleben nicht entziehen, aber im Unterschied zum Patienten ist er in der Lage, diese Erfahrung – bei entsprechender Professionalität – einzuordnen und zu metabolisieren.

Die Partizipation der Unbewussten kann sich innerhalb oder ausserhalb einer Sitzung manifestieren, manchmal in der Form eines schwer zu beschreibenden Gefühls, oder nachts in Träumen des Therapeuten, die dieser nicht als Spiegelbilder seiner eigenen Existenz erkennen kann, sondern die erst Sinn machen, wenn er sie als Träume aus der Welt des Patienten versteht. Umgekehrt entwickelt auch der Patient in der Partizipation Träume und Gefühle, die sich auf die unbewusste Innenwelt des Therapeuten beziehen.

Spürt oder träumt der Therapeut partizipierende Gefühle, so behält er sie nicht für sich, sondern teilt sie dem Patienten mit. Diese «Mit-teilung» – im wörtlichsten Sinn – bietet dem Patienten ein metabolisiertes Spiegelbild, das aus der mit dem Therapeuten gemeinsam gewordenen Welt entstanden ist.


Dualisierung

Für den Patienten bedeutet die Partizipation eines anderen Menschen an seiner Innenwelt eine Form von Nähe, die er in aller Regel noch nie erlebt hat. In der absoluten Einsamkeit seiner psychotischen Welt wurde er noch nie emotional berührt. Die Partizipation des Therapeuten führt zu einer für ihn völlig neuartigen Begegnung und öffnet einen ersten affektiven Zugang zur Aussenwelt. Die Partizipation baut somit eine erste emotionale Brücke nach aussen. Dadurch wandelt sich auch das Leiden des Patienten an seiner Isolation.

Eine nährende Nähe, die bei nicht-psychotischen Menschen durch Erleben von Empathie entsteht, wird bei psychotisch leidenden Menschen erst durch Partizipation möglich. Diese neue Erfahrung, die durch die existenzielle Begegnung in der Partizipation möglich wird, nennt Benedetti „Dualisierung“. Dualisierung bedeutet also die Entstehung einer gemeinsamen Erfahrung und somit die Möglichkeit der Bildung eines gemeinsamen Bildes mit gemeinsam erlebtem Inhalt.


Symbolisierung

Solche gemeinsamen Bilder spielen in der Behandlung von psychotischen Patienten, aber auch von anderen psychisch tief gestörten Menschen, eine zentrale Rolle, denn wir können in ihnen den Kern der Symbolbildung erkennen. In der Psychose ist nämlich die Bildung von Symbolen stark bis völlig beeinträchtigt.

Symbole haben eine komplexe Funktion, hauptsächlich durch Aufhalten und Gestalten von Wahrnehmungen und Impulsen, die Innen- und Aussenwelt handhabbar zu machen. Das Symbol ist Voraussetzung für die Impulskontrolle und für die Ortung der eigenen Gefühle. Experimente mit Schimpansen zeigen, dass Symbole das Fundament für die Impulskontrolle bilden, und dass diese Affen sie auf elementarster Stufe nutzen können. Ohne das gestaltende Werkzeug des Symbols bleiben wir Menschen Spielbälle der Wirkungen ungefilterter Wahrnehmungen und unverständlicher Beziehungen, wie auch von unkontrollierten Trieben.

Symbole entstehen aus gemeinsamen Erfahrungen mit einem anderen Menschen und aufgrund dessen, dass diese ähnlich erlebt werden und dass darüber kommuniziert wird. Voraussetzung ist also, dass dabei eine entsprechende Nähe besteht. Die erforderliche Tiefe dieser Nähe kann sehr unterschiedlich sein. Bei schizophrenen Patienten wird Symbolbildung erst über die Partizipation möglich und ist die Grundlage für die Entstehung eines Ichs.


Übergangssubjekt

Der therapeutische Prozess der Entstehung eines immer kohärenteren Ichs bei schizophrenen Patienten steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff des «Übergangssubjekts», den Benedetti schuf. Das Übergangssubjekt bezeichnet ein komplexes Gebilde von gegenseitigen Phantasien, Träumen und Erlebnissen, die sich zwischen dem Patienten und dem Therapeuten entwickeln und ausgetauscht werden, und die beiden gleichermassen gehören. In Übergangssubjekt kann der schizophrene Patient in einer Art Symbiose mit dem Therapeuten beginnen, sich als Subjekt zu erleben. Das Übergangssubjekt ist allerdings noch nicht ein wirklich eigenständiges Subjekt, da es auf die gegenseitige Partizipation der Unbewussten angewiesen ist.

In diesem Prozess nimmt der Therapeut psychotische Teile des Patienten in sein eigenes Unbewusstes auf, um sie durch den eigenen, gesunden, psychischen Metabolismus seines Unbewussten zu Bildern zu verarbeiten. Diese Spiegelbilder schildert er dann dem Patienten und gibt sie ihm auf diese Weise gewissermassen zurück. Die Phantasien, Träume und Bilder bilden sich also aus dem Rohmaterial des Patienten und durch die Symbolisierung des Therapeuten und stellen somit ein gemeinsames Produkt beider dar. Sie sind eine Co-Kreation auf tiefster Ebene, was erklärt, wie sie eine Brücke über den Autismus bilden können. Man kann das Übergangssubjekt auch als eine Art therapeutisches Feld sehen, das dem Patienten erlaubt allmählich, positive, strukturierende Ich-Anteile des Therapeuten zu introjizieren.

