Die aktive Introjektion

eine hypnosetherapeutische Technik für Fortgeschrittene


Techniken 7Die aktive
Introjektion

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Die aktive Introjektion

eine hypnosetherapeutische Technik für Fortgeschrittene

Einleitung

Diese Technik – mit vollem Namen „Aktive Introjektion des Therapeuten in Hypnose“ – wurde ursprünglich in Zusammenarbeit mit Gaetano Benedetti (1920-2013) für die Arbeit mit schizophrenen Patienten entwickelt. Benedetti galt als einer der grossen Pioniere der psychoanalytischen Behandlung von schizophrenen Patienten. Er hatte lange Jahre eine Professur für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel inne. Sein Interesse für die Hypnose führte dazu, dass wir mehrere Jahre lang zusammen erforschten, wie sich seine aus der Psychoanalyse stammenden theoretischen und therapeutischen Konzepte für die Arbeit mit psychotischen Patienten mit der medizinischen Hypnose verbinden liessen. Gleichzeitig öffnete sich die Frage, wie diese zwei Ansätze sich gegenseitig befruchten konnten.

Die beiden bedeutendsten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit zeigten sich auf zwei Ebenen. Einerseits, auf der theoretischen Ebene im Zusammenhang mit der Frage des Wesens der Hypnose, führte sie zur wegweisenden Erkenntnis, dass ihr entscheidender Drehpunkt in einer ganz besonders gearteten, symbiotischen Beziehung liegt. Auf der praktischen Ebene führte sie zur konkreten Entwicklung der Technik der „aktiven Introjektion“. Letztere, zwar ursprünglich für die Psychotherapie von schizophrenen Patienten entwickelt, erwies sich auch bei anderen Pathologien als hilfreiche und potente Intervention, beispielsweise in der Behandlung von Borderline- und anderen Persönlichkeitsstörungen, dissoziativen Störungen u.ä. Besonders in heiklen Phasen einer Therapie kann sie zur Vertiefung der Arbeit dienen und bei der Stabilisierung der Patienten von Nutzen sein, indem sie die therapeutische Nähe maximiert und besondere, gezielte Interventionen zur Symbolbildung ermöglicht, immer unter der Voraussetzung, dass die therapeutische Beziehung schon auf einem soliden Boden bauen kann.

Gerade wegen ihrer besonderen Potenz, und auch aufgrund der möglichen Fallen darf diese Technik selbstredend ausschliesslich von Therapeuten in Bereichen eingesetzt werden, in denen sie bereits anderweitig gründlich geschult sind, und wenn sie im Umgang mit der Hypnose über genügend Erfahrung verfügen. Es wäre ein Kunstfehler davon auszugehen, mit dieser Technik habe man etwas in die Hand bekommen, um sich in Psychotherapien mit psychotischen Patienten ohne entsprechenden Hintergrund einzulassen. Die aktive Introjektion verstärkt die therapeutische Nähe nämlich in einem Ausmass, dass sich beispielsweise Ausrutscher in der Abstinenz schnell als Retraumatisierungen auswirken können. Hier gilt also noch mehr als sonst der allgemeine Grundsatz der Hypnosetherapie: „Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten!“.

In diesem Text schildere ich den praktischen Ablauf – das Protokoll – der Methode. In späteren Texten werde ich auf die psychodynamischen und theoretischen Konzepte Benedettis – wie beispielsweise die gegenseitige Partizipation der Unbewussten, das Übergangssubjekt, die progressive Psychopathologie usw. – eingehen, um ein vertieftes Verständnis der Dynamik und der Wirkungen dieser Methode zu ermöglichen. Daraus wird sich auch eine genauere Diskussion der Indikationen und Kontraindikationen dieser Methode ergeben. Wie Hypnose konkret in anderen Psychotherapien mit psychotischen Patienten eingebaut werden kann, wird Gegenstand ebenfalls späterer Texte sein.

