Die Verdauungsmetapher …   

                         

                                    und ihre Implikationen für die Hypnose


Prinzipien 3: Die Verdauungsmetapher                                                                              Text Nr. 24

Die Verdauungsmetapher… und ihre Implikationen für die Hypnose 1

1. Verarbeiten, Rucksack tragen oder verdauen?

Wenn es um den Umgang mit schweren Lebenserfahrungen geht, kommt meist der Ausdruck «Verarbeiten» zur Anwendung, dies mit einer Lockerheit, als müsste jedermann wissen, was darunter zu verstehen ist: Ein Mensch, der nach längst vergangenen, belastenden Erfahrungen noch immer mit seiner Seele in deren Fängen hängt, «hat sie eben noch nicht verarbeitet».

Diese Formulierung lässt leider gänzlich im Dunkeln, worin dieser Prozess bestehen soll und auf welchen Mechanismen er beruht. Das Wort «Verarbeiten» deutet nur an, dass es sich um Arbeit handelt – also um etwas Anstrengendes, das nicht von alleine geschieht. Das Präfix «Ver-» präzisiert, dass dieser Vorgang zu einem Abschluss zu führen ist.

Dabei bleibt immer noch offen, inwiefern dieser Vorgang genannt «Verarbeiten» ein natürliches Geschehen ist – das offenbar manchmal verpasst stattzufinden - oder ob es einer bewussten Anstrengung der betroffenen Person bedarf, und Manche vielleicht zu wenig Fleiss und Einsatz an den Tag legen, zumal der Ausdruck ja mehr Mühsal und Pein als Spass verspricht. Und wie häufig wird das «Verarbeiten» selbstquälerisch praktiziert, indem man sich immer wieder, von Neuem durch den Schmerz durchkämpft, und nochmals, und nochmals … nicht selten mit dem gegenteiligen Resultat einer völligen Fixierung auf die Verletzung.

Auch Ausdrücke wie «verwinden», «überwinden», «sich befreien», «ablegen», «abstreifen» bieten nicht viel mehr Hilfe an. Diese sind näher bei einer anderen Metapher, in der ungelöste Probleme aus der Vergangenheit mit einem schweren Rucksack verglichen werden, der getragen bzw. endlich abgelegt werden müsste. Dieser wird meist als mit schweren Steinen gefüllt gesehen. Aber auch diese Metapher deutet keinen brauchbaren Lösungsweg an, suggeriert nicht einmal Freude am Wandern … Im Grunde steckt in diesem Bild vielmehr eine negative Suggestion: Stellen Sie sich vor, unser armer Mensch darf eines Tages seinen Rucksack wirklich ablegen, öffnet ihn und muss feststellen, dass er jahrelang nur nutzlose Steine herumgebuckelt hat: Welch eine erbauliche Erkenntnis!

Ganz anders steht der Ausdruck «Verdauen» da. Mit diesem Wort treffen wir ein Bild, das unmittelbar allen Menschen bekannt ist, und uns mitten ins Reich der natürlichen, von selbst geschehenden, stärkenden und erleichternden Vorgängen führt. (An welchem Örtchen mich übrigens diese Erkenntnis gefunden hat, bleibt mein Geheimnis …). Zudem kennt der Volksmund dieses Bild ja auch bestens im Zusammenhang mit seelischen Prozessen: «Das muss ich erst noch verdauen!».

Bei genauerer Betrachtung passt die Metapher der Verdauung erstaunlich genau, um die (hypothetischen) psychischen Vorgänge zu erklären, die mit der «Verarbeitung» seelischer Probleme zu tun haben – ja sie führt sogar zu konkret anwendbaren, sinnvollen Anregungen für die Therapie. Und wo Verdauung im Spiel ist, kann Hypnose nicht weit entfernt sein. Als Beispiel seien nur die immer besser in ihrer Wirksamkeit belegten «Bauchhypnosen» bei Reizdarm erwähnt. Schliesslich hat Hypnose etwas mit Loslassen, mit Entstressung und mit trophotroper Umschaltung zu tun.

2. Die Parallelen zwischen körperlicher und                                             seelischer Verdauung

Nehmen wir den Ablauf einer guten Bauchverdauung in ihren einzelnen Schritten unter die Lupe, und übertragen wir dann unsere Beobachtungen mit Neugier auf die seelische Verdauung, so fallen recht erstaunliche Parallelen auf.


         Die Schritte der körperlichen Verdauung

1. Die Verdauung beginnt eigentlich schon beim gedanklichen Aussuchen der Nahrung, auf die wir Lust haben. Bei der Auswahl lassen wir uns durch Eindrücke unserer Augen, unserer Nase und unseres Tastsinns, sowie durch sinnliche Erinnerungen an erlebte Gaumenfreuden (oder an deren üblen Folgen …) leiten. Auch Vernunft oder Ideologien können mit ins Spiel kommen. Im Rahmen des Angebots und des Möglichen werden dann die entsprechenden Nahrungsmittel beschafft.

2. Der zweite Schritt besteht in der Zubereitung der Nahrung: Schälen, Schneiden, Kochen, Backen etc. Wir machen dadurch die Nahrung bereit zum Verzehr (ohne dabei die Optik für den Genuss des Auges zu vernachlässigen). Dem Koch wird es in der Regel nicht bewusst, aber es handelt es sich hierbei um den Beginn eines der grundlegenden Prozesse der Verdauung: Das Zerkleinern, bzw. Zerlegen in Bestandteile. Jetzt vorerst im Groben.