Benedettis Formulierung „Übergangssubjekt“ lehnt natürlich an Winnicotts bekannten Begriff des „Übergangsobjekts“ an. Beide sind mit Übergängen im Zusammenhang mit Symbiosen verbunden. Aber Winnicotts Übergangsobjekt dient der Auflösung einer Symbiose, und trägt die Form eines physischen Gegenstands – typischerweise ein Teddybär als vorübergehender, symbolischer Mutterersatz. Es soll als äusseres Symbol dem Kind zu einer Autonomie verhelfen. Benedettis Übergangssubjekt hingegen ist etwas Immaterielles, ein Austausch von Gefühlen, das im Gegensatz zum Übergangsobjekt eine Symbiose aufbauen soll, um darin ein Subjekt zu bilden.


Progressive Psychopathologie

Die Wirkung dieses Prozesses und somit der Fortschritt einer Psychotherapie mit tief gestörten Patienten wird erwartungsgemäss nicht in einer erlösenden Einsicht bestehen, sondern in einer allmählichen Entwicklung der inneren Strukturen, ein Prozess, den Benedetti «progressive Psychopathologie» nennt. Dies gilt natürlich auch, wie wir sehen werden, für die Methode der aktiven Introjektion. In dem Masse, wie die Introjektion heilsamer Bilder und Gefühle durch das Übergangssubjekt in das Unbewusste des Patienten stattfindet, entwickeln sich auch die Bilder des Patienten in einer aufbauenden Weise. Die Inhalte bleiben bei schizophrenen Patienten natürlich immer noch pathologisch, realitätsfremd, aber sie nehmen allmählich progressive Elemente auf. Beispielsweise können paranoisch wahrgenommene Verfolger beginnen, ein anderes Interesse am Patienten zu entwickeln als nur seine Zerstörung Aus diesem Grund spricht Benedetti hier von „progressiver Psychopathologie“. Nicht Einsicht bringt hier Fortschritt, sondern Introjektion. Durch diese unbewusste, progressive Identifikation des Patienten mit diesen progressiven Elementen gelingt es ihm zunehmend, diese als ihm eigene Anteile zu erkennen.

Wenn wir nun alle diese Begriffe, von gegenseitiger Partizipation der Unbewussten bis progressive Psychopathologie überblicken, wurden sie zwar von Benedetti im Zusammenhang von Therapien mit schizophrenen Patienten entwickelt, doch lassen sie sich mutatis mutandis weitgehend auch auf Störungen der frühkindlichen Symbiose und andere Strukturprobleme übertragen.

Der Beitrag der Hypnose

Um den theoretischen Teil abzuschliessen, müssen wir uns nun mit der Frage beschäftigen, welchen Beitrag hier die Hypnose allenfalls leisten konnte. Nur drei Aspekte seien hier erwähnt.


Auflockerung der Ich-Grenzen

Eine in den 50-er Jahren von Gill und Brenman aus tiefenpsychologischer Sicht aufgestellte These zur Natur der Hypnose beschrieb sie als Zustand aufgelockerter Ich-Grenzen. Auf den ersten Blick schien dies die Kontraindikation der Hypnose für schizophrene Patienten zu besiegeln, mit der Begründung, deren Ich-Grenzen seien ohnehin zu schwach. Aus der Sicht von Benedettis Konzepten hingegen wird genau diese Permeabilität zu einem therapeutischen Faktor bei schizophrenen und anderen tief gestörten Patienten, weil durch sie die gegenseitige Partizipation der Unbewussten gerade gefördert wird. Voraussetzung ist natürlich, dass diese Auflockerung der Ich-Grenzen als symmetrischer Prozess nicht nur beim Patienten, sondern auch beim Therapeuten zur Anwendung kommt.


Positive symbiotische Nähe

Schon seit alters wurde im Zusammenhang mit der Besonderheit der hypnotischen Beziehung von «Rapport», von «archaic involvment» von „Wir-Bildung“ o.ä. gesprochen. Die meisten Definitionen blieben aber vage und zirkulär. Ein interessanter Ansatz der beiden Franzosen Chertok und Roustang zeigt schlüssig auf, dass sich im Zuge der hypnotischen Induktion das Phänomen der psychoanalytischen Übertragung auflöst. Wünsche und Projektionen auf den Therapeuten verschwinden, je tiefer die Trance wird. Wenn wir nun die Frage stellen, was sich stattdessen einstellt, finden wir eine Form von symbiotischer Nähe wieder, wie sie zwischen einem Kleinkind und seiner Mutter besteht. Man könnte sie auch mit Daniel Sterns Mutter-Kleinkind-Konstellation gleichsetzen. Der einzige wesentliche Unterschied besteht in der durch die therapeutische Abstinenz bedingte Asymmetrie der Hypnose, wohingegen in der Mutter-Kind-Symbiose Gegenseitigkeit besteht.

Die Parallele zwischen dieser Sicht der Hypnose und Benedettis „gegenseitiger Partizipation der Unbewussten“ ist augenfällig: Bei beiden finden wir genau dieselben Eigenschaften einer asymmetrischen, abstinenten Symbiose wieder, auch wenn Benedetti dazu keine hypnotischen Induktionen benutzte.


Verstärkung der Symbolisierungsfähigkeit

Eine herausragende Eigenschaft der Hypnose ist ihre Symbolisierungskraft. Jede Trance bezweckt eigentlich, von der kognitiv orientierten Verbalisierung Abstand zu nehmen, um im Gegenzug direkt in die Bilder- und Empfindungswelt einzutauchen: Dort werden Bilder und Emotionen – das Animalische ¬– aktiviert und entwickelt. Auch in dieser Hinsicht erscheint es also nicht abwegig, Hypnose im Kontext der psychotherapeutischen Arbeit im Sinne Benedettis einzubringen.

Die Methode der aktiven Introjektion

Nun kommen wir endlich zur praktischen Schilderung der Methode, die mit vollem Namen „aktive Introjektion des Therapeuten in Hypnose“, heisst.