Die Praxis der Methode

1. Die Induktion

Die Wahl der Induktion ist völlig offen und frei. Nicht anders als bei allen anderen hypnotischen Methoden hat die Induktion im Grunde nur einen Zweck zu erfüllen: In unterschiedlichen technischen Varianten geht es immer darum, zwischen dem Patienten und dem Therapeuten eine sichernde, symbiotisch geprägte, hypnotische Beziehung herzustellen. Erst wenn diese ausreichend installiert ist, kann der Patient auf seine mehr oder weniger bewussten Kontrollmechanismen über den Therapeuten („Was macht er jetzt?“, „Weshalb sagt er das?“, „Was will er?“, „Was denkt er über mich?“ usw.…) zugunsten eines verschmelzenden, naiven Vertrauens verzichten. Erst dank dieser besonderen Beziehungsform kann er sich voll und ganz nach innen seinen verborgenen Bildern öffnen und dabei gleichzeitig nach aussen in Interaktion mit dem Therapeuten bleiben. Diese Form von Bezugnahme ist die Grundlage dessen, was wir dann die hypnotische Trance nennen.

Entsprechend können die Induktionen mannigfaltige Formen annehmen: Wenn eine gemeinsame Entscheidung zugrunde liegt, dass man jetzt zur Hypnose übergeht, dann wird jede einfache, klassische Induktion zum Ziel führen. In manchen Fällen wird eine ausführlichere, sichernde Induktion erforderlich sein, bis der Patient genügend Mut findet, sich schwierigen, emotionalen Erfahrungen in der Trance zu stellen. Andererseits kann der Anlass der Induktion auch spontan aus dem Moment entstehen, wenn beispielsweise im Verlauf eines therapeutischen Gesprächs plötzlich eine Verschiebung in Richtung einer Emotion oder sonst etwas Beachtenswertes stattfindet, und dies gleich aufgegriffen wird. Dann reicht meist ein überzeugtes und ganz einfaches: „Wären Sie einverstanden, jetzt die Augen zu schliessen?“, um diese emotionale Spur von da dann in Trance weiter zu verfolgen. In einer speziellen Situation habe ich beispielsweise auch schon erlebt, dass sich eine Patientin auf meine Frage, ob sie bereit sei, in Hypnose zu gehen, wortlos auf ihrem Sitz von mir abwendete, mir den Rücken zuwandte und in Schweigen versank, bis ich ihr Schritt zwei vorschlug.

2. Der freie Traum

Nachdem die Induktion den Patienten nun in gesicherter Weise in Trance hat sinken lassen, laden wir ihn jetzt ein, ganz offen in seinen Innenraum zu gleiten und neugierig zu sein, was kommt. Entsprechend der jeweiligen Induktionsweise bestehen auch verschiedene Möglichkeiten.

- Wenn wir die Hypnose formell eingeleitet haben, laden wir den Patienten ein, spontan einen freien, hypnotischen Traum mit möglichst unbeabsichtigtem Inhalt aus seinem Unbewussten aufkommen zu lassen. Wir können dafür den Vergleich mit einem Nachttraum beiziehen. Und wir lassen ihm Zeit.

- Wenn die Kurzinduktion aus einer beginnenden Emotionalisierung des Gesprächs heraus entstanden ist ¬– wir also nur den Augenschluss vorschlagen mussten – erübrigt sich die eben erwähnte Einladung, denn der Patient befindet sich ja schon mitten in einem emotionalen Thema drin. Mit dem Augenschluss geschieht ja kein Themenwechsel, im Gegenteil: In der Trance fokussieren wir noch intensiver auf den emotionalen Gehalt des bestehenden Themas. Wir haben eigentlich nur den Raum gewechselt und dasselbe Thema beibehalten. Jetzt brauchen wir nichts Weiteres zu tun als den Patienten interessiert und präsent in dem zu begleiten, was sich weiterentwickelt.

Alternative Ausgangspunkte können auch beispielsweise Affektbrücken sein, die den Patienten in leidvolle Kindheitserlebnisse zurückgeführt haben, oder Albträume, die wir auch auf diese Weise in Trance wiedererleben lassen.

In allen Fällen müssen wir darauf gefasst sein, dass die aufkommenden Bilder und Gefühle durchaus sehr unangenehm sein können oder dass sie es im Verlauf werden. Doch geht es bei der „aktiven Introjektion“ ausdrücklich nicht um „Wellnesstrancen“ oder „Beruhigungstrancen“, sondern darum, mit der Hypnose eine sichere Bühne für unerträglich erscheinende Gefühle und Bilder zu schaffen, um darin und daran arbeiten zu können.

