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18.06.2021 – 26.07.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock


18.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock

Lieber Herr Zindel,

ich bin Psychotherapeutin in Leipzig und finde Ihre Texte aufschlußreich, fühle mich manchmal geistesverwandt. Ich weiß gar nicht, ob es Ihr Interesse ist, Fragen zu beantworten?

Das erwähnte Hebelgesetz brachte mich zu der Frage:

Wenn mein Interesse an einem explorativen Vorgehen viel ausgeprägter ist, als beim Patienten, der Interessen hat, sich zu erleichtern, vielleicht sogar generell, es sich leichter zu machen, sitze ich doch am kürzeren Hebel. Ich kann natürlich auch versuchen, zu überzeugen, was gut am Explorieren ist und wo die Grenzen des Es-sich-leichter-machen sind, aber bekomme ich so mehr vom längeren Hebel?

Mich beschäftigt diese Frage wirklich, vielleicht haben Sie eine erprobte Haltung dazu?

Mit freundlichen Grüßen

Sigtraud Hopfstock


22.06.2021 J. Philip Zindel

Liebe Frau Hopfstock,

Ihre spannende Anfrage freut mich ungemein! Genau das suche ich mit meinem Blog: Nicht nur erzählen, sondern einen bereichernden Dialog.

Ich versuche nun, auf Ihre Frage eine sinnvolle Antwort zu finden. Das, was uns grundsätzlich immer an den längeren Hebel setzt und dort hält, ist das konsequente Festhalten an der Haltung des konsequenten Explorierens (s. die Texte "Explorer"), ggf. mit Umsteigen auf eine Meta-Ebene.

Wenn wir in der von Ihnen beschriebenen Situation versuchen und uns bemühen, den Patienten argumentativ zu überzeugen, dass Explorieren besser wäre, stossen wir meist auf die wunderbar organisierte Abwehr von Gegenargumenten. Verzichten wir hingegen darauf, ihn neugieriger für eine Exploration machen zu wollen, sondern wundern wir uns über seine Haltung, vielleicht mit einem "Ah, spannend, dass Sie sich die und die Frage nicht stellen mögen!" oder mit einem "Ah, spannend, Sie kommen zu mir einfach mit dem Bedürfnis, sich zu erleichtern?" reagieren, haben wir schon den nächsten Schritt der Exploration angebahnt.

Im nächsten Schritt könnten wir uns dann beispielsweise in dem Sinn äussern, dass es uns wundernimmt, weshalb die besagte Frage für den Patienten nicht relevant ist (dann kommt nämlich vielleicht etwas ganz Anderes und tatsächlich viel Wichtigeres und Relevanteres zur Sprache als das, woran wir waren). Oder wir können auch fragen, ob es vielleicht für diese Person mühsam ist, solche Fragen zu stellen oder vielleicht sogar überhaupt Fragen zu stellen (und vielleicht landen wir so irgendeinmal bei der Kindheit, in der das Fragen Tabu war). Oder wir folgen der Spur des Bedürfnisses nach Erleichterung: "Spüren Sie, dass Sie sich durch diese Erleichterungen bei mir in einem positiven Sinn entwickeln? (Wenn ja, woran merken Sie es?)". Tausend Möglichkeiten.

Meine Idee wäre also zusammengefasst, immer innerlich (oft auch äusserlich) mit dem fast stammhirnmässig produzierten "Ah, spannend!" zu reagieren, ggf. eben die Ebene dabei zu wechseln. Für uns Therapeuten ist dabei hilfreich, immer im Auge bzw. im Hinterkopf zu behalten, dass sich die Dinge tatsächlich vielleicht ganz anders verhalten als in unserer Hypothese, mag sie noch so plausibel erscheinen. Allerdings darf man natürlich je nach dem nicht schnelle Änderungen beim Patienten erwarten, aber wir können unbeirrt am Explorieren festhalten und bleiben so beim Patienten, ohne uns zu ärgern oder zu langweilen...

Dann noch ein Tipp: Wenn der Patient durch unsere Frage irgendwie verwundert ist oder betroffen wirkt, ist es am sinnvollsten, gleich mit einem "Wären Sie einverstanden die Augen zu schliessen und in Ihnen innen zu beobachten, wie sich meine Frage anfühlt, welche Reaktion Ihr Körper darauf zeigt?" zu reagieren. Wenn Sie das tun können und es stimmig ist, vermeiden Sie Argumentationen, die in aller Regel fruchtlos bleiben.

Können Sie etwas mit diesen Überlegungen anfangen? Sonst suche ich gerne mit Ihnen weiter.

Herzliche Grüsse

J. Philip Zindel

PS: Wären Sie allenfalls einverstanden, unsere Diskussion auf meinem Blog zu veröffentlichen (wenn Sie es vorziehen auch anonym), denn aus den Supervisionen weiss ich, dass Sie in keiner Weise als Einzige mit solchen Fragen dastehen.


26.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock

Lieber Herr Zindel,

Danke für Ihre Anregungen, die mir beim Nachdenken darüber deutlich gemacht haben, daß es mit meiner Absichtslosigkeit doch gar nicht so weit her ist. Mir sind anregende Gespräche lieber als das klagende Persistieren. Neugier und Interesse habe ich charakterbedingt genug.

Kultiviert man Absichtslosigkeit durchs Tun? Macht es Spaß? Bringt es Leichtigkeit ins Sein, absichtsloser zu werden?

Hätten Sie Lust, selbst davon zu erzählen?

Ich habe einmal ein Interview mit einem vielleicht 10 -jährigen Jungen gehört, der in einem Film ein schwieriges Kind spielen mußte, das ihm zunächst gar nicht sympathisch war. Er sei dann in die Rolle hinein gewachsen und sagte:“ Wenn man jemanden versteht, dann mag man ihn auch.“ Ich kann mir vorstellen, daß er in Ihrem Sinne die Figur und sich selbst exploriert hat.

Sie können meine Mails in Ihren Blog stellen.

Herzliche Grüße aus Sachsen

Sigtraud Hopfstock


26.07.2021 J. Philip Zindel

Liebe Frau Hopfstock,

Entschuldigen Sie bitte die Verspätung meiner Reaktion auf Ihr Mail: Zuerst war es der Endspurt vor den Ferien, dann die Reise nach Südfrankreich, und dann das Gröbste an Wiederherstellung des Gartenareals (s.a. die Titelseite meines Blogs) und nicht zuletzt… die Gewöhnung an die Hitze und an das süsse Leben in der Provence. Nun bin ich, bequem im Liegestuhl auf der Terrasse, startklar.