1. Die Induktion

Die Wahl der Induktion ist völlig offen und frei. Nicht anders als bei allen anderen hypnotischen Methoden hat die Induktion im Grunde nur einen Zweck zu erfüllen: Die unterschiedlichen technischen Varianten zielen eigentlich immer darauf ab, zwischen dem Patienten und dem Therapeuten eine sichernde, symbiotisch geprägte, hypnotische Beziehung herzustellen. Erst wenn diese ausreichend installiert ist, kann der Patient dann auf seine mehr oder weniger bewusst phantasierten Kontrollmechanismen über den Therapeuten („Was macht er jetzt?“, „Weshalb sagt er das?“, „Was will er?“, „Was denkt er über mich?“ usw.…) verzichten und sich einem verschmelzenden, kindlichen Vertrauen hingeben. Erst dank dieser besonderen, beschützenden Beziehungsform kann er sich voll und ganz nach innen seinen eigenen, verborgenen Bildern öffnen und dabei gleichzeitig nach aussen in Interaktion mit dem Therapeuten bleiben. Diese Form von Bezugnahme ist die Grundlage dessen, was wir hypnotische Trance nennen.

Als Beispiele, die beim Einbringen der aktiven Introjektion vorkommen können, zwei grundsätzliche Situationen: Wenn eine gemeinsame Entscheidung von Patient und Therapeut vorliegt, dass man jetzt zur Hypnose übergeht, dann wird jede beliebige, klassische Form von Induktion zum Ziel führen. Je nach dem wird eine ausführlichere, sichernde Induktion erforderlich sein, bis der Patient genügend loslassen und den Mut finden kann, sich schwierigen, emotionalen Erfahrungen in der Trance zu stellen. Manchmal kann es sehr schnell gehen. In der anderen Situation entstehet der Anlass der Induktion spontan aus dem Moment heraus, wenn beispielsweise im Gespräch plötzlich eine Verschiebung in Richtung einer Emotion stattfindet, oder sonst etwas Bemerkenswertes, und dies gleich aufgegriffen wird. Dann reicht ein überzeugtes und ganz einfaches: „Wären Sie einverstanden, jetzt die Augen zu schliessen?“, um diese emotionale Spur von diesem Augenblick an in Trance weiter zu verfolgen.

2. Der freie Traum

Nachdem der Patient durch die Induktion nun in gesicherter Weise in Trance hat gleiten können, laden wir ihn jetzt ein, mit so viel Offenheit wie möglich in seine Innenwelt zu tauchen und neugierig zu werden, was kommt. Entsprechend der jeweiligen Induktionsweise bestehen dabei verschiedene Möglichkeiten.

Wenn die Hypnoseinduktion wie im ersten Fall nach Absprache und formell stattgefunden hat, laden wir den Patienten ein, spontan einen freien, hypnotischen Traum mit möglichst unbeabsichtigtem und ungesteuertem Inhalt aus seinem Unbewussten aufkommen zu lassen. Suggestiv können wir hier den Vergleich mit einem Nachttraum ziehen, und lassen genügend Zeit. So wie im Schlaftraum bezüglich der Mannigfaltigkeit der Themen und Bilder keine Grenzen gesetzt sind, so reich sind auch die Möglichkeiten der Inhalte hypnotischer Träume, die hier entstehen. Sie können Erinnerungsszenen aus beliebigen Lebensphasen beinhalten oder reine Phantasiegebilde sein, erfreuliche oder beängstigende, grossartige oder unscheinbare, verständliche oder chiffrierte.

Im andern Fall, wenn wir die Kurzinduktion – also nur den Augenschluss aus einer beginnenden Emotionalisierung des Gesprächs heraus – gewählt haben, erübrigt sich die oben erwähnte Einladung für einen hypnotischen Traum, denn der Patient befindet sich ja schon mitten in einem emotionalen Thema. Mit dem Augenschluss geschieht ja kein Themenwechsel, im Gegenteil: In der Trance fokussieren wir noch intensiver auf den emotionalen Gehalt des bestehenden Themas. Wir haben eigentlich nur den Raum gewechselt und dasselbe Thema beibehalten. Jetzt brauchen wir also nichts Weiteres zu tun als den Patienten interessiert und präsent in dem zu begleiten, was sich weiterentwickelt.

Alternative Ausgangspunkte können auch beispielsweise Affektbrücken sein, die den Patienten in leidvolle Kindheitserlebnisse zurückgeführt haben, oder Albträume, die uns der Patient berichtet hat und die wir auch auf diese Weise in Trance wiedererleben lassen können.

In allen Fällen müssen wir in der Lage sein, mit aufkommenden Bildern und Gefühlen umzugehen, die durchaus sehr unangenehm sein können oder die es im Verlauf werden. Doch geht es bei der „aktiven Introjektion“ nicht um „Wellnesstrancen“ oder um „Beruhigungstrancen“, sondern im Gegenteil darum, mit der Hypnose eine sichere Bühne für unerträglich erscheinende Gefühle und Bilder zu schaffen, um darin und daran arbeiten zu können.

Hier noch eine wichtige, logische Bemerkung: die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut muss selbstverständlich während des gesamten Ablaufs der „aktiven Introjektionsmethode“ im verbalen Austausch, dialogisch (laut) stattfinden. Bliebe der Patient in seiner Trance in Schweigen versunken, wäre es dem Therapeuten ja unmöglich zu wissen, welche Rolle ihm zugedacht ist und wie er seine Interventionen auf die jeweilige Lage des Patienten abstimmen kann.