Wichtige Bemerkung:

Logischerweise muss die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut während des gesamten Ablaufs der „aktiven Introjektionsmethode“ im verbalen Austausch (laut) stattfinden. Wäre der Patient in seiner Trance in Schweigen versunken, könnte der Therapeut seine Interventionen nicht auf die jeweilige Lage des Patienten abstimmen.

3. Die Aufforderung, die Präsenz des Therapeuten ins Bild hinein zu symbolisieren

Dieser dritte Schritt, zusammen mit dem vierten, stellt den Angelpunkt der Methode dar: Der Patient ist jetzt vielleicht in einem sehr unangenehmen Bild am Strampeln, und nun fragen wir ihn „Wo bin ich in dieser Szene? Und wer oder was bin ich jetzt in Ihrem Bild?“ Auf den ersten Blick mag dieser Schritt etwas skurril erscheinen, oberflächlich betrachtet sogar übergriffig. Will sich der Therapeut plötzlich ins Bild des Patienten einmischen? Wo bleibt hier die therapeutische Abstinenz, wenn ein solch unverfrorener Einlass in seine Innenwelt gefordert wird?

Wenn wir diese Frage einem Patienten zum ersten Mal stellen, und insbesondere, wenn seine Trance noch relativ oberflächlich ist (damit ist gemeint: wenn sich der Patient noch ziemlich bewusst durch den Bezug zur Aussenwelt absichert), wird er uns nicht selten sachlich ganz richtig, aussenweltbezogen antworten: „Sie sitzen mir gegenüber, und Sie sind mein Therapeut.“ Kein Zweifel hat dies etwas Wahres an sich, allerdings hat er dabei etwas überhört, nämlich dass ich davon sprach: „…in Ihrem Bild, … in Ihrer Szene…“. Hier kann ich ihm den Sinn meiner Frage etwas etwa auf diese Weise verständlicher machen: „Stimmt, ich sitze Ihnen gegenüber. Sie sitzen aber jetzt auch in der Kälte Ihrer Gefängniszelle (je nach dem, was sein Bild ist), und Sie hören dort ja auch meine Stimme. Also muss ich dort auch irgendwo als irgendetwas vorhanden sein. Und was bin ich dort?“

Meine Frage zielt also darauf ab, meine bestehende Präsenz in seiner Szenerie in Form eines Symbols bewusst verbildlichen zu lassen. Mit dieser Frage mache ich im Grunde meine doppelte Präsenz – ein unanfechtbarer Ausdruck von Trance – bewusst: Mental bin ich in seinem Bild, und physisch bin ich neben ihm. Diese Frage ist also nicht Einmischung in das Innenleben des Patienten, auch nicht Verlassen der Abstinenzregel. Denn die eigenartige doppelte Präsenz des Therapeuten ist nicht ein Produkt von Suggestion, sondern durch die Natur der hypnotischen Situation gegeben. Um dies zu verständlich zu machen, können wir das entscheidende Stichwort „Trancelogik“ beiziehen. In der Trance gilt eine völlig andere Form von Logik als im Wachzustand. Dinge, die in der äusseren Realität einem Gesetz des „Entweder-oder“ unterliegen, verzaubern sich in der Trance mühelos zu einem „Sowohl-als-auch“. Paris kann gleichzeitig London sein und in Afrika liegen, eine Logik, die wir auch aus dem Träumen kennen. Trancelogik kennt keine Unvereinbarkeiten, und dank ihr können wir also parallel in zwei, für die wache Logik unvereinbaren Welten existieren. Für einen Patienten in Trance können wir somit gleichzeitig die sichernde und begleitende Fachperson aussen sein, und innen als etwas ganz Anderes im hypnotischen Szenario des Patienten leben und wirken. So betrachtet hat unsere Frage in keiner Weise etwas Unnatürliches an sich und bedeutet auch keinen unerlaubten Eingriff in die Seelenwelt des Patienten.