Ihre neuen Fragezeichen haben mich beim Lesen in Begeisterung versetzt. Sie bringen mit ganz schlanken Worten knifflige, im Hintergrund lebensphilosophische Fragen auf den Punkt. Spontan hätte ich sie Ihnen wohl alle mit einem noch schlankeren «Ja» beantworten können, aber das hätte keinen Spass gemacht und Sie wollten ja, dass ich Ihnen etwas erzähle. Nun will ich Ihnen also gerne berichten, wohin mich die Spaziergänge meiner Gedanken geführt haben.


Tun und Absichtslosigkeit

"Kultur der Absichtslosigkeit im Tun?" – ein absolut spannender Gedanke! Man stutzt, denn da steckt in dieser Frage irgendetwas Paradoxes. Beim Nachdenken wurde mir die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Substantivs «Absichtslosigkeit» bewusst. Nicht erstaunlich, denn schliesslich ist es ja nur ein Wort, keine eindeutige, greifbare Realität.

Grundsätzlich impliziert «Tun» ja eine Absicht. Warum denn sollten wir etwas tun, wenn wir nichts damit beabsichtigen? Zwar ist diese Absicht sicher oft die bewusst deklarierte, doch öfter vielleicht noch stecken ganz andere, verborgene, vielschichtige, unbewusste, manchmal auch bewusst inoffizielle, heimliche Absichten im Hintergrund, was nichts am Absichtlichen ändert. Die Umkehrschlussfolgerung könnte sich also in der Gleichung finden: «nicht-Tun gleich Absichtslosigkeit». Diese Rechnung geht aber nicht auf. Etwas nicht tun oder nichts tun wirkt nämlich auch, und ist zudem nicht immer absichtslos: Die Absicht hinter dem Nichts-tun kann gerade die Wirkung des Nicht-tuns sein. (Dieses Phänomen machen sich bekanntlich die klassischen Psychoanalytiker konsequent zunutze: Nicht reagieren soll die Frustration beim Patienten erhöhen und ihn zu Übertragung und Reflexion stimulieren.) Die Wirkung des Nichts-tuns kann natürlich auch völlig absichtsfrei und dennoch sehr effektvoll sein: Einer gestrandeten Qualle können wir beileibe keine theatralische oder sonst welche Absicht unterstellen, insbesondere nicht die, mit ihrem Anblick sensible Seelen in Schrecken oder Mitleid zu versetzen. Tun und Absicht pflegen also offensichtlich einen recht komplexen Umgang miteinander.

Betrachten wir die therapeutische Zweiersituation unter diesem Aspekt, so sehen wir sofort, dass hier in der Natur der Situation eine Absicht vorgegeben und eingebaut ist: Ein Patient kommt mit der Absicht, mit unserer Hilfe besser mit sich zurank zu kommen. Er gibt uns den Auftrag, uns in die Lösung der Probleme, die er mit sich selber hat, helfend einzubringen. Es wäre unfair, seine Absicht zu ignorieren und einfach absichtslos zu bleiben. Wir schulden ihm, seine Absicht mit ihm zu teilen und sie ernsthaft zu übernehmen. (Wollten wir uns ihr entziehen, könnten wir beispielsweise Lacans Ausspruch über seine psychoanalytische Absichtslosigkeit buchstabengetreu folgen, dass nämlich die Heilung ohnehin gewissermassen nur als Zugabe, als Überschuss zur analytischen Arbeit komme: «la guérison vient en surplus».)

Kurzum, ich weiss nicht, ob Sie es auch so sehen mögen oder ohnehin so sehen, dass es im Kontext der Therapie mehr Sinn macht, auf den unsicheren Begriff «Absichtslosigkeit» zu verzichten, und eher von einem «konsequenten Verzicht auf direktes Steuern des Patienten» oder etwas philosophischer von einer «dienenden Egofreiheit» zu sprechen. «Abstinenz» wäre allenfalls auch ein passender Ausdruck, würden ihm nicht schon verschiedene Altlasten anhaften. Eine konsequent dienende Haltung erlaubt nämlich, absichtlich Einfluss auf den Patienten zu nehmen und zu handeln, dies aber gleichzeitig strikt nur im Sinne seines und nicht unseres Ziels zu handhaben. Nur stossen wir dann auf die Frage, welches ist sein Ziel, sein eigentliches Ziel? Ist es wirklich das deklarierte Ziel? Aus der therapeutischen Erfahrung wissen wir, dass dies nicht immer der Fall ist. Im Grunde haben weder der Therapeut noch das Bewusste des Patienten die Hoheit über die Ziel- und Wegdefinition einer therapeutischen Arbeit. Diese gehört allein dem Unbewussten des Patienten. Unsere Arbeit besteht also in einer umfangreichen diplomatischen Leistung, die versucht, die drei Kontrahenten Patient, sein Unbewusstes und den Therapeuten zusammen auf einen sinnvollen Weg zum verborgenen Ziel zu führen.

Mitten in diesem Gedankenspaziergang fiel mir plötzlich das packende Isenheimer Altarbild des Meisters Mathis Grünewald ein – für mich mit Abstand das ergreifendste Gemälde überhaupt. Da sehen wir einen Johannes den Täufer in rotem Gewand gekleidet, mit einem unbeschreiblichen, zwingenden Zeigefinger auf den majestätisch gequälten Gekreuzigten weisen, und lesen den daneben geschriebenen Spruch aus dem Johannes-Evangelium «illum opportet crescere me autem minui»: «Jener muss wachsen, ich aber kleiner werden.». Einer macht sich kleiner, damit der Andere wachse. Finden Sie nicht auch, dass dieser Vorgang die eigentliche Essenz des therapeutischen Prozesses wunderbar beschreibt? Johannes, als Therapeut (griechisch therapeutes = Diener!) weist die gesamte Aufmerksamkeit mit seinem Zeigefinger auf den Leidenden, auf den Patienten und auf das Leben in ihm. Dieses soll wachsen. Und gleichzeitig soll er selber als Therapeut dabei an Bedeutung verlieren, in dem Masse wie er durch das Wachsen des Patienten immer überflüssiger wird.