3. Die Aufforderung, die Präsenz des Therapeuten ins Bild hinein zu symbolisieren

Den nächsten Schritt machen wir in der Regel erst, wenn im Traum des Patienten emotional stark belastende, überwältigende Gefühle aufkommen, vor denen der Patient zurückschrecken möchte. Entweder spricht er dieses Gefühl aus, oder es werden feine mimische oder vegetative Zeichen dieser Emotion sichtbar. Dieser dritte Schritt, zusammen mit dem vierten, stellen den Angelpunkt der Methode dar.

Der Therapeut bringt sich jetzt selbst in das Bild des Patienten ein, indem er den Patienten einlädt, in seinem Traum ein spontanes, symbolisches Bild von ihm zu entwerfen. Konkret fragt er den Patienten «Wo bin ich in dieser Szene?» und «Wer oder was bin ich jetzt in Ihrem Bild?». Auf den ersten Blick mag dieser Schritt etwas skurril und vielleicht sogar übergriffig erscheinen.

Auch für manchen Patienten kommt diese Frage überraschend, insbesondere, wenn seine Trance noch relativ oberflächlich ist (damit ist gemeint: wenn sich der Patient noch ziemlich bewusst durch den Bezug zur Aussenwelt absichert). Dann wird er uns nicht selten aussenweltbezogen und sachlich ganz richtig antworten: „Sie sitzen mir gegenüber, und Sie sind mein Therapeut.“ Kein Zweifel, dies hat etwas Wahres an sich, allerdings hat er dabei etwas Wichtiges überhört, nämlich dass ich davon sprach: „…in Ihrem Bild, … in Ihrer Szene…“. Hier kann ich ihm den Sinn meiner Frage etwa auf folgende Weise etwas verständlicher machen: „Stimmt, ich bin Ihnen gegenüber. Sie sitzen aber jetzt auch (je nach dem, was sein Bild ist z.B.) in der Kälte Ihrer Gefängniszelle, und Sie hören dort meine Stimme. Also muss ich dort auch irgendwo als irgendetwas vorhanden sein. Und was ist dies?“

Die Vielfalt der Gestalten, die uns als Therapeuten in der „aktiven Introjektion“ angeboten werden, ist unbegrenzt. Wir werden einmal zu einem heiligen Christophorus oder zu einem gutmütig beschützenden Bernhardiner. Ein anderes Mal können wir irgendein Gnom oder Talisman sein, oder gar der Lichtstrahl aus einem fernen Stern. Oder wir sind Strickleitern, die der Patient benötigt, um aus der Tiefe eines Brunnenschachts hochzuklettern. Ich war auch schon Rückwand eines Besenschranks, in welchem die Patientin eingesperrt war, oder ich diente als Schlüsselloch, durch das ein schreckliches Geschehen im Schlafzimmer eines kleinen Mädchens erspäht werden konnte.

Unsere Frage zielt darauf ab, unsere Existenz in der inneren Szenerie des Patient in Form eines Symbols bewusst zu machen und sie verbildlichen zu lassen. Sie verdeutlicht ein eigenartiges Phänomen: Unsere doppelte Präsenz: Mental sind wir in seinem Bild, und physisch sind wir neben ihm.

Die Frage nach dem «Was bin ich in Ihrem Bild?» bedeutet also nicht Einmischung in das Innenleben des Patienten, auch nicht ein Verlassen der Abstinenzregel. Diese ungewöhnliche Verdoppelung der Präsenz des Therapeuten ist auch nicht das künstliche Produkt einer Suggestion, sondern sie liegt in der Natur der Hypnose selbst begründet. In der Trance gilt nämlich die „Trancelogik“, eine völlig andere Form von Logik als im Wachzustand. Sie «verzaubert» mühelos Dinge, die in der äusseren Realität einem Gesetz des „Entweder-oder“ unterliegen, in der Trance aber zu einem „Sowohl-als-auch“ werden: Paris kann gleichzeitig London sein und in Afrika liegen, eine Logik, die wir auch aus dem Träumen kennen. Trancelogik überbrückt auch scheinbare Unvereinbarkeiten zwischen dem Erleben in der Innenwelt und der Realität der Aussenwelt, dank der wir parallel in zwei, für die wache Logik sich ausschliessenden Welten existieren können. Für einen Patienten in Trance können wir somit gleichzeitig die sichernde und begleitende Fachperson aussen sein, und in seinem hypnotischen Szenario als etwas ganz Anderes leben und wirken.

Zwei Dinge sind bei der Schöpfung des Therapeutenbildes wichtig: Erstens soll das Bild wirklich symbolischen Charakter haben, und zweitens muss der Therapeut insistieren, dass er wirklich in die Imagination einbezogen wird. Der Therapeut soll sich nicht damit begnügen unsymbolisiert, als photographisches Abbild seiner äusseren Realität darstellen zu lassen. In dieser Form beträte er nämlich die Innenwelt des Patienten als Eindringling der Aussenwelt. Dies würde nicht nur den Trancezustand stören, sondern auch ein falsches Gefälle in die therapeutische Beziehung bringen. Der zweite Punkt, das Insistieren auf eine Darstellung des Therapeuten in der Innenwelt des Patienten ist ebenso wesentlich. Erstens bringt es eine ganz einfache Realität auf den Punkt: Im Patienten existiert ohnehin schon ein Bild des Therapeuten. Dieses ist aber noch unbewusst. Um therapeutisch deutlicher wirken zu können, muss es bewusst gemacht und vom Patienten selber gestaltet werden. Dies geschieht nur über die Symbolisierung.