Genau betrachtet verletzt unsere Frage auch das Gebot der Abstinenz nicht. Der Patient wird ja eingeladen, selber die Präsenz des Therapeuten als eigenes, inneres Bild so zu gestalten, wie er ihn jetzt unbewusst wahrnimmt und wie es in seine momentane Szenerie hineinpasst. Entscheidend an der Wirkung dieses Symbolbilds ist, dass wir uns vom Patienten gestalten lassen, und dass nicht wir uns selber, aus unserer eigenen Phantasie heraus in irgendeiner Form einbringen (und schon gar nicht in nicht symbolisierter Form, quasi als persönlicher Retter: Dies wäre ein sträflicher Übergriff).

Dadurch, dass der Patient Schöpfer und Gestalter dieses Bildes ist, hat einerseits er die Dinge in der Hand, andererseits zeichnet er in diesem Bild eigentlich auch eine Darstellung seines eigenen „inneren Therapeuten“. Das Bild ist also eigentlich ein umfassendes „symbolisiertes Therapeutenbild“. Als (äussere) Therapeuten helfen wir durch unsere Anwesenheit und durch ein Resonanzphänomen, das „therapeutische Selbst“ des Patienten zu aktivieren und anzuregen. In dieses oftmals noch schwache Therapeutenbild bringen wir gewissermassen unsere „therapeutische Substanz“ in Form der hypnotischen Beziehung als Belebung und Stärkung ein.

Die Vielfalt der Gestalten, die uns als Therapeuten in der „aktiven Introjektion“ angeboten werden, ist grenzenlos. Da werden wir einmal zu einem heiligen Christophorus oder zu einem gutmütig beschützenden Bernhardiner. Ein anderes Mal können wir irgendein Gnom oder Talisman sein, oder gar ein ferner Stern. Oder wir sind Strickleitern, die der Patient benötigt, um aus der Tiefe eines Brunnenschachts hochzuklettern. Ich war auch schon Rückwand eines Besenschranks, in welchem die Patientin eingesperrt war, oder ich diente als Schlüsselloch, durch das ein schreckliches Geschehen im Schlafzimmer eines kleinen Mädchens erspäht werden konnte.

4. Die Identifikation mit dem Symbol in der „Gegentrance“ („parallele Trance“)

Der nächste Schritt findet zeitgleich mit dem vorhergehenden statt. Er besteht darin, dass sich der Therapeut jetzt selber auch in Trance sinken lässt, in eine „Gegentrance“ oder „parallele Trance“, und dabei versucht, sich mit dem Bild, das der Patient von ihm gestaltet hat, möglichst vollständig und konkret zu identifizieren. Er lässt also nicht einfach in Trance ein eigenes Symbolbild des Patienten aufkommen, sondern er übernimmt identifikatorisch einen Ausschnitt der Bilderwelt des Patienten, und schlüpft in ihn hinein. Dies stellt eine viel intensivere Identifikation dar als die normale Empathie.

Ein solcher Identifikationsversuch kann sich für den Therapeuten als recht herausfordernd gestalten. Denn er soll nicht nur bestrebt sein, das vom Patienten entworfene Bild (auf seine Art und Weise) zu sehen, sondern ganz – „mit Leib und Seele“ – hineinzugehen und sich hineinzufühlen. Je nach Vorgabe ist eine wörtliche Umsetzung dieser Aufgabe von Natur aus unmöglich, manchmal ist sie auch mit unangenehmen Gefühlen für den Therapeuten verbunden.

In der Gestalt eines Christophorus beispielsweise muss ich versuchen zu spüren, wie ein Kind tonnenschwer auf meinen Schultern lastet, mich erdrückt und mich beinahe in den Fluten des Flusses ertrinken lässt. Hier ist es noch relativ einfach mitzufühlen, weil die meisten Menschen auf ähnliche, selbst erlebte Erfahrungen zurückgreifen können. Schon beim Bernhardinerdasein wird man mit dem Problem des Vierbeinerstands konfrontiert. Das mentale Einarbeiten in diese Position stellt uns vor eine etwas komplexere Aufgabe. Einen herzerweichenden Blick aufzusetzen, um Sicherheit auszustrahlen, wird leichter fallen. Sich dann noch als einen Gegenstand wie einen Talisman oder eine Strickleiter oder gar als Besenschrankrückwand zu erleben, wird erst recht zur Herausforderung. Wir reden nicht davon, wie man sich die Existenz als Schlüsselloch als Erlebnis vorstellen soll…