Dieses wechselseitige Wachsen und Schrumpfen ist nicht so zu verstehen, als würde ein Ballon einfach Luft in einen anderen abgeben. Das «minui» des Johannes birgt nämlich auch ein eigenes Wachstum in Form einer Vergeistigung seiner Person. Ebenso wächst auch ein Therapeut am Schwinden seiner Bedeutung. Genau gleich wie auch die Väter oder Mütter – wenn die Dinge laufen, wie sie sollen – ihre Kinder gleichzeitig fördern und loslassen müssen, in einer Weise, dass die neue Generation auf eigenen Wegen über ihre Eltern hinauswachsen darf. Derweil ist ihre Erziehung aber weder absichtslos noch nichts-tuend, sie ist kein antiautoritäres Laisser-faire, aber sie lässt sich nicht verführen, ihren Einfluss zu nutzen, um aus den Kindern «etwas Rechtes» (nach ihrem eigenen Bild) machen zu wollen.

Genau dieselbe ist auch unsere Aufgabe – und damit unsere Absicht: als Therapeuten, den Patienten auf seine Weise dorthin zu führen, wohin sein verborgenes Lebensziel hinstrebt. Wegweiser sind uns dabei seine Symptome und seine unbewussten Reaktionen. Sie bergen und verbergen das unerfüllte Lebenspotential. Ein Symptom entsteht ursprünglich immer aus einem völlig legitimen, unerfüllten oder unterdrückten Lebensbedürfnis, dessen Verwirklichungsdrang eine pervertierte Form angenommen hat. Nur wenn wir zu diesem Ursprung wiederfinden, lässt sich für den Patienten eine neue Lösung finden. Für ihn lässt sich diese Suche aber in der Regel nicht alleine bewältigen, da ein Auge sich selber nicht sehen kann... Deshalb die Forderung: Es braucht einen explorierenden Spiegel.


Hypnose

Die Hypnose bietet die ideale therapeutische Bedingung, um im «Tun» zu sein und gleichzeitig «absichtslos» zu explorieren. Mit der Induktion hat sich eine einzigartige Beziehung im Sinne eines symbiotischen Brutkastens entwickelt, in der sich der Patient als Ganzes – nicht nur bewusst! – quasi automatisch selber auf die therapeutische Suche begibt. Die abstinente Neugier des Therapeuten wirkt dabei als zusätzlicher Treiber. Wir Hypnosetherapeuten können also viel bequemer als im Gespräch in eine Art «Absichtslosigkeit» zurücklehnen, die in jeder Hinsicht therapeutisch bleibt.


Kultivieren

Tun um Absichtslosigkeit zu kultivieren? Kultivieren können wir etwas am besten, indem wir es tun. Also tun, und sich selbst dabei immer sorgfältig überprüfen, dass es «ego-frei» und in der «reinen» Absicht der Selbstentfaltung des Patienten geschieht. Therapeutisches «Tun» ohne die geringste, eigennützige Absicht einzubringen, ist nicht ganz einfach. Die Haupthindernisse liegen – so scheint es mir – im Narzissmus des Therapeuten, in seinen Ängsten vor mangelndem Erfolg, vor einem theoretischen Über-Ich, oder einfach vor eigenständigem Denken. So ist «Tun», um Absichtslosigkeit zu kultivieren – meine ich – eine wunderbare Disziplin auch für die eigene Selbstentfaltung eines jeden Therapeuten.


Spass

Apropos Spass? Psychotherapie sehe ich wie eine Schatzsuche. Über den Inhalt des Schatzes selber gibt es nur Vermutungen, und der Weg dorthin ist eine lange Folge von vertrackten Geheimnissen. Unterwegs bekomme ich immer wieder neue Hinweise, die mir andeuten, wo es lang geht, und oft bleibt es ein Blindekuhspiel. Sie kennen dieses Prickeln sicher auch, denn alle Kinder mögen solche Spiele über alles! Also macht es Spass!

Einziger Unterschied in der Therapie: Die therapeutische Schatzsuche steht im Dienst des Patienten und gilt nicht einfach nur unserem Spass (wobei der Spass von Kindern auch einen tieferen Sinn für ihre Entwicklung hat). Dies könnte wie eine Einschränkung aussehen, ist es vielleicht auch bis zu einem gewissen Grad. Als Gegenleistung öffnet diese Suche dafür ungeahnte, menschliche Tiefendimensionen, umso mehr, wenn wir das Instrument Hypnose einsetzen. Ich persönlich finde den hypnotischen, explorierenden Austausch letztlich spannender als ein übliches, therapeutisches Gespräch, denn es bringt viel mehr Unerwartetes, ohne Umwege ans Tageslicht. So wird der Spass zu einer tiefgründigen Freude.

Und im Übrigen bereitet mir im Leben kaum etwas mehr Spass und Freude, als wenn ich erleben darf, dass ich zur Entfaltung eines Menschen (oder eines Pferdes, oder eines Bonsais…) etwas beitragen konnte.

Ein weiterer – ich denke sehr hoher – Anspruch an das Therapeutsein liegt in der Notwendigkeit, dass die Freude an der Arbeit unabhängig von Erfolg oder Misserfolg standhalten muss. Ob Erfolg oder Misserfolg, bewerte ich selber, und kann mich darin auch täuschen. Manchmal kann der Erfolg auch nur sein, dass ein Patient überhaupt zu mir gekommen ist. Es sind zwar keine sichtbaren (oder deklarierten) Erfolge zu verzeichnen, er hat nur Widerstand geleistet, keine Anregung übernommen und mich vielleicht sogar entwertet. Das soll Spass machen? Ich denke, irgendwie ja. Mein Aushalten der Grenzen, meine Empathie für sein Stocken (kenne ich das nicht auch?), dass ich sein Problem nicht zu meinem gemacht habe und das Wissen, dass unsere Begegnung nicht wirkungslos blieben konnte, bleiben mir als Befriedigung für diese Zeit. Spass? Ansatzweise ja.


Leichtigkeit

Sie fragen nach der Leichtigkeit, wenn man absichtsloser wird? Woher kommt die Last? Zumindest für mich empfinde ich es als eine ausgesprochene Last, als regelrecht drückende Schwere, wenn ich gegen die Widerstände des Patienten ein theoretisches Ziel verfolgen soll, das mich nicht restlos überzeugt, und dies mit Mitteln tun muss, mit denen ich mich nicht wirklich identifizieren kann. Dann quäle ich mich zwischen dem Hammer einer Theorie und dem Amboss des Patienten und gebe mir im Grunde genommen die Schläge selber... Meist schwebt dann das Wörtchen «man» herum und tut, als wären die Dinge selbstverständlich so und wissenschaftlich erwiesen – aus welcher Schule diese Behauptung auch immer stammen mag – und «man» müsse sich daran halten. Pervertiertes «evidence-based»-Verständnis lässt grüssen! Für mein Temperament führt der Versuch, eine Schule zu vertreten, meist zu einem Treten an Ort mit dem Patienten. Es bedeutet für beide eine Last, «man» betritt den Sumpf sterilen Argumentierens, und die Stimmung wird bleiern. Leichtigkeit kommt mit der Hypnose, denn sie bringt eine Unmöglichkeit des Argumentierens mit sich (s. Text Nr. 15 Was ist Hypnose: «Die Schönwettermetapher»), sie kennt keine Theorie, ist insofern unbelastet, und zieht uns so aus dem Sumpf.

