Texte zur Hypnosetherapie




Dr.med. J. Philip Zindel

Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Nach zwei Texten, die sich mit praxisorientierten Überlegungen auseinandersetzten, nun wieder einmal Ideen zu einer ganz einfachen, konkreten Übung – die zudem noch Spass macht. 

Ich wünsche eine anregende Lektüre!


Techniken 10Foucault'sches Pendel
Text 37

Das «hypnotische Foucault’sche Pendel»: eine einfache Übung 

Bevor ich Ihnen den Ablauf der Methode auseinandersetze, möchte ich Ihnen zwei Bilder vorstellen, die Ihnen das Verständnis von Namen und Ablauf vereinfachen werden.

Foucault

Fürchten Sie sich nicht! Zwar kommt jetzt als Erstes ein kleines Schmankerl Astronomie- und Physikgeschichte, aber nur kurz, einfach und sehr erdnah. Im 19. Jahrhundert wusste man schon lange, dass sich die Erde um die eigene Achse dreht (Galilei: «Eppur si muove!»1). Aber 1851 demonstrierte der französische Physiker Léon Foucault ein Experiment, das die Erdrotation mit einem ganz einfachen Trick nachwies, ohne sich auf astronomische Beobachtungen stützen zu müssen. Dazu brauchte es nur ein langes Pendel, das an der Decke hing.

Wie ist so etwas möglich? Um es zu verstehen, stellen Sie sich vor, dass auf dem Nordpol, an einem beliebigen Gerüst aufgehängt, ein relativ langes Pendel vor sich hin schwingt. Ein Pendel hat die Eigenschaft, dass es unveränderlich immer in der genau gleichen, senkrechten Ebene pendelt. Es kann diese nie verlassen und schwingt stur immer in derselben Richtung hin und her. Nun aber dreht sich ja unter ihm die Erde um ihre Achse. Würde das Pendel von oben beleuchtet, würde dies bedeuten, dass sich sein Schatten auf dem Boden bei jedem Schwung ein klein bisschen verschiebt, immer im selben Drehsinn. Der Schatten würde sich quasi wie der Zeiger einer Uhr verhalten, nur dass er erst nach 24 Stunden wieder am Startpunkt ankommt. Foucault machte eine Demonstration dieses Phänomens in Paris, im heiligen Pantheon – zwar im Vergleich zum Nordpol unter leicht verschobenen Verhältnissen – mit einem 67 Meter langen Pendel. Das Publikum war verblüfft. Heute können Sie es dort immer noch bestaunen, und es pendelt weiter. Was dies nun – natürlich nur metaphorisch – mit Hypnose zu tun haben kann, werden wir gleich erfahren.

Die Kinderschaukel

Doch machen wir zuerst noch einen zweiten Abstecher, ebenso kurz, in eine herrliche Kindheitserinnerung: auf die gute, alte Kinderschaukel. Da sassen wir vergnügt auf einem Brettchen und hielten uns an den zwei Seilen oder Ketten links und rechts von uns fest. Vielleicht war es am Anfang eine liebe Grossmutter, die uns von hinten einen kurzen Schubs und damit einen ersten Anlauf gab, und uns zeigte, wie wir dabei die Beine schnell weit nach vorne ausstrecken und uns gleichzeitig kräftig mit dem Oberkörper nach hinten legen mussten. 

Oben angekommen zogen wir geschwind die Beine zurück, schoben gleichzeitig den Oberkörper jetzt ganz nach vorne, bis wir den hinteren Höhepunkt erreicht hatten. Dann ging es wieder mit dem Oberkörper zurück nach hinten, Beine vor, dann wieder umgekehrt, und so immer höher und höher. Ein unbeschreibliches Pendeln in der Luft, aus eigener Kraft, ein wohliges, wiegendes Gefühl im Bauch inbegriffen.

Pendelbewegungen haben etwas Magisches, sie packen den Blick fast zwangsläufig in ihren Bann und strahlen dabei eine starke Ruhe aus, die aus der Bewegung kommt und dadurch auch Erstarrungen löst.

Wie sieht nun die konkrete, hypnotische Umsetzung unserer beiden Pendelbilder aus? Beginnen wir doch mit dem Beispiel von Herrn W..

Herr W.