3. Alles wartet nun auf dem Teller darauf – meist nach einem weiteren Zerkleinerungsschritt mit Messer und Gabel – in den Mund eingeführt zu werden: Dies ist jetzt der gastronomische Höhepunkt! Die Speicheldrüsen freuen sich schon lange auf diesen Augenblick.

4. Bei gefülltem Mund geht das Zerkleinern gleich weiter: Die Speise wird gekaut, zermalmt, eingespeichelt, auf die richtige Temperatur gebracht, und als bekömmlichen Brei im Hinblick auf den nächsten, grossen Schritt zubereitet.

5. Derweil prüfen die Papillen laufend, ob die Speise den gustatorischen Erwartungen entspricht. Der Zufriedenheits- bzw. der Genussfaktor entscheiden letztlich über ein Schluck-Placet oder über eine Kursumkehr. Die Zunge wirkt in dieser Zeit nicht nur als sanftes Rührwerk, sie überprüft auch die Nahrung auf Konsistenz und Temperatur.

6. Jetzt kommt es endlich zu einem zweiten Höhepunkt: zum Schlucken! Die Bedeutung dieses Schlüsselereignisses darf nicht unterschätzt werden: Er kann nicht mehr rückgängig gemacht werden – es sei denn im Notfall, oder bei besonderen psychiatrischen Diagnosen. Zweitens, und noch wichtiger, wird die bewusste Kontrolle, die wir über die Speise hatten, nach diesem Schritt für alle weiteren Arbeitsgänge definitiv abgegeben. Das Schlucken ist gewissermassen die magische Schwelle, wo die Kontrolle an die Unbewusstheit, an autonome Vorgänge vollständig übergeben wird.

7. Ab jetzt übernimmt die Natur also das weitere Geschehen, alleine, fernab von jedem bewussten Einfluss des Verdauenden. Und was tut sie? Letztlich einfach weiter zerkleinern, jetzt aber nicht mehr mechanisch, sondern ausschliesslich chemisch, zuerst im Magen durch den sauren Magensaft, dann im Dünndarm durch die spaltfreudigen Pankreas- und Lebersäfte. Die Nahrung wird dabei in ihre Elemente, in die Moleküle, so zerlegt, dass diese für die nächsten Vorgänge tauglich werden.

8. Denn jetzt kommt die Darmwand ins Spiel. Sie filtert. Was für den Körper nützlich ist – sei es, dass es ihm Energie liefert oder dass es seinem Aufbau und Unterhalt dient – erhält den Passierschein in den Körper und wird durch das Blut an den entsprechenden Ort befördert. Was hingegen dem Körper schaden könnte oder einfach nur unnütz ist, wird nicht zugelassen und geht den Weg der Gedärme weiter.

Hier habe ich als Verdauender nichts mehr mitzureden – leider für diejenigen, die gerne mitbestimmen möchten, ob ein bisschen weniger Fettsäuren, dafür ein bisschen mehr Aminosäuren … Immerhin können wir bei Verdauungsschwierigkeiten versuchen, bewusst ein bisschen Einfluss zu nehmen – aber nur ganz beschränkt, über den Einsatz indirekter Hilfen wie Bauchmassage, Bettflasche, Pfefferminztee oder Melissengeist.

9. Am Ausgang des Darmes wird der Müll zur Entlastung freigegeben und defäkiert. Er wird der Natur zurückerstattet, um dort anderen Zwecken dienen zu können. Damit ist der dritte und letzte Höhepunkt erreicht.

Bis hierher dürfte Ihnen wohl alles recht bekannt und trivial vorgekommen sein. Versteckter und deshalb erstaunlicher treten hingegen die Entsprechungen zwischen den Phasen des körperlichen Verdauens und denen der seelischen Verdauung in Erscheinung.


           Die Phasen der seelischen «Verdauung»: nicht wirklich anders ...

Die seelische Nahrung ist natürlich nicht stofflicher Natur, sondern besteht aus dem, was wir erleben. Der Mensch braucht Erlebnisse und Geschichten, um sich seelisch am Leben zu erhalten. Einen Teil davon kann er aus seiner Seele selbst, aus der Phantasie heraus produzieren, aber es geht nicht ohne konkrete Erfahrungen und Interaktionen mit der Aussenwelt. Eine der schlimmsten Strafen ist deshalb die Einzelhaft, das völlige Abschotten von jedem äusseren Erlebnis. Erlebnisse haben also für die Psyche dieselbe Bedeutung wie die körperliche Nahrung: Sie liefern je nach dem Kraft (die schönen und entzückenden) oder sie dienen dem Aufbau und dem Unterhalt (die lehrreichen).

Seelische Nahrung ist ihrem Wesen nach Information, und seelische Verdauung folglich Umgang mit Information.

1. Der physischen Verdauung genau entsprechend beginnt auch die seelische, mit dem gedanklichen Aussuchen der Nahrung, also von Erfahrungen, in denen wir uns Kraft und Substanz erhoffen. So schweben unsere Träume über dem Ferienprospekt, und suchen uns Destinationen aufgrund der angepriesenen Genussmöglichkeiten oder Abenteuer aus. Wir lesen uns auch potentielle Freunde und Partner aus, ¬aufgrund verheissungsvoller Erlebnismöglichkeiten mit ihnen und im Rahmen des Angebots.