Ein zweites Kreuz, das unsere Therapeutenrücken belasten kann, ist das freiwillige Aufladen der Last des Patienten auf unsere Schultern, dies aufgrund einer impliziten Vorstellung, dass das Lösen seines Problems uns obliegt: Ich muss doch eine gute Idee, einen richtigen Einfall, eine einleuchtende Erklärung finden… «Geteiltes Leid ist halbes Leid» gilt vielleicht im Alltag, und erst noch nur in bestimmten Kontexten. In der Therapie gilt viel eher: «Geteilte Last ist doppelte, dreifache Last». Denn für den Patienten kumuliert sich dann die Last des Therapeuten (eigentlich dessen Hilflosigkeit) mit seiner eigenen, vorbestehenden. Am besten lasse ich also die ursprüngliche Last beim Patienten und biete ihm dafür den hypnotischen «Brutkasten» an (s. Text Nr. 29 «Der Brutkasten»). Dieser Brutkasten ist in keiner Weise etwas Unsensibles. Er besteht aus Nähe und schwingt empathisch und überlegen mit der Schwere des Patienten mit. Aber als Therapeut übernehme ich diese nicht für mich. Und da ich mich so selber nicht unnötig belaste, sorge ich für meine geistige Bewegungsfreiheit und bleibe als Therapeut handlungsfähig. Wir könnten den Modus des «Brutkastens» durchaus als eine Form «wärmender Absichtslosigkeit» bezeichnen, die es ermöglicht, Ressourceneier frei von vorgefassten Meinungen auszubrüten.

Das hypnotische Explorieren lässt also beide Formen der Schwere entfallen – die Last, das «Richtige» tun zu müssen, und die Übernahme des Leidens – und so kommt es ganz von alleine zu einer Leichtigkeit, in der ich als Therapeut sein kann, wie ich bin und wie es die Situation erfordert. Meine Leichtigkeit, taktvoll eingebracht, kann sogar dem Patienten erleichtern, seine Leichtigkeit wieder zu finden.


Der Junge mit dem Film

Und zum Schluss möchte ich noch ein paar Gedanken zu Ihrer wunderschönen Anekdote des kleinen Filmstars einbringen: Verbindet sie nicht in perfekter Weise den Geist der Exploration mit der Methode der Identifizierung? Vielleicht haben Sie schon meinen Text zur «Sydenham-Trance» (Text Nr. 23) gelesen. In ihr schlüpft der Therapeut in die Haut eines Patienten mit dem Ziel, den eigentlichen therapeutischen Auftrag präziser zu erfahren. Es geht dabei im Grunde um genau dasselbe Spiel, aber unter anderen Bedingungen und mit etwas unterschiedlichen Absichten. In der «Sydenham-Trance» sucht ein Therapeut in seinem inneren Spiegel einen anderen Menschen (und letztlich auch sich selbst), und das junge Filmtalent sucht anhand einer Figur, wie er etwas theatralisch darstellen könnte, das er in sich noch nicht gefunden hat. Gemeinsam ist beiden das Bestreben, in der eigenen Bilderwelt anhand einer Begegnung mit Fremdem eigene Potentiale zu finden: Ich versetze mich in den Pelz eines anderen Menschen, was bedeutet, dass ich meine eigene Haut verlassen muss, ohne sie aber ganz zu verlassen – ist ja gar nicht möglich. Auf diese Weise lasse ich in mir eine innere Kontaktfläche entstehen, auf der das unbewusste Bild, das ich bisher vom Anderen hatte, mit meinem ebenso unbewussten Selbstbild zusammentreffen. Es stossen zwei komplexe und vielschichtige Bilder zusammen und gehen miteinander eine Art alchemistischer Reaktion ein, dessen Ausgang nicht voraussagbar ist, und in dessen Folge ein anderes, neues Bild des Anderen entsteht.

Genau genommen verändert sich als «Zugabe» für den Therapeuten auch das eigene Selbstbild. Ist vielleicht diese gegenseitige Veränderung zweier Bilder das, was wir «verstehen» nennen? Dazu braucht es einen unerlässlichen Katalysator, der diese Reaktion erst ermöglicht: eine liebende, akzeptierende und wärmende Haltung, sowohl dem Andern gegenüber wie auch sich selber. Die Dinge geschehen dann von alleine und überraschend. Mit unserem bewussten Auge können wir nur gespannt zuschauen was passiert, und sind somit voll im… explorierenden Modus.

Dieser Junge ist schon sehr beeindruckend, wie er in seinem Alter derart bewusst diese Erfahrung machen konnte, allerdings in umgekehrter Richtung: Das Verstehen führte zum Mögen, sprich, die warme, akzeptierende Haltung wuchs aus dem Verstehen heraus. Er hat offensichtlich eine ausgesprochene Selbstbeobachtungsgabe und Neugier. Vielleicht wird er ja einmal Therapeut… und sonst ist auch gut!


Puuuh, ich glaube, da bin ich wieder einmal ziemlich philosophisch geworden, aber das macht eben Spass! Was meinen Sie zu meinen Ausführungen? Ich bin jetzt einfach gespannt auf Ihre Reaktion, und wünsche Ihnen einen ganz schönen, warmen Sommer. Herzliche Grüsse aus der Provence

J. Philip Zindel




29.04.2021 Dr.med. Barbara Laimböck

zum Vortrag "Aktive Introjektion" (Text 31)


In der Diskussion anschliessend an meinen Vortrag hat Frau Dr.med. Barbara Laimböck einen spannenden Beitrag mit einem aussergewöhnlichen und unerwarteten Fall von aktiver Introjektion eingebracht. In der Methode der aktiven Introjektion kommt ja der Vorschlag, den Therapeuten als Bild in die Szenerie einzubauen vom Therapeuten selbst. In ihrem Fallbeispiel kommt aber der Patient selber auf die Idee einer aktiven Introjektion und bittet die Therapeutin, sich als Symbol introjizieren zu lassen… Frau Dr. Laimböck hat sich freundlicherweise bereit erklärt, diese Fallvignette für meinen Blog niederzuschreiben und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Sie bringt gewissermassen als Bonus noch besonders interessante Aspekte ein wie z.B. der Gedanke der Triangulation. Lassen wir sie reden:

Ich würde Ihrem inspirierenden Vortrag gerne eine kurze Fallgeschichte anfügen: „Wie ein Patient spontan selbst seine Therapeutin symbolisiert und introjiziert hat“

Ein junger Mann, der beruflich beherzt zupacken und sich durchsetzen konnte, litt sehr darunter, dass es in seiner bereits ein Jahr dauernden Liebesbeziehung zu keiner Penetration gekommen war. Er war sehr verliebt in seine Freundin und wollte seinen Körper in ihrem spüren - und empfand gleichzeitig immense Angst davor. Besonders erschütternd war für ihn die Lust seiner Liebsten. Ihre Bereitschaft und die Erlaubnis sie zu penetrieren erhöhten den Druck. Und je mehr er sich die Erektion wünschte um vor ihren Augen zu be -„stehen“, desto größer wurde die Angst - die Angst zu versagen, ohnmächtig, impotent zu sein. Beschämt, ratlos und frustriert kommt er zu mir zur Psychotherapie.

Wie entspannend ist es, in meiner Ordination auf der Couch zu liegen und genießen. Absichtslos Dasein ohne irgendeine Erwartung korrespondiert mit Winnnicott`s Worten: “From being comes doing, but there can be no do before be.” (Playing and Reality, 1970, p. 25). Mich erinnert der Übergang von Being zu Doing an die hypnotherapeutische Technik des Pacing und Leading: zuerst wird empathisch und resonant die Symbiose gefördert (pacing), dann öffnet leading die Tür für eine neue Welt an Erfahrungen.

Und das geschieht wie von selbst wenn er entspannt und fokussiert auf der Couch lag. Die weiche, bequeme, schützende Couch hält ihn und er fühlt sich geborgen. Erst nach dem „being“ kann er sich explorativ dem Körper seiner Partnerin zuwenden und ins `doing“, in sein von ihm gewünschtes aktives sexuelles „Tun“ finden. Zuerst schützt ihn die sichere Dyade, dann erst öffnet sie sich zur Triade … und dafür braucht er die Couch. Aber being und doing allein sind noch nicht ausreichend für seine sexuelle Vitalität. Erst indem er mit seinen Möglichkeiten spielt, wird seine Sexualität zur Erotik, zum Verbergen und Offenbaren, zum Ahnen und Sehnen und Spiel. Dazu hilft ihm die Rêverie im Therapieraum. Und all das kondensiert in der Couch als Übergangsobjekt.

Er genießt es so sehr, einfach zu liegen, eine angenehm entspannende Trance zu erleben, während er stets Sicherheit erlebt, nicht aktiv werden zu müssen, nicht erobern zu müssen. Genauso bietet ihm dieses Setting die Freiheit aufstehen und gehen zu dürfen - und in der nächsten Woche wieder zu kommen. Die Diskontinuität und begrenzte Dauer einer Sitzung beruhigen und er kann den Abschied zelebrieren und mich (die Couch) vermissen. „Ach, wie ist Ihre Couch bequem“ sagt er einmal bei der Verabschiedung. „Am liebsten würde ich hier liegenbleiben“ ein andermal. Oder: „So eine Couch hätte ich gerne zu Hause“. Meine Anwesenheit, meine „haltende Funktion“ im Sinne von Winnicott ist mit der Couch verknüpft. Im Therapieraum, auf dieser Couch ist er frei von Ansprüchen und Erwartungen - inneren und äußeren. Die Couch repräsentiert meine wohlwollende Gelassenheit, ihn genießen, explorieren und spielerisch entdecken zu lassen, ermöglicht ihm mit meinen Worten zu verschmelzen und sich am Ende der Sitzung zu trennen. Sie lässt ihn seine Grenzen deutlich spüren - passager auflösen - und wiedererlangen. Er genießt auch die absolute Sicherheit, dass ich die Grenzen wahre, dass es zu keinem Übergriff kommen würde. Auf der Couch liegend kann er vielleicht erstmals seine intensiven Wünsche nach Verschmelzen gefahrlos zulassen und Getrenntheit nicht als Vernichtung, sondern als Freiheit erleben.

Nach ein paar Wochen Psychotherapie mit Hypnose gelingt es: Spontan findet er eine kreative Lösung: er nimmt die Couch und damit die internalisierte Therapeutin einfach mit in sein Schlafzimmer. Und dort - in seiner erotischen Trance mit seiner Liebsten - ist die Couch als Triangulationspunkt imaginativ dabei. Er erzählt strahlend: „Ja, es ist gelungen, ich bin erstmals in meine Liebste eingedrungen! Und dabei habe ich mir vorgestellt, ich liege auf Ihrer Couch ganz entspannt und sie hält mich und ermuntert mich wohltuend.“ Die Couch, die mich repräsentiert, trianguliert die ersehnte und gefürchtete Intimität mit seiner Geliebten.

Übrigens: Mittlerweile sind die Beiden glücklich mit einander verheiratet und genießen ihr Sexualleben - nicht mehr so dramatisch und frustrierend wie im ersten Jahr, sondern entspannt, verspielt und tief befriedigend. Und sollten Ängste auftauchen, dann imaginiert er das gute Gefühl geborgen, frei und verspielt auf der Couch zu liegen.



28.7.2019 lic.phil. Dominik Rast, Basel

zu "Hypnose und Abschied" (Text 22)


Lieber Philip

Soeben habe ich mir Deinen Text zum "Abschied" zu Gemüte geführt, danke dafür!

Ich kann Deine Überlegungen, nicht nur aus mehrfach eigener leidvoller Erfahrung, absolut teilen. Du schreibst "Abschied nehmen will geübt sein". In der Tat geht es in der therapeutischen Arbeit auch stets darum, Menschen darin zu ermutigen und befähigen, sich einem abschiedlichen Er-Leben, der täglichen Abschiedlichkeit, unserer abschiedlichen Existenz zu stellen (tatsächlich verwende ich gegenüber PatientInnen diese Begrifflichkeiten in Anlehnung an Verena Kast seit Jahrzehnten sehr oft) und sich darin zu be-üben. Angesichts des Bewusstseins um die Vergänglichkeit bedeutet dies aber ebenso - und Achtung: jetzt kommt der Twist -, die leibhafte Gegenwart sinnstiftend zu gestalten sowie sinnlich-genussvoll zu erleben. Wie schrieb doch einst der Gastrosoph Jean Anthelme Brillat-Savarin: "Les optimistes et les gourmands vivent plus longtemps" (gelesen an einer Wand in einem Café nahe der Wallstreet in New York!). In diesem Sinne gilt denn eben auch: Das Leben sei ein Fest - lass es uns täglich feiern!