Dadurch, dass der Patient Schöpfer und Gestalter dieses Symbolbildes ist, macht er zwei Dinge: Er nimmt die Dinge selber in die Hand, und er entwirft in diesem Bild auch eine Darstellung seines eigenen „inneren Therapeuten“. Das symbolisierte Bild des Therapeuten ist nämlich gleichzeitig Symbol für den realen Hypnosetherapeuten wie auch Symbol für den inneren Therapeuten des Patienten, also ein umfassendes „symbolisiertes Therapeutenbild“. Mit der Aufforderung, uns zu symbolisieren, helfen wir dem Patienten sein „therapeutisches Selbst“ zu aktivieren und zu ergänzen.

Schliesslich, gewissermassen als Bonus, neben der Aktivierung der Beziehung, zeigt uns dieses Symbolbild des Therapeuten auch auf, welche Übertragungsrolle wir im Unbewussten des Patienten wirklich einnehmen. Wähnten wir uns etwa in unserem Therapeutengefühl in einer Retterfunktion für den Patienten, so belehrt uns vielleicht ein Spiegelbild, das aus uns eine Ameise macht, eines Besseren…

In den weiteren Schritten führen wir also für den Patienten ein interessantes Doppelleben: In seiner Trance nimmt er uns bewusst in unserer symbolisierten Form wahr, und gleichzeitig rückt er uns als reale Therapeuten quasi in den unbewussten Hintergrund: eine Umkehr der normalen, wachen Situation.

4. Die Identifikation mit dem Symbol in der „parallelen Trance“ («Gegentrance“)

Zeitgleich mit dem eben besprochenen Schritt findet der nächste statt und bildet mit ihm zusammen die eigentliche Grundlage der Methode. Er besteht darin, dass sich der Therapeut selber jetzt auch in Trance sinken lässt, und darin versucht, sich mit dem Bild, das der Patient von ihm gestaltet hat, möglichst vollständig und konkret zu identifizieren. Wir können hier von einer „parallelen Trance“ reden, oder wie sie Vas (1993) in seiner hypnotherapeutischen Arbeit mit psychotischen Patienten bezeichnet von "counter-trance" des Therapeuten.

Hier lässt der Therapeut also nicht einfach in Trance ein eigenes Symbolbild des Patienten aufkommen, sondern er übernimmt identifikatorisch einen Ausschnitt der Bilderwelt des Patienten, und schlüpft in ihn hinein. Dies stellt eine viel intensivere Identifikation dar als nur ein normales «Spiegelbild» davon, wie der Therapeut den Patienten erlebt oder eine normale Empathie.

Gleichzeitig stellt diese Form von Trance eine «Doppeltrance» oder «Schwellentrance» dar. Denn einerseits lebt der Therapeut die Szenerie des Patienten aktiv in einer identifikatorischen Trance mit, und gleichzeitig bleibt er doch mit einem Rest an Bewusstsein im normalen Wachzustand, von wo aus er den Überblick und die Kontrolle über das Geschehen behält. Von dort aus schätzt er ab, ob überhaupt, wann, mit welcher therapeutischen Absicht und in welcher Form er seine therapeutischen Einfälle und Bilder am besten einbringen soll. Ohne diese Kontrollebene könnte eine unheilvolle «folie à deux» drohen.

Ein solcher Identifikationsversuch kann sich für den Therapeuten als recht herausfordernd gestalten. Denn er soll nicht nur bestrebt sein, das vom Patienten entworfene Bild (auf seine Art und Weise) zu sehen, sondern ganz – „mit Leib und Seele“ – hineinzugehen und sich hineinzufühlen. Je nach Vorgabe – bei Gegenständen beispielsweise – ist eine direkte wörtliche Umsetzung dieser Aufgabe naturgegeben unmöglich und braucht gewissermassen eine «Übersetzung». Manchmal ist sie auch mit unangenehmen Gefühlen für den Therapeuten verbunden.

In der Gestalt eines Christophorus beispielsweise muss ich versuchen zu spüren, wie ein Kind tonnenschwer auf meinen Schultern lastet, mich erdrückt und mich beinahe in den Fluten des Flusses ertrinken lässt. Hier ist es noch relativ einfach mitzufühlen, da die meisten Menschen auf ähnliche, selbst erlebte Erfahrungen zurückgreifen können. Schon beim Bernhardinerdasein wird man mit dem Einfühlen in den Vierbeinerstand konfrontiert. Und auch das Einarbeiten in die Mentalität eines Bernhardiners verlangt, mit gütigem Blick Sicherheit auszustrahlen. Sich aber als Gegenstand wie ein Talisman oder eine Strickleiter oder gar als Besenschrankrückwand zu erleben, wird erst recht zur Herausforderung. Wir reden nicht davon, wie man sich die Existenz als Schlüsselloch als Erlebnis vorstellen soll…

Diese Identifikation kann man nicht in irgendeinem Sinn „richtig“ machen. Eine absolute Konformität in allen Details mit der Vorlage wäre ja nicht nur unmöglich sondern auch steril. Wertvoll wird hingegen, sich in Selbstbeobachtung und in Neugier zu üben, was in uns vorgeht, während wir uns in dieses Kunststück einlassen: Wie einfach oder schwierig ist es für mich, in dieses Symbol hineinzuschlüpfen? Welche Gefühle kommen dabei auf? Wie wohl fühle ich mich in dieser Rolle? Widersteht sie mir, wenn ja weshalb? Wird mir das Ganze zu intim? Oder fühle ich mich im Gegenteil dem Patienten endlich nahe? Ist es mir sogar schlicht unmöglich, mich hineinzuversetzen? usw.

Das Therapeutensymbol des Patienten, das nun mit dem Leben des Therapeuten gewissermassen angereichert ist, bildet eine bedeutsame, ganz besonders tiefe symbiotische Beziehungsbrücke zwischen den beiden beteiligten Menschen. Dieses Symbolbild führt uns auf kürzestem Weg zu Benedettis gegenseitige Partizipation der Unbewussten. Für den Patienten bedeutet es die Möglichkeit eines sicheren Wachstums, für den Therapeuten eine fruchtbare Aktivierung seiner therapeutischen Phantasie. Da seine Interventionen von nun an aus dem Bild des Patienten heraus entstehen, erfolgen sie mit einer präzisen Angleichung an die Bilderwelt des Patienten, wie sie nur aus dieser identifizierten Position heraus stammen kann.