2. Der kulinarischen Zubereitung der Nahrung entspricht jetzt die Planung. Das erwünschte Erlebnis wird vorbereitet: Man informiert sich, vergleicht, organisiert, plant Dates, damit dann alles möglichst reibungslos vonstatten gehen kann.

Wie beim Rüsten und Kochen der Speisen findet dazu ein Prozess des Zerlegens in Bestandteile bzw. Aspekte statt. Eine gute Vorbereitung geht schrittweise vor, zuerst in groben Zügen, dann in den feineren Details: Landkarten studieren, Tickets einkaufen, Lokal reservieren, sich hübsche Kleider suchen, usw.

3. Endlich wird der Plan ausgeführt. Das Gepäck steht bereit, und die Reise oder der Abend kann beginnen. Statt zu Munde wird jetzt zu Gemüte geführt. Aus der Phantasie wird Realität. Der Zauber des Handelns und Erlebens kann nun mit allen Eindrücken wirken. Dies ist der erste, ergreifende Höhepunkt.

4. Wie die Speise im Munde zerkaut wird, so wird das Gesamterlebnis auch in verschiedenste Teil-Eindrücke «zerkleinert». Wir nehmen mit jeder Sinnesmodalität unterschiedliche Aspekte wahr, seien es optische Eindrücke, Geräusche, Gerüche, oder Empfindungen und Emotionen. Wir versuchen auch zu verstehen und zwischen den Zeilen zu lesen. Und wo während des Erlebnisses vielleicht Schwierigkeiten auftreten, haben wir daran zu kauen … bis es wieder funktioniert.

5. Jeder Augenblick wird gekostet, ergründet, beachtet, geprüft, ob alles passt. Unsere geistigen Papillen wollen möglichst erfassen können, was wir tun und was mit uns geschieht, auch damit wir uns nötigenfalls aus dem Geschehen zurückziehen können.

6. Die Entsprechung zum Schluckvorgang ist der Übergang aus dem Machtbereich des Bewussten in die Undurchsichtigkeit der Natur und ihrer unbewussten Vorgänge. Sie findet bei gleichbleibender Funktion mit einigen Unterschieden statt: Kein spektakulärer, bewusster Schluckakt mit einem Vorher und einem Nachher, denn das Unbewusste ist von Anfang an mitinvolviert und aktiv. Es erlebt alles mit, was wir im Bewussten erleben. Zweiter Unterschied: Was im «Magen» des Unbewussten angekommen ist, bleibt unwiderruflich dort. Ein Erlebnis kann noch so «zum Kotzen» sein, der Befreiungsschlag kann nicht durch einfaches «Zurück an den Absender» stattfinden wie mit der körperlichen Nahrung. Eine neurophysiologische Erklärung dafür ist, dass ein Engramm nie gelöscht werden kann. Es lässt sich höchstens durch neue, heilende Erfahrungen überschreiben.

7. Die weiteren Arbeitsgänge bestehen auch bei der seelischen Verdauung in einem Zerkleinern, bzw. Zerlegen in Bestandteile. Die Elemente heissen hier nicht Moleküle, sondern Aspekte. Ein Erlebnis beinhaltet ja verschiedenste Aspekte: Einerseits die unterschiedlichen Sinneseindrücke über die verschiedenen Kanäle (das Gehörte, das Gesehene, das körperlich Wahrgenommene usw.), die übrigens als Spuren an separaten Orten im Hirn gespeichert werden. Daneben auch die unterschiedlichen Aspekte der Art des Erlebens, also die mit dem Erlebnis verbundenen Emotionen, Kognitionen und Assoziationen. Alle diese Aspekte werden in einem dem Bewussten nicht zugänglichen Arbeitsgang weiter prozessiert. Manche davon sind wertvoll und sollen entsprechend integriert werden, und andere würden für das weitere Leben nur Hemmnis bedeuten.

8. Jetzt kommt eine zentrale, unbewusste Funktion ins Spiel, die wir am sinnvollsten – selbstverständlich metaphorisch – als «seelische Darmwand» bezeichnen. Welchem neuroanatomischen oder physiologischen Korrelat diese Filterfunktion entspricht, bleibt wohl schwierig zu definieren, sie gehört aber dem weiten Bereich der Resilienz an. Ihre Aufgabe ist genau dieselbe wie beim Darm: Was Kraft gibt (wie die unwirkliche Poesie eines Sonnenuntergangs oder die kostbare Wärme einer Freundschaftsgeste) passiert den Filter und nährt uns im Jetzt, wie auch später in den Erinnerungen. Ebenso werden die aufbauenden Aspekte von schwierigen Erfahrungen zugelassen: diejenigen, die unsere Persönlichkeit schmieden, stärken, uns härter oder einfühlender machen, sprich diejenigen, die uns weiser machen. Unbedingt müssen diese behalten und integriert werden. Die verhängnisvollen Spuren hingegen, die uns an die dunkle Seite, das Unglück dieser Erfahrungen fesseln, oder an die wir uns klammern, aus Angst sie zu verlieren, und die uns eigentlich nur Lebensenergie rauben, müssen den Weg zu einem guten Ausgang finden.