Herzhafte Grüsse in die wundersame Provence von Deinem Freund

Dominik


Lieber Dominik,

Vielen Dank für Deine sehr bereichernden Ergänzungen. "Abschiedlichkeit" war mir als Begriff noch nicht begegnet, bezeichnet aber sehr gut eine Art Zustand oder Lebensstil, wenn ich es richtig verstehe. Mit dem Zitat von Brillat-Savarin hast Du natürlich eine ganz empfindliche gastrophile Saite in mir zum Klingen gebracht.

Liebe Grüsse

Philip



22.07.2019 M. F. zu "Hypnose und Abschied" (Text 22)


Lieber Philip

Heute kam ich endlich dazu, wieder einmal einen Blick in deinen Blog zu werfen. Während sich der Artikel "Die Sydenham-Trance" eher an deine Fachkollegen richtet (obwohl auch für einen Laien interessant zu lesen), fand ich "Hypnose und Abschied" auch für mich sehr bereichernd:

Die zentrale Aussage "Abschied nehmen heisst, die Form loslassen, um die Substanz zu bewahren" ist sicher von universeller Gültigkeit, genauso wie die Hinweise auf das Wechselspiel "Form-Substanz" in den verschiedenen Variationen. Eindrücklich für mich auch deine Erklärungen, warum und wie Hypnose geeignet ist, das Abschiednehmen zu erleichtern, damit sich wieder neue Horizonte öffnen können.

Ich habe anlässlich meiner "Holotropes Atmen-Sessions" vor ein paar Jahren in dieser Hinsicht eine eindrückliche Erfahrung gemacht. (Holotropes Atmen / Stanislav Grof ist dir sicher ein Begriff). Gleich während der ersten Session kam meine ungelöste, konfliktbeladene Beziehung zu meiner Mutter wieder hoch (Sie starb an Leukämie, als ich 15 war). Am folgenden Morgen während einer Meditation fühlte ich mich plötzlich von einer umfassend zärtlichen Liebe umfangen und durchdrungen. Es war mein erster Kontakt mit der "Göttlichen Mutter" (in der Qabbalah die "Schechinah"), und er erlaubte mir, mich mit meiner Mutter endlich zu versöhnen und sie innerlich definitiv loszulassen. Das war eine solch umwerfende Erfahrung, dass ich nur noch weinte und weinte ..., - vor Dankbarkeit und Erleichterung.

Dieser innere Kontakt hat sich dann über die Jahre hinweg vertieft und erlaubt mir mehr und mehr, alle Formen zugunsten der "Substanz" loszulassen.

Entscheidend für solche kathartische Prozesse war und ist natürlich das Gefühl von Vertrauen und Nähe, wie du das in deinem Artikel ja auch sehr klar herausgestrichen hast.

Ich freue mich auf deine nächsten Blog-Einträge :-)

Herzliche Grüsse

M.


Lieber M.,

Hab' ganz herzlichen Dank dafür, dass Du eine solch persönliche Erfahrung bereit bist auf dem Blog zu teilen. Der Bezug zum Holotropen Atmen ist natürlich spannend, und illustriert wunderbar, dass es um genau dasselbe Prinzip geht. Auch dass die Substanz sich in der Weisheit der Qabbalah wiederfindet, ist eine sehr wertvolle Ergänzung.

Liebe Grüsse

Philip



22.07.2019 Dr.med. Heini Frick, Luzern

zu "Die Sydenham-Trance" (Text 23)


Lieber Philip

Habe vielfältigen Dank für diese wunderbare, differenzierte und inspirierende Anleitung zur Selbstsupervision. Ich selbst war bisher meist zu faul, mir für so etwas Interessantes Zeit zu nehmen. Aber jetzt… wer weiss…. Allerdings habe ich manchmal ungeplante Einsichten über mich und andere Menschen in meiner Morgenmeditation.

Und dein aktueller Input erinnert mich an etwas sehr ähnliches, was regelmässig im "Trance Camp" von Stephen Gilligan angeleitet wird und „Deep Trance Identification“ genannt wird. Der Unterschied ist lediglich, dass es sich nicht um eine Patientin handeln muss, sondern irgendjemanden, der oder die mich interessiert, begeistert, fasziniert, beunruhigt oder verwirrt. Ich „war“ dadurch u.a. schon mal Leonardo da Vinci, ein andermal Charles Darwin und ein weiteres Mal eine Frau. Immer war ich anfänglich sicher, dass es nicht klappen würde, immer habe ich mich getäuscht. In der Tat musste ich jedes Mal zuerst einen "Minimal Cue" finden als Schlüssel zur Eintrittspforte der "Transidentifikation". Bei da Vinci war der Türöffner, dass ich den imaginierten Herrn aus der Toskana auf Italienisch (so gut es ging) würdevoll ansprach und ihn um Erlaubnis bat „ihn zu sein“ und dann… wurde alles sehr aussergewöhnlich, ich sah plötzlich unglaublich klar, mit geschlossenen Augen natürlich. Im Nachhinein sagte ich „schamlos“ klar und in tiefer Ruhe, ich sah Dinge in einer Präzision, wie ich sie im Alltag nie sehe, wahrscheinlich weil mein Geist doch oft dazu neigt, über das Gesehene sich automatisch diesen oder jenen Gedanken zu machen, zu vergleichen, ein unsichtbarer assoziativen Filter darüber liegt, oder in meinem Arbeitsgedächtnis einfach noch anderes herumgeistert. Vor allem beim „Zurückkommen“ in meinen alltäglichen Geisteszustand wurde mir bewusst, wie dumpf und unscharf er im Vergleich zum da Vinci-Mind war.