Er ist jung, vielleicht um die dreissig, grossgewachsen, sportlich, modebewusst gekleidet – zumindest soweit meine Kenntnisse in diesem Bereich ein Urteil erlauben… Ernst und sachlich informiert er mich, dass in einer Woche seine Anwaltsprüfungen beginnen und dass er sich völlig blockiert fühlt. Dass er fürchterlich davor Angst hat, spricht er nicht aus, seine Stimme lässt es aber heraushören. Er zeigt, auch mir gegenüber, ein recht selbstsicheres Auftreten – wie sollte er sonst seinen zukünftigen Beruf ausüben? –, und schildert, wie er ausgiebig Sport treibt, regelmässig Rad fährt, klettert und schwimmt, wie er in seiner Fussballmannschaft erfolgreich ist, ja drei Mal wöchentlich seinen Körper mit Krafttraining stählt. Wenn es aber um Prüfungen geht, ist ihm schon immer sein ganzes Selbstbewusstsein unter den Füssen völlig zerflossen.

Da er Hilfe bei mir erst kurz vor den Prüfungen aufsuchte – ein typisches Vermeidungsverhalten von willensstarken Menschen –, galt es, ein schnelles Resultat zu erzielen. Natürlich versteckte sich mit Sicherheit hinter seiner Symptomatik eine lange, wohl nicht ganz einfache Lebensgeschichte, aber diese stand nicht als Auftrag im Raum. Gleichzeitig waren eindeutige Stärken vorhanden, die genau gleich zu seinem Leben gehörten. Diese auffällige Polarität zwischen seinen Stärken und seinen verletzten Seiten lud ein, mit ihm das Foucault’sche Pendel zu versuchen.

Die hypnotische Übung

Wie ging ich vor? Zuerst lud ich natürlich Herrn W. ein, die Augen zu schliessen, sich bequem einzurichten und sich in Trance sinken zu lassen. Metaphorisch entsprach dies einem bequemen Hinsetzen auf das Sitzbrett einer Schaukel. Ich sprach es noch nicht an, hätte es aber tun können. Dann bauten wir den sicheren Brutkasten auf, indem ich ihn einlud, seine einzelnen Körperteile zu begrüssen, und somit in seinem Körper Sicherheit zu suchen und zu seiner Sinnlichkeit zu finden. Metaphorisch entsprach dieser Schritt dem Festhalten an den Seilen links und rechts neben ihm. Meine Grossmutterrolle verwirklichte ich dann mit einem ersten Schub, der darin bestand, dass ich ihn fragte, ob er sich traue, sich mental in eine Prüfungssituation seiner Wahl zu begeben und sich darin hineinzuleben. Ich bat ihn, mir mit irgendeinem kleinen Zeichen zu bestätigen, sobald er soweit sei. Dies war bei Herrn W. nicht nötig, denn bald erkannte ich an seinem Erbleichen, dass er erfolgreich war - bevor er nickte.

Ich fragte ihn nun, ob er jetzt einverstanden sei, möglichst intensiv in sein Prüfungsgefühl einzutauchen, allerdings nicht tiefer, als er dazu bereit sei. Bezüglich der Schaukelmetapher entsprach dies der Ermunterung, sich Füsse voran mit ausgestreckten Beinen und ganz zurückgelehnt mit allem Mut möglichst hoch hinauf zu schwingen. Aber immer noch liess ich hier die Metapher dem Patienten gegenüber verborgen. Beim Maximum angekommen solle er mir wieder ein kleines Zeichen geben.

Als er mit dem Kopf nickte, schlug ich ihm vor zu warten, bis er eine Kraft spüre, die ihn wieder zurück zur Ausgangsposition ziehe, wie es auf einer Kinderschaukel geschieht. Erst jetzt also wurde ich mit der Schaukelmetapher explizit, um sie gleich weiter für den Übergang zur Ressourcentrance zu nutzen. Ich schlug ihm vor, sich zu erinnern, wie es damals auf der Schaukel war: oben angekommen gleich in einem Schwung in die entgegengesetzte Richtung, wieder ganz bis nach oben. Jetzt könne ihn der Schwung seiner Bewegung in eine positive Erinnerung an eine Situation der Stärke, des Stolzes, des Selbstvertrauens hineinschwingen. Von selbst werde ihn jetzt die Pendelkraft dorthin stossen, aber er dürfe es natürlich auch mit eigenem Einsatz bewusst unterstützen, um mit möglichst viel Schwung und Kraft dort anzukommen. Metaphorisch waren wir also beim «Beine zurück und Oberkörper nach vorne». Ich selber nahm in meiner Phantasie an, es werde sich um eine Situation im Sport handeln, da er aber seine Erfahrungen nicht mitteilte, erfuhr ich es nicht. Es war ja auch nicht wichtig, dass ich es wusste. Dort angekommen solle er mir wieder ein bestätigendes Zeichen geben.