«Lascia la spina, cogli la rosa» 

(«Lasse die Dornen, pflücke die Rose»)

Arie von Georg Friedrich Händel, 1685-1759: Die Essenz der Verdauung, musikalisch und poetisch verzaubert …

gesungen von Julia Lezhneva   (Link anklicken)

Wie lebensnotwendig diese Filterfunktion ist, können wir am besten daran ermessen, wenn wir sie dort beobachten, wo sie Defekte aufweist. Filterfunktionsstörungen sind beispielsweise ADHS, Asperger, auch Schizophrenie, Manie, Depression usw., wo letztlich in der Tiefe ein Teil dieser Triagewirkung der psychischen Darmwand fehlt.

Auch die seelische Verdauung kann zu Blähungen und Krämpfen führen, wenn sie nicht rund läuft. Die Hilfestellung des Bewussten in dieser Phase kann, wie bei der körperlichen Verdauung, nur aus «externer» Unterstützung bestehen. Dann wirken – entsprechend der Massage, der Bettflasche oder dem Pfefferminztee – eine beruhigende Stimme, Schutz und heilsame Phantasien, oder das passende Märchen, von Grossmutter erzählt.

9. Und jetzt fragen Sie sich: «Was soll denn ein ‘seelischer Stuhlgang’ sein?» Setzt man sich hin und entblösst sich? In einer gewissen Art schon: Denn am besten zieht man sich etwas vom Alltag und seinen Krämereien zurück, hält in sich Einkehr und versetzt sich in eine Stimmung innerer Vorurteilslosigkeit. Und dabei kann man sich schon das eine oder andere Mal nackt vorkommen …

Ein bewusstes, aktives «Mitpressen» ist insofern möglich, indem man sich die behindernden Gedanken wie etwa «Das schaff ich nie! Ich bin halt so!» entschieden vom Leibe hält und durch entlastungsfördernde Statements ersetzt in der Art von «Ich bin O.K., wie auch immer ich bin!».

Aber im Wesentlichen verläuft diese Verrichtung meist still und unbemerkt, ohne Pressen. Alle Menschen kennen nämlich den ganz alltäglichen «seelischen Stuhlgang», wenn auch nicht unter dieser Bezeichnung: Wenn wir abends mit einem nagenden Ärger – vielleicht wieder einmal über den Chef oder uns selber – zu Bette gehen, und bei Sonnenaufgang alles wieder milder aussieht, so war dies die Wirkung des seelischen Stuhlgangs. In der Zwischenzeit hat sich nämlich an der Sache nichts geändert, nichts ist seither geschehen, ausser dass wir darüber geschlafen haben. Und jetzt ist der Ärger wie «vergessen». Er war offensichtlich unfruchtbar, also Müll, und fand den Ausgang. Je nach Schwere des Ereignisses kann der Stuhlgang mehr Zeit beanspruchen, aber irgendwann sollten im natürlichen Fall die «Schrottaspekte» der Gefühle wegverdaut sein.


         … und noch eine weitere, fundamentale Gemeinsamkeit

Beide Formen der Verdauung können nur dann stattfinden, wenn wir nichts anderes tun, nämlich in der Ruhe. Im «Dolce Farniente» gewissermassen.

Die Gazelle verdaut nicht, wenn sie vom Löwen gehetzt um ihr Überleben rennt, sondern erst wieder, wenn sie sich in Sicherheit befindet. Ebenso sind wir nicht am seelisch Verdauen, wenn wir durchs Leben hetzen und Trauer verdrängen, sondern erst wenn wir uns Zeit nehmen, meditieren, oder uns in … Hypnose begeben. Dann erst kann das Unbewusste seiner Verdauung nachgehen und die Selektion der wirklich wichtigen von den unwichtigen Dingen des Lebens vornehmen.

Bei allem Staunen über die Parallelen dürfen wir auch nicht die Unterschiede übersehen. Diese beruhen in erster Linie darauf, dass die körperliche Verdauung in der materiellen Welt – im vertrauten System von Physik und Chemie, also mit Materie und Energie – stattfindet, während die seelische Verdauung im viel geheimnisvolleren Bereich der Informationsverarbeitung wirkt. Beide Systeme folgen ganz unterschiedlichen Gesetzen.


           Im Überblick: die Parallelen 

Hier vorerst die Nebeneinanderstellung der beiden Verdauungen, aber noch ohne den Bezug zur Hypnose und zur Therapie. Und vorerst auch mit eher positiven Beispielen. Hoffentlich lassen Sie sich schon dadurch etwas inspirieren. Die Überlegungen zu den therapeutischen Implikationen, insbesondere in der Hypnosetherapie, folgen im nächsten Text.





                                                                                «shit happens»          

(Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen: 

Unsere Hündin, als sie ganz klein war… so süss… Premiere im Schnee…)

 


Prinzipien 3: Die Verdauungsmetapher                                                                              Text Nr. 25

Die Verdauungsmetapher… und ihre Implikationen für die Hypnose 2

Zugegeben, die Komplexität der seelischen Verwicklungen, wie sie in den Tiefen des Unbewussten wirken und weben, sieht sich in der Verdauungsmetapher in recht grober und vereinfachender Weise abgebildet. Zeichnen sich aber gute Metaphern nicht gerade dadurch aus, dass sie absichtlich Vieles offen lassen, die Intuition aber im Gegenzug anheizen und zu neuen, wegweisenden Ideen inspirieren?

So beschäftigt sich dieser zweite Text zur seelischen Verdauung mit einigen Implikationen dieser Metapher und versucht so, Akzente für unsere hypnosetherapeutische Arbeit zu setzen.