Im Trance Camp ist dann allerdings erst Halbzeit. Wir gehen nämlich nur insofern aus der Trance, als wir die Augen öffnen, um uns mit den vier oder fünf mit mir im Kreis sitzenden TeilnehmerInnen zu verbinden und auszutauschen. Reihum stellt sich nun jede und jeder als die Person vor, die er gerade „ist“ und wir sprechen als solche miteinander. Dadurch können sich weitere überraschende Erkenntnisse und „Einsichten“ ergeben. Da fragt mich jemand, wie es denn so sei in der Renaissance und ich staune, dass da einfach eine Antwort, ohne viel zu überlegen in mir auftaucht, ja, manchmal wohl auch etwas kontaminiert vom Wesen namens „Heini“. Dieses gegenseitige Explorieren hilft, in der „Rolle“ zu bleiben, so wie wir es ja mit unseren PatientInnen anstreben, wenn sie das Wesen einer Teilpersönlichkeit vertieft erleben sollen. So hatten wir in der Runde neben „Milton Erickson“ u.a. auch „Salvator Dali“ und auf die Frage, wie er seine Kunst mache, demonstrierte er (schamlos), wie er sexuelle Energie in sich hochpumpt, um seine künstlerische Potenz auf der mentalen Ebene explosionsartig zur Blüte bringen zu können…. Und es wurde mir im Nachhinein klar, dass da Vinci ja wohl nur darum im 15ten Jahrhundert die Vögel im Flug derart präzise zeichnen konnte, weil er eben so unmittelbar und unvoreingenommen beobachten konnte, so wie wir es heute nur Dank Zeitlupenaufnahmen können. Und das Schamlose kommt bei seinen Darstellungen von Leichen Hingerichteter zur Geltung.

Es manifestiert sich unweigerlich die Frage, woher haben wir diese Assoziationen, dieses „Wissen“ über diese Personen; wo ist es gespeichert, per Zufall aufgeschnappt… oder…?! Trance ist eine Türe zu Sphären, zu einer Beziehungsebene, die wir viel zu selten als für uns zugänglich erachten. Auf jeden Fall wäre so ein Gruppenexperiment etwas für die nächste Intervisionsgruppe. Und da fällt mir noch C. G. Jung ein, der ja mit seiner „aktiven Imagination“ Sensationelles – nicht in anderen Menschen, sondern in sich selber – entdecken konnte…

In stiller Vorfreude auf deinen nächsten Blog und mit herzlichen Grüssen, Heini Frick


Lieber Heini

Hab' auch Du ganz grossen Dank für Deine Assoziationen zum Sydenham-Text! Absolut spannend und sehr persönlich! Sich mit jemand identifizieren, der einen interessiert – also nicht nur mit Patienten – ist als Selbstbereicherung eine faszinierende Idee. Und wozu dann der Geist fähig ist, zeigen Deine Erfahrungen wunderbar! Bedenken wir, wie wichtig Identifikation mit anderen Menschen für die Entwicklung unserer Spezies (schon nur am Beispiel des Kindes) ist, dann öffnen sich hier weite Tore...

Nochmals ganz herzlichen Dank

Philip



17.07.2019 Dr.med.Wolfgang Ladenbauer, Wien

zu "Die Sydenham-Trance" (Text 23)


Lieber Philip!

Vielen Dank für die Zusendung Deiner Hypnose-Texte!

In Fortsetzung Deiner Sydenham-Selbstsupervision möchte ich Dir von einer ähnlichen Art der Selbstsupervision berichten, die wir seit Jahrzehnten in der KIP, wo sie entstanden ist, aber auch in der HY und im AT anwenden.

In einer Selbstentspannung machen wir eine autogene Imagination mit einem Vier-Stufen-Programm:

1) Wir denken an unseren Patienten (gilt für alle Geschlechter) oder an einen in der Supervision vorgestellten Patienten (im Einzelsetting, aber häufig auch in Supervisionsgruppen). Dabei lassen wir alle inneren Bilder aufsteigen, die von selbst kommen. Alles ist gültig. Ein Symbol kristallisiert sich heraus. Wir beobachten und beschreiben dieses, schauen dann, was es in welcher Umgebung macht, vorerst aus reiner Beobachterrolle.

2) Wir treten in Kontakt und Kommunikation mit diesem Symbol, mit allen Sinnesqualitäten und all der Dauer und Intensität.

3) Wir schauen, ob dieses Symbol auch einen Schatten hat und was dieser macht.

4) Zum Schluß fragen wir uns, was wir diesem Symbol wünschen würden und beenden dann diese Gegenübertragungs-Imagination.

Ich habe auch noch sehr gute Erfahrungen mit einer speziellen Form der Gegenübertragungs-Reflexion gemacht. Ich verwende immer wieder Musik in der HY als Trance-Einstieg und -Begleitung, bzw. als Motiv in der KIP. Die Reflexion meiner Gegenübertragung nutze ich dabei durch die Auswahl des Musikstückes, indem ich mich in einer Kurztrance frage, welche Musik ich mit diesem Patienten hören möchte.

Ich hoffe, ich kann Dich mit diesen (rasch berichteten und nicht ausformulierten) Erfahrungen ein wenig anregen.

Herzliche Grüße

Wolfgang


Lieber Wolfgang

Ich möchte Deine Anregungen nicht für mich allein behalten, denn ich finde sie wunderbar spannend. Du zeigst sehr schön auf, dass man sich demselben Ziel auch freier und offener, weniger vorstrukturiert annähern kann. Besonders den Einbezug der Musik als gefühlsbetonte Annäherungsweise finde ich faszinierend. Interessant wäre natürlich zu untersuchen, ob sich grundlegend unterschiedliche Resultate mit den verschiedenen Zugängen erreichen lassen. Wird aber methodisch wohl nicht einfach sein.

Hab' ganz herzlichen Dank!

Philip



26.02.2019 lic.phil. Dominik Rast, Basel

zu "Zindels List" (Text 20)

"Zu 4. kam mir folgende Redewendung in den Sinn: "You never get a second chance to make a first impression." - also das, was ich in meinen Bewerbungsseminaren stets predige.“



11.01.2019 lic.phil. Barbara Menn, Zürich

zu "Der hypnosetherapeutische Vertrag" (Text 19)

Danke für diesen Beitrag und diese explizite Formulierung. Ja, gerade beim Angebot von Hypnose als Teil der psychotherapeutischen Behandlung wecken wir wohl besonders viele Heilsphantasien und Wünsche, nicht nur bei den PatientInnen, manchmal auch bei KollegInnen. So wurden mir auch schon PatientInnen überwiesen mit dem Auftrag (den ich so nicht annehmen konnte): Finden Sie in und mit Hypnose den vermuteten Missbrauch auf den so viele Symptome hinzuweisen scheinen…Ich denke Aufklärung, was hypnotherapeutische Arbeit kann und macht (und was nicht!), wie sie konstruktiv und sorgfältig therapeutisch eingebettet, genutzt werden kann, ist extrem wichtig, und es ist mehr als wünschenswert dass Hypnose auch in der Schweiz geschützt werden würde! Klicken wir in Google treffen wir auf jene „Hypnose“-Anbieter, die zumindest in meinen Augen sehr bedenklich sind.