Die therapeutischen Einfälle des Therapeuten können relativ bewusstseinsnah erscheinen, aber oftmals erlebt er in seiner Hypnose wertvolle Bilder als eigentliche, unerwartete, ungesteuerte "Gegenträume". Diese lassen sich leicht daran erkennen, dass deren Inhalt den Therapeuten selber überrascht, ihm nicht wie üblich als Spiegelbild seiner eigenen Empathie erscheinen, und darum eine besondere Nähe zur Welt des Unbewussten des Patienten haben.

5. Die Interventionen des introjizierten Therapeuten

Wie soll es nun mit diesem angefangenen, identifikatorischen Prozess weitergehen? Es bieten sich vier grundsätzliche Arten von Intervention an, die in folgender Hierarchie eingesetzt werden können.


1. Nur präsent sein

Schweigend nichts tun, aber in unserer übernommenen Rolle doch sehr intensiv präsent sein, ist sicher die erste und meist auch die wirksamste Wahl. Es reicht dann allenfalls eine ganz kurze bestätigende Intervention wie etwa: „Ja, ich bin jetzt der Bernhardiner.“, damit sich der Patient sicher fühlen kann, dass wir bei ihm sind. Dann vielleicht hie und da ein zustimmendes «Hmmm».

In dieser Zurückhaltung greift der Therapeut der Kreativität des Patienten sicher nicht vor. Der Patient kann in grösstmöglicher Freiheit und Autonomie eigene Bilder und Gefühle ganz in seiner Art und Weise entstehen lassen. Das Schweigen bedeutet ja nicht Sitzenlassen, da die aktive Präsenz des Therapeuten, und gleichzeitig seine Identifikation mit dem Bild, auch so auf das emotionale Geschehen einwirken. Auch ohne Worte bleibt es eine stille Co-Kreation.

Die Aktivität des Therapeuten beschränkt sich darauf, seine eigenen Phantasien und Gefühle in der parallelen Trance minutiös zu beobachten, abzuwägen. Er äussert sich aber nicht weiter dazu.


2. Sich über die Befindlichkeit des Symbols erkundigen

Das stille In-Resonanz-Sein allein reicht nicht immer aus, um wirklich etwas spürbar Heilsames stattfinden zu lassen. Manchmal spricht es der Patient aus, oder der Therapeut spürt es. Er muss dann seine Präsenz etwas aktiver einbringen. In einer ersten Stufe kann er sich beim Patienten nach den Gefühlen, Absichten oder den Möglichkeiten des Therapeutenbildes erkundigen, und so eine positive Dynamik in Gang bringen.

Wir fragen also etwa: „Wie geht es mir dabei?“, was natürlich im Wachzustand recht verwunderlich und schräg klinge würde. Gemeint ist aber natürlich: als Bernhardiner, als Talisman, als Strickleiter etc. Diese Präzisierung muss je nach dem explizit ausgesprochen werden, meist aber versteht der Patient dank der Trancelogik von alleine richtig, dass die Frage vom Symbolbild selbst gestellt wird.

Mit dieser Reaktion bleibt die Gestaltung der Antwort immer noch vollständig dem Patienten, ohne inhaltliche Anregung von Seiten des Therapeuten, überlassen.


3. Die eigene Befindlichkeit aussprechen

Als nächste Stufe können wir versuchen, vorsichtig Eigenes einzubringen. Wenn der Patient offensichtlich mit seinen imaginativen Fähigkeiten überfordert ist, um die Befindlichkeit des Therapeutensymbols zu erspüren, können wir als mögliche Erlebnismöglichkeit unsere eigene Wahrnehmung schildern, wie sie aus unserem therapeutischen Spiegelgefühl entstammt, ohne dabei schon Lösungsvorschläge einzubringen. Wir können Rückmeldungen geben, wie: „Ich (als Christophorus) spüre auf meinen Schultern die beklemmende Schwere der Last, die ich tragen muss“. Oder: „Ich fühle mich (als Besenschrankrückwand) starr und steif, nicht in der Lage, irgendwie aktiv helfend einzugreifen, aber vielleicht schützend?“ Oder wir geben unsere eigene Einflusslosigkeit zu: «Als Schlüsselloch fühle ich mich auch völlig machtlos (wie das Kind), aber vielleicht bin ich doch irgendwie ein Durchgang für Blicke für mögliche Zeugen. So kann ich vielleicht ein Gedächtnis für das ermöglichen, was man durch mich sehen konnte.» Ob ein Schlüsselloch dies kann oder nicht, weiss ich nicht, aber entscheiden wird die Patientin mit ihrer Reaktion.

Solche Rückmeldungen müssen unbedingt einem authentischen Erleben des Therapeuten entsprechen, auch wenn dieses nur in seiner mitfühlenden, identifikatorischen Phantasie empfunden wird. Wäre eine solche Rückmeldung nur intellektuell zurechtgelegt und nicht echt, käme sie – gerade in einer solchen, höchst intimen Trancesituation – als „fake“ an und würde bestimmt als dies wahrgenommen. Sie würde dann viel eher eine innere Distanzierung fördern und somit das Gegenteil dessen erreichen, was angestrebt wird.