Diese Identifikation kann man nicht in irgendeinem Sinn „richtig“ machen. Eine absolute Konformität in allen Details mit der Vorlage ist ja naturgemäss unmöglich und auch nicht erfordert, weil unsere Gefühle und Bilder bei dieser Identifikation in jedem Fall unsere Eigenproduktion bleiben. Wertvoll wird hingegen, sich in Selbstbeobachtung und in Neugier zu üben, was in uns vorgeht, während wir uns in dieses Kunststück einlassen: Wie einfach oder schwierig ist es für mich, in dieses Symbol hineinzuschlüpfen? Welche Gefühle kommen dabei auf? Wie wohl fühle ich mich in dieser Rolle? Widersteht sie mir, dann weshalb? Wird das Ganze mir zu intim? Oder fühle ich mich im Gegenteil dem Patienten endlich nahe? Ist es mir sogar schlicht unmöglich, mich hineinzuversetzen? usw.

5. Die Interventionen und ihre Varianten

Nun sind wir im Prozess dieser hypnotischen Identifikation, und was sollen wir damit anfangen?


1. Nur präsent sein

Schweigend nichts tun, aber in unserer übernommenen Rolle doch sehr intensiv präsent sein – vielleicht hie und da mit einem zustimmenden «Hmmm» – ist sicher die erste und meist auch die wirksamste Wahl. Es reicht dann allenfalls eine ganz kurze bestätigende Intervention wie etwa: „Ja, ich bin jetzt der Bernhardiner.“, damit sich der Patient sicher fühlen kann, dass wir bei ihm sind.

Eine solche, zurückhaltende Reaktion lässt dem Patienten die grösste Freiheit und Autonomie, seine Bilder in ganz eigener Art und Weise weiter kreativ zu entwickeln. Die Präsenz des Therapeuten und dazu seine Identifikation mit dem Bild wirken ohnehin auf das emotionale Geschehen ein, und machen daraus eine stille Co-Kreation. Es entsteht so ein therapeutisches Feld, das wie ein Brutkasten wirkt.


2. Sich über die Befindlichkeit des Symbols erkundigen

Das stille In-Resonanz-Sein allein reicht nicht immer aus, um wirklich etwas spürbar Heilsames stattfinden zu lassen. Manchmal drückt es der Patient aus, oder wir spüren es. Dann können wir uns in einer ersten Stufe beim Patienten erkundigen, wie es uns als Symbolbild ergeht.

Eine Frage wie: „Wie geht es mir?“ klingt natürlich auf den ersten Blick etwas verwunderlich und schräg. Gemeint ist aber natürlich: als Talisman, als Strickleiter etc. Diese Präzisierung muss je nach dem explizit ausgesprochen werden, oft aber versteht sie der Patient von alleine implizit richtig, denn die Frage kommt ja aus dem Symbolbild heraus.

Wir überlassen immer noch vollständig dem Patienten die Gestaltung der Antwort ohne inhaltliche Anregung von Seiten des Therapeuten.


3. Die eigene Befindlichkeit aussprechen

Als nächste Stufe, wenn die Aufgabe, die Befindlichkeit des Therapeutensymbols zu erspüren, die imaginativen Fähigkeiten eines Patienten überfordern, haben wir als Therapeuten auch die Möglichkeit, vorsichtig Eigenes einzubringen, das aus unserem therapeutischen Spiegelgefühl entstammt.

Dann können wir Rückmeldungen geben, wie: „Ich spüre auf meinen Schultern die beklemmende Schwere der Last, die ich tragen muss (als Christophorus)“. Oder: „Ich fühle mich (als Besenschrankrückwand) starr und auch hilflos, nicht in der Lage, irgendwie aktiv helfend einzugreifen.“

Solche Rückmeldungen müssen unbedingt einem authentischen Erleben des Therapeuten entsprechen, egal ob dieses nur in seiner mitfühlenden, identifikatorischen Phantasie empfunden wird. Wäre eine solche Rückmeldung nur intellektuell zurechtgelegt und nicht echt, käme sie – gerade in dieser höchst intimen Trancesituation – als „fake“ an und würde bestimmt als dies wahrgenommen. Sie würde dann viel eher eine innere Distanzierung fördern und somit das Gegenteil dessen erreichen, was angestrebt wird.