11.01.2019 Dr.med. Corinne Marti Häusler, Männedorf

zu "Der hypnosetherapeutische Vertrag" (Text 19)

Dein Text gefällt mir besonders gut und entspricht dem, was ich auch schon oft überlegt aber nie für mich und die Patienten so schön, kurz und klar formuliert habe.



23.12.2018 Dr.med Heini Frick, Luzern

zu "Das Schulterklopfen" (Text 18)

Lieber Philip,

Ich habe die Schulterklopftechnik schon vor einiger Zeit von dir gelernt. Darum habe ich in der Zwischenzeit eine Variante entdeckt. Sie dient mir sowohl als Priming fürs Schulterklopfen als auch als paradoxe Intervention, wenn die Therapie-Situation von einer Auflockerung profitieren könnte. Ich mache das allerdings nur, wenn gegenseitiges Vertrauen bereits vorhanden ist. Und so geht es: Wenn ich mich selber mit einer tollen Idee, einem kreativen Reframing oder ähnlichem überrasche, so klopfe ich mir selber auf die Schultern, mal links mal rechts. Und begleite dies in etwa mit den Worten, "Bravo Heini, das gefällt mir jetzt, gut gemacht!" Und dass mir das jetzt echt gut tue und eventuell auch, dass ich gelernt hätte, nicht nur zu anderen nett zu sein, sondern auch zu mir selber. Und dann lenke ich das Gespräch so, dass meine Patientin früher oder später auch etwas Positives über sich sagt respektive sagen MUSS, weil ich sie nach etwas frage, was ich bereits von ihr weiss. Und wenn sie es – oft eher beiläufig – (nochmals) erwähnt, nämlich Mutter zu sein, eine Prüfung bestanden zu haben, diesmal nicht zu spät gekommen zu sein etc. Dann schreite ich ein und rufe: „SENSATIONELL, jetzt sind aber SIE dran!“ Und schaue die verdutzte Patientin erwartungsvoll an … und fange an, in Zeitlupe und bedeutungsvoll mir erneut auf die Schulter zu klopfen…„los, da kommen Sie jetzt nicht drum herum… wenn es mir gut tut, tut es auch Ihnen gut, tun Sie sich jetzt etwas Gutes, es tut überhaupt nicht weh, ganz im Gegenteil…sonst gebe ich Ihnen zuerst noch ein Aspirin…wir machen das jetzt gemeinsam...“


Lieber Heini

Hab’ ganz herzlichen Dank für die Schilderung Deiner humorvollen und sehr beziehungsorientierten Variante des Schulterklopfens. Vorbildlich... im wahrsten Sinn des Worts!

Deine Idee hat mich gleich auch für eine spezielle Intervention inspiriert:

Nachdem ich eine Patientin nach harter Überzeugungsarbeit endlich dazu gebracht hatte, sich (glaubwürdig) auf die Schulter zu klopfen, habe ich an Dich gedacht, mir selber ostentativ auf die Schulter geklopft und ihr mit einem Lächeln erklärt: „Jetzt hab’ ich es geschafft, Sie zu überzeugen!“, und es war ansteckend...

Ich danke Dir für den anregenden Austausch!



01.12.2018 Dr.med. Heini Frick, Luzern

zum "Hebelgesetz" (Text 17)

… hier ein paar Assoziationen:

Du sagst, dass jenseits des "oberflächlichen" Symptoms, in der Tiefe des Unbewussten, im damit verbundenen Muster, ein legitimes Anliegen schlummert. Attraktiv fände ich es hierzu noch Folgendes zu ergänzen, nämlich, dass genau DAS der Utilisations-Ansatz von M. Erickson ist. Aus Sicht von Stephen Giligan ist genau DAS der Hauptbeitrag Ericksons an die Hypnose und nicht etwa raffinierte Induktionen, inklusive indirekte Suggestionen und Verwirrungstechniken. Darum können wir jeglichem Symptom Neugier und Wohlwollen entgegenbringen. Wir entfalten einen kreativen Kontext für den leidvollen Kontent.

Und dazu fällt mir ein wunderbarer Satz von Georg Milzner ein, nämlich: "JEDES SYMPTOM HAT SEINE WÜRDE!". Das finde ich sensationell, das still für sich zu denken, aber ich sage das auch manchmal explizit meinen Patienten, wenns passt.

Philip: Lieber Heini, hab’ ganz herzlichen Dank für Deine spannenden Gedanken. Erickson’s Utilisationsprinzip hatte ich noch nicht in diesem Licht gesehen. Genau solche Beiträge erhoffte ich mir, um diesen Blog zu einer lebendigen Plattform zu machen, wo sich Gedanken aus verschiedenen Horizonten gegenseitig fruchtbar ergänzen.



29.11.2018 Dr.med. Christoph Weidmann, Therwil

zum "Hebelgesetz" (Text 17)

Habe auch mit viel Vergnügen Deinen neuesten Beitrag genossen mit dem Hebelgesetz; ach wie wahr, versuchen wir doch so oft in unserem Enthusiasmus dem Patienten seine Probleme zu lösen, und der lehnt sich zurück und macht uns schaffen....das übliche Muster für viel Energieverschwendung unsererseits und kein vorwärtskommen beim Patienten, weil der ja eigentlich gar nicht will, was wir wollen.....altes Problem... Und wie oft haben wir uns in diese Falle locken lassen....stolz auf unsere Kreativität im Lösungen finden, und der Patient, keine Änderung eigentlich wollend (oder keinen Effort selbst dazu tun wollend), nett, seichte applaudierend....tja, kennen wir doch....

Vielen Dank für Deine Beiträge und glg Christoph

Auch, Dir, lieber Christoph, für Deine lebendigen Beiträge!

LG Philip



13.09.2018 Dr.med. M.C.

zu "Den Raum füllen" (Text 7)

"… meine MPA ist so begeistert von Deinem Text „Den Raum füllen“, dass sie ihn täglich braucht, wenn sie zur Arbeit durch Tunnels fahren muss.“

Herzlichen Dank für die Rückmeldung! Was kann es Schöneres geben im Leben als eine Verschönerung des Arbeitswegs? Liebe Grüsse an Dich und an Deine MPA Philip



28.07.2018 Dr.med. Christoph Weidmann Therwil

zu "Fünf Finger" (Text 10)

Müsste eigentlich funktionieren, so alt (babylonisch!) die Methode ist...und auf und an der Hand liegt.... gefällt mit sehr, muss ich bei meinem nächsten Dilemma auch mal ausprobieren....

lg Christoph

Bin gespannt!

LG Philip