3. Allgemeine Implikationen und Überlegungen 

Sehen wir in einem ersten Schritt von der spezifischen Anwendung in der hypnotischen Arbeit ab, so können wir dank der Verdauungsmetapher einige zentrale, ganz allgemeine Aspekte des Umgangs mit Erlebnissen besser verstehen:


Kein Erlebnis entkommt der seelischen Verdauungsmühle

Verdaut werden müssen nicht nur die schwierigen Erfahrungen. Alles, was wir im Alltag erleben, die angenehmen wie die belastenden, die banalen wie die prägenden Erfahrungen, alles durchläuft den seelischen Verdauungsprozess. Genau gleich wie alles, was wir essen, im Darm verdaut wird.

Die einfachen Erlebnisse des Alltags verdauen sich von selbst, ohne Aufsehen zu erregen, und deren Abfall kommt zu einem automatischen, unbemerkten, meist nächtlichen, «seelischen Stuhlgang». Man nennt es «darüber schlafen». Da bedarf es keiner besonderen Vorkehrungen. Schwierigere Erfahrungen erfordern, wie wir sehen werden, gewisse Verdauungshilfsstrategien.

Verdauen ist ein natürlicher, von selbst laufender, unbewusster Prozess

Ein erfolgreicher Umgang mit Erlebnissen hängt nicht von Willensakten oder von einer richtigen Arbeitshaltung ab, sondern beruht grundsätzlich auf natürlichen, automatischen, unbewussten Vorgängen (Zerkleinern und Sortieren). Diese laufen definitionsgemäss von alleine ab, nach Gesetzen der Biologie, und setzen Ruhe und Sicherheit voraus. Sie dienen – genau entsprechend der körperlichen Verdauung – der Erhaltung der psychischen Homöostase sowie der Möglichkeit von Entfaltung bzw. Entwicklung. 

Die «Kunst» der seelischen Verdauung besteht also nicht im Beherrschen irgendwelcher spezifischer Techniken, mit denen man Verdauung «macht», und die man lernen kann oder muss. Vielmehr besteht sie in der möglichst effektiven Unterstützung der natürlichen Prozesse. Erstes Gebot heisst also: Nicht stören und für Ruhe sorgen. Im Weiteren braucht es auch Zeit und Energie.


Verdauen setzt Geschütztsein voraus

Eine Kuh können Sie nur dann beim sichtbaren Teil der Verdauung, dem Wiederkäuen, beobachten, wenn rund um sie alles sicher ist. Dies ist beispielsweise gegeben, wenn sie im Stall oder in der Herde aufgehoben ist. Im Gegensatz dazu muss das Grasen auf freier Wiese relativ hastig geschehen, ist doch die Kuh dann – zumindest theoretisch – der Gefahr von potentiellen Raubtieren ausgesetzt. Auch wenn es die Bären und Wölfe in der modernen Wirklichkeit nicht auf sie abgesehen haben, im archetypischen Kopfkino unserer Kuh drohen sie weiter und jagen sie ständig.

Nicht anders ergeht es uns Menschen. Wir können nur dann verdauen, wenn wir nicht realen oder imaginären Bedrohungen ausgesetzt sind. Oft sind es unsere eigenen, unkontrollierten Emotionen und Gedanken, die uns jagen. Ohne zuerst einen mentalen, sicheren Ort in uns innen gefunden zu haben, kann keine Verdauung starten.


Die perfekte Wahl ist keine Garantie …

Eine noch so sorgfältige Auswahl der Nahrung kann uns nicht immer davor schützen, dass sich die Dinge nicht doch zum Üblen wenden: Wie ein nicht ganz legal ins Essen eingeschlichener Fisch oder ein undeklariertes Allergen unsere Verdauung zum Ausrasten bringen können, so kann auch die sorgfältigst vorbereitete Reise wegen unangekündigten Streiks oder Überschwemmungen zum Flop oder gar zum Albtraum werden… In beiden Fällen reagiert dann die Verdauung mit heftigen und spektakulären Aufwallungen, die Därme winden sich und toben. Und das einzige Rezept heisst: Ruhe wiederherstellen und Kreativität wirken lassen.


Wenn das Verdauen Unterstützung braucht – zuerst von innen …

Stark belastende Erfahrungen wie Schocks oder zwischenmenschliche Verletzungen können die normalen Verdauungsprozesse überfordern. Diese brauchen dann Unterstützung. Am besten natürlich, und wenn möglich, von der Person selber. Da ist «Disziplin» im weitesten Sinn und auf verschiedenen Ebenen gefragt: Geduld, gelassenes Aushalten, regelmässige Üben der Selbsthypnose oder Meditation, konsequentes Abwehren von Störungen von aussen (Umweltstress) oder von innen (negative, kreisende Gedanken), Erkennen und Korrigieren von Opferhaltungen... Menschen mit einer solchen, guten Selbstfürsorge und mit soliden, inneren Ressourcen können dank einer solchen Disziplin auch recht schwierige Erlebnissen überwinden.

Selbstvorwürfe mit Kampf und Krampf wirken sich hingegen in aller Regel kontraproduktiv aus.