Diese Rückmeldungen müssen auch zwingend in einer restlos explorierenden Haltung, als absolut offenes Angebot formuliert werden. Der Hinterton muss immer fragend sein: «Sagt Ihnen dies etwas?». Ansonsten sähe sich der Patient unter Druck gesetzt, die Gefühle des Therapeuten übernehmen zu müssen, was einer therapeutischen Progression entgegenlaufen könnte. Wir streben ja Autonomisierung an.

Das Aussprechen von Befindlichkeiten des Therapeuten auf einer Symbolebene hat eine Wirkung sowohl auf den Patienten wie auf den Therapeuten selbst: Stimmt unsere empathische Spiegelung, so wird sich der Patient in ihr erkannt und anerkannt fühlen, und wird mit gestärkter Zuversicht an sich arbeiten können. Auch der Therapeut kann häufig dabei gewinnen, wenn er z.B. feststellt, dass das Gefühl, das er im Symbolbild wahrnimmt, eine Karikatur – oder zumindest eine Erhöhung – einer Wahrnehmung ist, die er der Therapie gegenüber schon lange empfand und die er bisher mit dieser Bewusstheit nicht wahrgenommen hatte. Das Therapeutenbild öffnet ihm also die Möglichkeit für treffendere Interventionen in der Therapie überhaupt.


4. Einbringen der partizipierenden Kreativität des Therapeuten

Wenn das innere Szenario des Patienten ein Mass an Bedrohlichkeit annimmt, dass wir als Therapeuten weder still zuwarten noch auf die spontane Wirkung der Ressourcen des Patienten hoffen können, müssen wir noch aktiver werden. Die nur abwartend begleitende Haltung würde hier womöglich den Bogen des Durchhaltevermögens des Patienten überspannen.

Natürlich immer ohne die Position des Symbolbilds verlasen, mobilisieren wir unsere eigene therapeutische Kreativität und bringen einen eigenen, vorsichtigen Veränderungsvorschlag ein.

Als Bernhardinerhund spüre ich beispielsweise, dass die Bedrohung für mein Herrchen ein derartiges Mass erreicht, dass ich mir ernsthafte Sorgen um ihn mache. Was würde ich in dieser Situation am liebsten tun? Vielleicht sein Hosenbein mit den Zähnen anpacken und ihn mit aller Kraft aus der Gefahrenzone wegzerren? Diese Phantasie teile ich dann dem Patienten mit. Oder einer Patientin, die sich mit aufgeschlitztem Bauch, mit herausgetretenen Därmen auf dem Rücken windet, kann ich vorschlagen, als Chirurg zu versuchen, ihren Bauch möglichst wieder zusammenzunähen.

Vorschläge dieser Art müssen wir wie immer in einer strikt explorativen Einstellung einbringen. Immer muss eine empathische Neugier dabei sein: Wie reagiert der Patient darauf? Unter keinen Umständen darf unserem Einfall ein Geruch von «Das ist die Lösung!» oder «Hier haben den besten Weg!» anhaften. Wenn wir ganz sicher gehen wollen, leiten wir sie mit einer Frage ein: «Was denken Sie: mir kommt das Gefühl auf, am liebsten würde ich…». Oft reicht auch einfach der entsprechende Tonfall.


Entwicklung der Szenen

Im Verlauf einer Sitzung bzw. einer Therapiesequenz, in der wir mit der aktiven Introjektion arbeiten, entwickeln sich die Bilder, so dass sich die Szenen verändern, und entsprechend auch wir unsere Gestalt anpassen müssen. So konnte eine Patientin es endlich wagen, den Besenschrank zu verlassen, dessen Rückwand ich war, und ich in dieser Form überflüssig wurde. Draussen lauerten andere Gefahren, für die ich die Gestalt einer Sturmlaterne annehmen musste, welche die Finsternis erhellen konnte, um die nächste therapeutische Etappe zu bemeistern.

Solche Wandlungen sind insofern willkommen, als sie verlässliche Anhaltspunkte über die Entwicklung der Therapie in der Tiefe liefern. So können zwar im Alltagsleben des Patienten Rezidive und Krisen auftreten, die auf den ersten Blick ebenso schrecklich aussehen mögen wie zu Beginn der Therapie. Aber anhand der Gestalt des symbolisierten Therapeuten und der therapeutischen Beziehung, die der Patient darin ausdrückt, kann viel präziser eingeschätzt werden, wie bedrohlich solche Episoden wirklich sind. Der «Phänotyp» des Verhaltens bleibt gewissermassen noch gleich, aber der «Genotyp» ist nicht mehr derselbe. Dieses Wissen versetzt uns in die Lage, uns nicht nur am äusseren Verhalten zu orientieren, sondern den Verlauf der Therapie «von innen» her zu beurteilen. Auf die in der aktiven Introjektion gewonnenen Bilder können wir auch immer wieder im Gespräch zurückgreifen und so immer wieder eine Art Anker, eine Brücke zu den Tranceerlebnissen bauen.


Weshalb diese Abstufung der Interventionen?

Wir haben vier Stufen der Interventionen beschrieben, von der stillen Präsenz bis zum aktiven Einbringen von Vorschlägen, und wollen hier nur kurz begründen, weshalb wir deren Reihenfolge als wichtig erachten.