Das Aussprechen von Befindlichkeiten des Therapeuten auf einer Symbolebene hat eine Wirkung sowohl auf den Patienten wie auf den Therapeuten: Stimmt unsere empathische Spiegelung, so wird sich der Patient in ihr erkannt und anerkannt fühlen, und wird mit gesteigerter Zuversicht an sich arbeiten können. Auch der Therapeut kann häufig dabei gewinnen, indem er feststellt, dass das Gefühl, das er im Symbolbild wahrnimmt, eine Karikatur – oder zumindest eine Erhöhung – eines Gefühls ist, das er der Therapie gegenüber schon lange empfand und das er bisher nicht mit dieser Bewusstheit wahrgenommen hatte. Das Therapeutenbild spiegelt ihm also etwas, was das Formulieren ihm danach noch augenscheinlicher macht.


4. Einbringen der partizipierenden Kreativität des Therapeuten

Es können in der aktiven Introjektion Situationen auftreten, in denen das innere Szenario des Patienten derart bedrohlich wird – wenn seine Affekte beispielsweise unverrückbar, unheilschwanger und blockiert erscheinen – dass wir als Therapeuten weder still zuwarten noch auf die spontane Wirkung der Ressourcen des Patienten hoffen können. Die nur abwartend begleitende Haltung würde hier womöglich den Bogen des Durchhaltevermögens des Patienten überspannen.

Dann macht es Sinn, sich in einer aktiveren Form einzubringen – natürlich immer aus der Position des Symbolbilds heraus. Der Therapeut mobilisiert jetzt seine eigene therapeutische Kreativität und bringt einen vorsichtigen Veränderungsvorschlag ein, der ihr entsprungen ist.

Zu einem solchen, therapeutisch kreativen Einfall gelangen wir am einfachsten, wenn wir uns aus der Symbolposition die Frage stellen, welcher Impuls in uns entsteht. Als Bernhardinerhund spüre ich beispielsweise, dass die Bedrohung für mein Herrchen ein derartiges Mass erreicht, dass ich mir ernsthafte Sorgen um ihn mache. Was würde ich da am liebsten tun? Warum nicht sein Hosenbein mit den Zähnen anpacken und ihn mit aller Kraft aus der Gefahrenzone wegzerren? Diese Phantasie teile ich dann dem Patienten mit. Anderes Beispiel: Was soll ich als Schlüsselloch, wenn ich dabei nur meine absolute Ohnmacht spüren muss, und nicht im Geringsten daran denken kann, eingreifen zu können? Vielleicht bleibt mir als einziger Beitrag übrig, irgendwie ein Durchgang für Blicke von Zeugen zu sein und so das Gedächtnis für das zu ermöglichen, was man durch mich sehen konnte? Ich weiss nicht, ob ein Schlüsselloch dies kann oder nicht, aber entscheiden wird die Patientin mit ihrer Reaktion.

Alle Vorschläge dieser Art müssen natürlich in einer strikt explorativen Einstellung des Therapeuten eingebettet sein. Wenn wir ganz sicher gehen wollen, leiten wir sie mit einer Frage ein: «Was denken Sie, mir kommt das Gefühl auf, am liebsten würde ich…». Mit dem entsprechenden Tonfall kann man auch bestimmter schildern, wie es einem ergeht. Nur muss ich dies immer mit der Neugier einbringen: Wie reagiert der Patient darauf? Unter keinen Umständen darf unserem Einfall ein Geruch von «Das ist die Lösung!» oder «Hier haben den besten Weg!» anhaften.


Weshalb diese Abstufung der Interventionen?