… und wenn nötig auch von aussen

Wer es hingegen aus innerer Kraft nicht alleine schaffen kann, ist auf Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Deren vordringlichste Aufgabe besteht darin, den notwendigen psychischen Rahmen von Ruhe, Sicherheit und Wärme aufzustellen. Dies kann am Naheliegendsten eine innige, liebende Beziehung tun, im verständnisvollen Zusammensein, in Gesprächen oder auch im Schweigen. Auch eine Gemeinschaft oder ein gesellschaftlich-religiöser Kontext kann mit seinen Ritualen, Traditionen und überliefertem Wissen diesen Halt sicherstellen.

Die jüdische Tradition beispielsweise schreibt für das Trauern um einen Verstorbenen feste Regeln und Rituale vor, in denen die Gemeinschaft auf mehreren Ebenen für Schutz und Geborgenheit sorgt: Die ersten sieben Tage lang verlassen die trauernden Angehörigen ihr Zuhause nicht, werden dabei von Freunden und Nachbarn intensiv umsorgt und gleichzeitig von der Aussenwelt abgeschirmt und geschützt. So werden Gäste, die zwar wie in einem «open house» willkommen sind, angehalten, schweigend zu warten, bis sie allenfalls von einem Trauernden angesprochen werden. Dies garantiert Schutz vor aufdringlichem Geschwätz und sichert die nötige Ruhe und Konzentration nach innen.

Eine in unserer Kultur zunehmende Verarmung hinsichtlich der natürlichen sozialen Strukturen, der Pflege persönlicher Verantwortung und eines spirituellen Konsenses führt wohl dazu, dass Hilfestellungen durch professionelle Leistungserbringer zunehmend an Bedeutung gewinnen, mit allen Vor- und Nachteilen.

4. Die Hypnose schafft den idealen Rahmen

Die der Hypnose eigene, ganz besondere Beziehungsqualität bietet, betrachtet man die erwähnten Kriterien, einen quasi perfekten Rahmen für die seelische Verdauung:


Ruhe

Wie wir sahen, wo Eile und Stress herrschen, wird nicht verdaut. Als Erstes ist also die Ruhigstellung des gesamten Organismus unabdingbar. Genau damit beginnt in aller Regel auch eine klassische Hypnosesitzung: mit Suggestionen von Entspannung und dann eines «Safe-places». Auf diese Weise laden wir den Patienten ein, sich in den Zustand der glückselig vor sich hin träumenden, wiederkäuenden Kuh gleiten zu lassen.

Schutz

Keine Verdauung, ohne sich geschützt zu fühlen, und… genau gleich: ohne sich geschützt zu fühlen, keine Hypnose. Mit anderen Worten, hat sich jemand in die hypnotische Situation eingelassen, so ist das Gefühl des Geschütztseins als Grundvoraussetzung für die Verdauung erfüllt. Hier spielt also der Hypnosetherapeut die Rolle des Garanten von Sicherheit, wie es für die Kuh die Herde, bzw. das schützende Leittier tut. Diese kann er aber nur gewährleisten, wenn auch er sich gleichzeitig selber authentisch ruhig und sicher fühlt.


Abstinenz

Es muss aber für den Patienten absolut sichergestellt sein, dass der Hypnosetherapeut in seiner Arbeit keine eigenen Ziele (narzisstische Erfolgswünsche o.ä.…) verfolgt. Es dürfen keine Zweifel bestehen, dass er wirklich nur in seinem Dienst wirkt. Diese unerlässliche Haltung bezeichnet man als therapeutische Abstinenz. Nur unter dieser Voraussetzung kann sich der Patient einer wirklich widerstandslosen Ruhe im Schutz des Hypnosetherapeuten hingeben.


Wärme

Eine wirksame hypnotische Beziehung stellt nicht nur Schutz auf, sondern sie bringt auch menschliche Wärme in die therapeutische Atmosphäre. Ein Hypnosetherapeut ist also nicht nur ein kalter aber zuverlässiger «Wachsoldat». Er geht auf den Patienten mit Hinwendung zu. Die treffendste Bezeichnung für diese Form von Beziehung ist der «Brutkasten»: In seiner Wärme brüten sich nicht nur die noch verschlossenen «Ressourceneier» aus, gleichzeitig kommt auch die seelische «Peristaltik¬» in Gang – es gibt also Bewegung. Und schliesslich aktiviert er vielleicht auch das psychische «Mikrobiom»… was auch immer darunter zu verstehen ist.

5. Eine kleine Gedankenspielerei zu verschiedenen                            seelischen Verdauungsstörungen …

Vom seelischen Durchfall

Blitzschnell fällt er über einen her, überrumpelt sein Opfer und duldet null Verzögerung. Rasant und unkontrollierbar muss alles aufs Mal herausschiessen, formlos, unverdaut, verdünnt, und… stinkend. Da bleibt keine Sekunde für Erwägen, Sortieren, schon gar nicht um etwas zu Assimilieren. So ergeht es den Emotionen von Menschen, die an akutem oder chronischem, seelischem Durchfall leiden. Ihre Gefühle und Meinungen plumpsen – ungestört von jeglichem Denken – unfiltriert, direkt an die Umwelt weiter, zudem meist in verwässerter Form, werden sofort rundherum zum Besten gegeben und kolportiert. Menschen mit dieser Störung sind nicht zu beneiden, denn sie vermögen das Wertvolle ihres Lebens nicht wirklich aufzunehmen und können daran auch nicht wachsen. Zudem schöpfen sie keine Kraft aus ihren Erlebnissen. Bei ihnen bleibt eigentlich alles blosse Verschwendung.