Als Hypnosetherapeuten besteht unsere Rolle nicht darin, aus einem vermeintlichen Wissen heraus die Patienten auf den richtigen Pfad zu führen und anzuleiten. Dazu müssten wir über ein Wissen über ihn, über seine Geschichte, seine Ressourcen etc. verfügen, was ein Ding der Unmöglichkeit ist. Explorieren ist eine bei weitem vielversprechendere Alternative. Dazu muss aber der Weg möglichst frei von fremden Einflüssen bleiben. Je abstinenter wir sind mit eigenen Ideen, desto klarer signalisieren wir unsere Überzeugung, dass die intrinsische Resilienz des Patienten der eigentliche Wirkfaktor einer Therapie ist. Unser Beitrag kann lediglich darin bestehen, mit dem Patienten einen sicheren Rahmen aufzubauen – ich nenne ihn gerne Brutkasten –, in dem eine optimale Aktivierung seiner inneren Ressourcen und Potentiale möglich wird: «therapeutes curat, natura sanat». Diese therapeutische Haltung lässt sich bespielsweise metaphorisch mit dem Bild eines Grossvaters veranschaulichen, der sein kleines Enkelkind, ohne es zu zwingen, an der Hand nimmt: „Komm, Kind, gehen wir mal hin und schauen!» Mit dieser festen Sicherheit begleitet er ihn in den Wald, und ist darauf bedacht, das Kind neugierig mit der Wildnis vertraut zu machen. Und wenn es sein muss, trägt er selbstverständlich das Kind über schwierige Stellen.

6. Abschluss der Trance

Bei der aktiven Introjektion gibt es, wie bei der Induktion, auch in der Rücknahme der Trance keine grundsätzlichen Unterschiede zu anderen Hypnosen. Es müssen allerdings zwei Grundsituationen unterschieden werden. Im ersten Fall lässt sich die Hypnose auf geplante Weise im Verlauf der Sitzung abschliessen, oder im zweiten muss sie aus Zeitgründen vorzeitig, mitten in einem belastenden Geschehen, abgebrochen werden, ohne dass man zu einem «happy end» gelangen konnte.

Die erste Situation erlaubt ohne besondere Probleme eine organisierte Ausleitung der Hypnose. Wir lassen dem einfach Patienten Zeit, selber einen guten Abschluss zu finden. So wünschte sich beispielsweise eine Patientin, vor dem Abschluss der Trance noch eine kurze Zeit lang Schmetterling im Raupenzustand sein zu dürfen, um so die Erfahrung ihrer Hypnose sicher in die nächste Sitzung hinüberbringen zu können. Gegebenenfalls können wir auch mit dem Patienten eine Brücke zur nächsten Sitzung bauen, indem wir miteinander einen Ausblick auf eine mögliche, weitere Entwicklung skizzieren oder Varianten phantasieren, wie wir in der folgenden Sitzung weiterarbeiten könnten.

Im zweiten Fall, wenn die Hypnose aus Zeitgründen am Ende der Therapiesitzung trotz der Bedrohlichkeit der Szenerie beendet werden muss, kann der Therapeut nicht einfach abbrechen und sagen, die Zeit sei vorbei. Als Ausweg die Sitzung zu verlängern ist in den seltensten Fällen eine gute Option. Als eine der besten Möglichkeiten hat sich bewährt, dem Patienten etwa folgendes vorzuschlagen: «Nehmen Sie sich jetzt Zeit, einen vorläufigen Abschluss zu finden, und lassen Sie die Bilder und Emotionen, in denen Sie sich jetzt befinden, wieder dorthin zurücksinken, woher sie kommen. Dort werden sie sich in Ihrem Unbewussten weiter entwickeln, und vielleicht wird Ihnen in der Zeit bis zur nächsten Sitzung ein Nachttraum kommen, der Ihnen nächste Schritte aufzeigt. Nehmen Sie sich jetzt ruhig Zeit.». Indirekt werden damit dem Patienten mehrere implizite Mitteilungen mitgegeben: 1. Die Emotionen und inneren Bilder, die hier am Werk sind, existierten schon vorher in seinem Unbewussten. 2. Diese Bilder werden sich weiter entwickeln und gehören in dieselbe Welt wie die Bilder der Nachtträume. 3. Ein möglicherweise auftretender Nachttraum wird die Funktion eines Übergangsobjekts einnehmen können und so die Zeit ohne den Therapeuten überbrücken.

Indikation/Kontraindikation

Welche Patienten können von dieser Methode profitieren? Grundsätzlich ist eine Arbeit mit Hypnose immer Arbeit mit Ressourcen. Doch bei manchen Patienten lassen sich die notwendigen Ressourcen nicht „einfach so“, in einem normalen therapeutischen Beziehungsrahmen abrufen und aktivieren. Wir können diese – völlig unabhängig von administrativen Diagnosen wie ICD, DSM IV, oder anderen Systemen – als «tief gestörte» Patienten bezeichnen, Patienten mit Strukturdefiziten also. Besonders bei ihnen kann die aktive Introjektion eine hilfreiche Wirkung zeigen, vorausgesetzt, es besteht schon eine einigermassen solide therapeutische Beziehung und eine ausbaufähige Nähe.

Wir können nicht von Indikation reden, ohne auch von Kontraindikation zu sprechen. Hier können wir uns kurz fassen. Nicht anders als bei allen anderen Formen von Hypnoseanwendungen gilt eigentlich als globale Kontraindikation nur die nicht vorhandene Kompetenz des Hypnosetherapeuten für die gegebene Situation. Mit anderen Worten gilt auch hier das «Schuster bleib’ bei deinen Leisten».

Selbstredend eignen sich beispielsweise kognitiv schwer beeinträchtigte, chronisch schizophrene Patienten mit Negativsymptomatik nicht für die aktive Introjektion.

Zusammenfassung

Die «Methode der aktiven Introjektion des Patienten in Hypnose» stellt eine tiefenpsychologisch fundierte hypnotische Intervention dar, die der üblichen hypnosetherapeutischen Arbeit eine vertiefte Dimension öffnet. Entsprechend setzt sie natürlich auch voraus, dass der Therapeut über die notwendige Ausbildung und Erfahrung sowohl in Hypnose wie auch in der Behandlung der angesprochenen Patientengruppen verfügt.



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29.04.2021 von Dr.med. Barbara Laimböck