Unsere Rolle als Hypnosetherapeuten kann nicht darin bestehen, den Patienten auf eine Genesung hin zu steuern oder ihn dazu anleiten zu wollen. Dazu müssten wir über eine Unmenge von Kenntnissen – praktisch alles über ihn, seine Geschichte, seine Ressourcen etc. – verfügen können: ein Ding der Unmöglichkeit! Zudem würden wir signalisieren, dass wir an der Wirksamkeit seiner intrinsischen Resilienz zweifeln, was eine ungünstige Botschaft an ihn wäre. Was aber wirklich in unserer Macht liegt: Wir können mit dem Patienten einen Rahmen aufbauen, in dem eine optimale Aktivierung seiner inneren Ressourcen und Potentiale möglich wird.

Bedingung um dies zu verwirklichen, ist aber, dass alle unsere Interventionen die Autonomie des Patienten und seine Kreativität maximal fördern. Je weniger wir an seiner Stelle tun – gleichwohl ihn immer intensiv präsent begleitend – umso eher kann er selber auf Lösungen aus seinen ganz eigenen Ressourcen stossen. Diese therapeutische Haltung lässt sich metaphorisch etwa mit dem Bild eines Grossvaters veranschaulichen, der sein kleines Enkelkind, ohne es zu zwingen, an der Hand nimmt: „Komm, Kind, gehen wir mal hin und schauen!» So begleitet er ihn in den Wald, und ist darauf bedacht, ihn neugierig und mit der Wildnis vertraut zu machen. Wenn es sein muss, trägt er selbstverständlich das Kind über eine schwierige Stelle.

6. Abschluss der Trance

Bei der aktiven Introjektion gibt es, wie bei der Induktion, auch in der Rücknahme der Trance keine grundsätzlichen Unterschiede zu anderen Hypnosen. Es müssen allerdings zwei Grundsituationen unterschieden werden. Entweder lässt sich die Hypnose auf geplante Weise im Verlauf der Sitzung abschliessen, oder sie muss aus Zeitgründen vorzeitig, mitten in einem belastenden Geschehen, abgebrochen werden, ohne dass man zu einem «happy end» gelangen konnte. Währenddem in der ersten Situation eine organisierte Ausleitung der Hypnose keine besonderen Probleme aufwirft, kann die zweite für eine aktive Introjektionshypnose zur Herausforderung werden.

Je nach Bedrohlichkeit der Szenerie kann der Therapeut die Hypnose nicht einfach abbrechen und sagen, die Zeit sei vorbei. Als einer der möglichen Auswege hat sich bewährt, dem Patienten etwa folgendes vorzuschlagen: «Nehmen Sie sich jetzt Zeit, einen vorläufigen Abschluss zu finden, und lassen Sie die Bilder und Emotionen, in denen Sie sich jetzt befinden, wieder dorthin zurücksinken, woher sie kommen. Dort werden sie sich weiter entwickeln, und vielleicht wird Ihnen in der Zeit bis zur nächsten Sitzung ein Nachttraum kommen, der Ihnen nächste Schritte aufzeigen kann. Nehmen Sie sich jetzt ruhig Zeit.». Indirekt werden damit dem Patienten mehrere implizite Mitteilungen mitgegeben: 1. Es sind da Emotionen und innere Bilder am Werk, die schon vorher in ihm (in seinem Unbewussten) existierten. 2. Diese Bilder werden sich weiter entwickeln und gehören in dieselbe Welt wie die Traumbilder. 3. Ein möglicherweise auftretender Nachttraum wird die Funktion eines Übergangsobjekts einnehmen können und so die Zeit ohne den Therapeuten überbrücken.


Ausblick

In diesem Text habe ich mich darauf beschränkt, die Methode der «Aktiven Introjektion des Therapeuten in Hypnose» mehr oder weniger wie ein Kochrezept zu beschreiben. Wie schon in der Einleitung erwähnt, ist die Anwendung dieses Rezepts nur für Therapeuten geeignet, die sich mit einem Patienten aufgrund ihrer Erfahrung in Hypnosetherapie und mit einer genügenden Expertise in der jeweiligen Pathologie sicher fühlen. In späteren Texten werde ich die theoretischen Hintergründe und therapeutischen Konzepte noch vertieft vorstellen. Für heute soll es reichen …






«Je le pansay, Dieu le guarist.»

(Ich versorgte ihn, Gott hat ihn geheilt.)

Ambroise Paré (1510-1590), französischer Chirurg