Nicht selten ist der seelische Durchfall ansteckend. Er wird dann zum «Kaskadendurchfall» und kann seinen Anfang, wie im folgenden Beispiel, nehmen: Da ist eine 92-jährigen Witwe, deren Gesundheit ebenso unverwüstlich ist wie ihre Reflexionsunfähigkeit. Alles dreht sich um sie, und sie gebietet über ihre Umwelt mit kompromisslosem Regiment, egal welche Folgen für wen entstehen. Dabei ist ihr kein Register unbekannt, und insbesondere kennt die Kunst des «double-bind» für sie keine Geheimnisse.

Ihre mittlerweile 50-jährige Tochter (der 48-jährige Sohn hat sich vor Jahren rechtzeitig gerettet) bleibt ihrer Mutti in einer unverbrüchlichen Hörigkeit zugetan, kennt sie doch seit zartester Kindheit nichts Anderes: Alles, was Mutti nicht passt, wird sogleich ihr angelastet. Als Fussabdruck davon wuchert in ihr eine ebenso tiefe wie chronische Unzufriedenheit.

Vor Jahren hat sie – mit welchem Glück auch immer (etwa von der Allmächtigen auserwählt?) – einen farblosen Bräutigam gefunden. Dieser hat sie geehelicht und mit ihr zwei Kinder gezeugt. Die Ehe funktioniert natürlich nicht ohne ständiges Gezänk, denn jetzt ist der Mann an allem schuld. Auch die Kinder werden in der Schule allmählich auffällig. In seiner Ohnmacht entwickelt der Mann eine immer offenere Depression. ¬

Weil nun seine Gattin unter dieser Stimmung leidet, spediert sie ihn zu einem jungen, dynamischen, sympathischen Therapeuten ihrer Wahl (oder war wieder die Schwiegermutter im Spiel?), wohin er sich denn auch ergeben und mit wenig Motivation begibt.

Dort laufen die Dinge, obwohl sich der gute Therapeut alle erdenkliche Mühe gibt, auch nicht wirklich rund. Der Patient ist sichtlich unzufrieden. Die Hoffnungslosigkeit erfasst nun auch den Therapeuten, und er sucht Zuflucht in der Supervision. Hier ist die Distanz zum Ursprung des Problems gross genug, und endlich kann man in Ruhe über die diarrhöische Kaskade reflektieren: wie sie von der Schwiegermutter zur Ehefrau springt, von ihr zum Patienten, und schliesslich von da auf den Therapeuten. Immerhin, metaphorisch ist der Durchfall beim Therapeuten schon in einem Gefäss aufgefangen worden, gewissermassen in der Schüssel gelandet. Und nun kann beim Supervisor gespült werden…

Mit etwas Glück kann von nun an der therapeutische Prozess die Kaskadenleiter hinaufklettern, mit der Beruhigung beginnen, und somit der Verdauung eine Chance geben: Der Therapeut kann seine Ohnmacht besser aushalten, was den Patienten in einer gewissen Abgrenzungsfähigkeit stärkt. Im Gefolge der zunehmend ruhigeren Stimmung zuhause findet auch die Ehefrau eine Möglichkeit, ihre Situation zu reflektieren (ich weiss nicht mehr, vielleicht hat sie sogar selber professionelle Hilfe aufgesucht). Über die Entwicklung des grossmütterlichen Imperiums wurde mir nichts bekannt. Welches Lebensgeheimnis sich aber hinter dem Verhalten der alten Frau versteckte, und um wie viele Generationen die wirkliche, ursprüngliche Infektionsquelle zurücklag, bleibt vermutlich in den Sternen geschrieben.


Seelische Verstopfung?

Nicht ganz unbekannt ist auch das Gegenstück zur dünnflüssigen Verdauung: die harte, seelische Obstipation. Da bleibt alles verschanzt, will partout nicht raus, und gärt, und bläht, und krampft. In den seelischen Gedärmen herrscht strikte Streikstimmung. Nichts rührt sich. In der Tiefe ist es voll von unverdauten Dingen. Dort muss es entsetzlich stinken…

Nicht selten begegnet uns dieses Phänomen, in seiner chronifizierten Form, etwa bei den verstummten, vom Leben frustrierten Männern, die im Büro ohne jegliche Eigeninitiative, nur noch Stunde um Stunde, Jahr um Jahr absitzen. Oft ist für sie sogar der abendliche, bierfreudige Stammtisch irgendwann ausgetrocknet, und zuhause ziehen nur noch endlose Fussballspiele am Bildschirm vor ihren stumpfen Augen vorbei.

Beim andern Geschlecht zeigt sich das entsprechende Bild in einer etwas anderen Gestalt. Dort finden wir die unterwürfige, immer auf Wohltätigkeit bedachte Frau, die mit bedeutungsloser Freundlichkeit nie widersprechen wird. Ihre Beflissenheit lässt ihr keine Ruhe, bevor sie nicht viel mehr geleistet hat als nötig. Da wird auch nie geklagt, man hält endlos aus und findet alles so unglaublich entzückend. Doch nie ein herzhaftes Lachen.

Seelische Verstopfung ist ein Privileg von Menschen, für die jegliche authentische Seelenbewegung und jeder persönliche oder originelle Ausdruck instinktive Abscheu erregt. Und da in diesen «Därmen» weder etwas losgelassen noch etwas resorbiert wird, mangelt es genau gleich wie beim Durchfall an frischer Energiezufuhr und an wachsender Weisheit.

Ist die seelische Verstopfung bei einem Normalverdauer nur passagerer Natur – beispielsweise unter akutem Stress – dann kann eine gezielte hypnotische Intervention die Tätigkeit wieder ankurbeln. Oder konsequentes Üben von Selbsthypnose wird allgemein mehr Ruhe bringen. Vielleicht kann auch eine liebevoll und behutsam eingebrachte, therapeutische Provokation als «Glycerinzäpfchen» wirken.


Andere Verdauungsprobleme

Diese Spielerei liesse sich vermutlich auf die ganze Palette der Verdauungsunannehmlichkeiten ausweiten, seien es die Blähungen mit ihren peinlichen Eruptionen (die Freud’schen Fehlleistungen?), oder seien es die Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten (Idiosynkrasien und Phobien?) usw. Ihrer Phantasie und Ihrer Lust soll es überlassen sein, da weiterzuspinnen. 

6. Jetzt konkret: Wie können wir die Verdauungs-          metapher einsetzen?

Leitlinien kommen aus der Natur

Mit dem Bild der Verdauung vor Augen – oder auch nur im Hinterkopf – behandeln wir unsere Patienten im wahrsten Sinn gemäss Leitlinien der Natur. Also rein Bio. Wir inspirieren uns dabei sogar von Leitlinien, die uns allen aus der persönlichen, täglichen Erfahrung am eigenen Leib seit je her vertraut sind. Sie zu befolgen erspart uns das Ungemach, wegen theoriebezogenen, oft wilden und für den Einzelfall realitätsfremden, akademischen «Leitlinien» etwas von einem Patienten abzuverlangen, das er nicht kann.


Entlastung für den Patienten

Auch für die Patienten bringt die Verdauungsmetapher – besonders der Aspekt des «seelischen Stuhlgangs» – Entlastung (darf man hier wohl sagen…). Der Umgang mit schwierigen Erlebnissen verliert seine Bedeutung eines langen und mühsamen Wühlens im Dreck – was viele Menschen instinktiv abschreckt und mit dem Wort «Verarbeiten» suggeriert wird. Im Gegenteil, es geht um Loswerden des Drecks – mit dem Ziel, das Brauchbare zu behalten. Immer noch muss man sich den ungelösten Problemen stellen, aber die Umstände werden humaner und natürlicher.

Die Verdauungsmetapher können wir dem Patienten entweder als eine Art «Psychoedukation» im Wachzustand erklären und so seine rationale Seite ansprechen. Oder wir erzählen sie ihm in der Hypnose wie eine Trancegeschichte mit farbigen Worten – ähnlich wie etwa die klassische Flussmetapher bei der Bauchhypnose. Dann kann er sich das alles ganz lebensnah vorstellen.


Die gute alte «Leerhypnose»

Eine ganz praktische Umsetzung der Verdauungsmetapher ist die gute alte «Leerhypnose». In meinen Anfängen war sie sehr beliebt, verlor aber ihre Attraktivität unter dem Einfluss der modernen, auf Kreativität erpichten Hypnose. Es ging dabei um eine rudimentäre Form von Hypnose, die aus einer äusserst simplen Induktion bestand (etwa im Stil von: «Sie sinken jetzt immer tiefer in Hypnose… immer tiieffer… immer tiiieffer und tiiefferrr… in einen Zustand von völliger Entspannung…»), gefolgt von einer gewissen Verweilzeit in diesem Zustand ¬– ohne weitere Suggestionen – um schliesslich in der Regel mit einem Rückwärtszählen beendet zu werden (« Ich zähle jetzt von 10 bis 1 zurück…bei jeder Zahl werden Sie wieder wacher und wacher (crescendo).»). Nichts Kreatives dabei, aber eine gute Voraussetzung, um zu verdauen, was es zu verdauen gibt. Und sie funktionierte häufig erstaunlich gut, einfach weil sie Ruhe einführte.      

7. Ein philosophisches Augenzwinkern

Betrachten wir die conditio humana aus der Perspektive der Verdauungsmetapher, so ergibt sich ein eigentümliches, dynamisches Menschenbild. Die Psyche ist nicht mehr ein Sack voll von Erlebnissen, der sich im Laufe des Lebens füllt und füllt, und immer dicker und schwerer wird. Wäre dem so, würden wir mit zunehmendem Alter psychisch unausweichlich immer schwerfälliger und unbeweglicher. Dem widerspricht die zunehmende Leichtigkeit, die das Alter mit wachsender Weisheit erfüllt. Im Leben geht es nicht um ein Ansammeln und Horten von Erlebnissen und Erinnerungen. Das Seelenleben erscheint hier als ein metabolischer Prozess, durch den wir uns ständig erneuern. Das individuelle «Ich» – also das, was mein Denken, Fühlen usw. von dem anderer Menschen unterscheidet – ist gewissermassen nur das genetische Programm, nach welchem die unterschiedlichen Aspekte von Erlebnissen entweder aufgenommen oder freigegeben werden.

Dies nur als gedankliche Anregung und ja nicht als Dogma zu verstehen.





"Aus einem verzagten Arsch kann kein fröhlicher Furz kommen."

Martin Luther, Theologe und Reformator (1483-1546)