Sein Gesicht entspannte sich wieder, er nickte mit dem Kopf, und so lud ich ihn ein, diesen Zustand so lange zu geniessen, bis ihn dieselbe Schwerkraft wieder zurück zur Ausgangsposition ziehe, und dann auch wieder direkt weiter bis zur Prüfungssituation, genau wie bei der Kinderschaukel. Verständlicherweise zeigte er keine übermässige Lust zu Letzterem. Aber seine Motivation, seine Angst beherrschen zu lernen, war offenbar stark genug, bzw. er hatte durch die soeben gemachte Erfahrung der Möglichkeit, jederzeit in das gute Gefühl zurückkehren zu können, genügend Sicherheit gewonnen, dass er sich sichtbar einliess. Ich erkannte wiederum eine leichte Anspannung in seiner Mimik und ein leichtes Erblassen seiner Gesichtsfarbe. Er war also in einen guten «drive» gekommen.

Jetzt kam der Moment, wo ich das Foucault’sche Pendel einführte, indem ich ihn einlud, zu beobachten, wie jetzt schon seine Wahrnehmung der Prüfungssituation ein klein wenig anders geworden war als am Start. Er solle sich achten, worin diese Veränderung bestehe, bevor ihn die Schwerkraft wieder in Richtung der Ressourcentrance ziehe.

Dieses Pendeln liess ich ihn nun einige Male wiederholen und begleitete ihn dabei mit entsprechend suggestiver Stimmführung, immer darauf hinweisend, dass diese Pendelbewegung von alleine, aus ihm heraus stattfinde. Sichtlich fand Herr W. dieses Spiel immer vergnüglicher, bis er beschloss, er sei jetzt zufrieden. Dies hatte etwa ein Dutzend Schwingungen gebraucht. Danach fühlte er sich recht erschöpft, leicht durcheinander, war aber mit sich selber zufrieden.

Es brauchte keine zweite Sitzung, denn erstens wollte er seine Zeit für die inhaltliche Prüfungsvorbereitung nutzen, zweitens wollte er zuhause für sich selber weiter üben, was er fleissig und mit Freude tat (die Ressourcen, mit denen ich gerechnet hatte, waren also da und wirkten), und drittens hatte sein Selbstvertrauen einen mächtigen Schub gewonnen, der für die Prüfung ausreichte – die er auch bestand.

Die Bedeutung der Metaphern 

Die Idee, Problemtrance und Ressourcentrance in der Hypnose alternieren zu lassen, ist nicht neu. Vermutlich ist sie so alt wie die Hypnosetherapie selber. Mir gefällt es aber, die beiden entgegengesetzten Trancen in die zwei Pendelmetaphern einzubetten, weil damit mehr Farbe und Lebendigkeit in die Übung hineinkommt als nur ein «jetzt Problemtrance» und dann «jetzt Ressourcentrance», und weil wir gleichzeitig mit diesen Metaphern ein paar nützliche Implikationen und Wahrnehmungen einbringen können.

Das Bild bzw. das Erlebnis der Kinderschaukel bringt u.a. folgende Bereicherungen:

  • Immer wenn ein Bild nicht nur visuell bleibt, sondern auch mit etwas Kinästhetischem verbunden erlebt wird, erhält es viel mehr emotionale Kraft und setzt sich umso einfacher im Gedächtnis fest. Zudem bringt das körperliche Erleben, hier also in Form des Pendelns, immer die Dimension des Hier und Jetzt ein und schafft so eine zeitliche Distanz zu dem, was eigentlich Vergangenheit ist. Dies gilt sowohl für die Problemtrance – sie hat ja ihre Wurzeln in der Vergangenheit und soll auch als Vergangenheit erlebt werden – wie auch für die Ressourcentrance – auch sie fusst auf vergangenen Erlebnissen und soll im Jetzt wirken. Diese Verknüpfung von vergangenen Erlebnissen mit dem Hier und Jetzt ist allgemein eine grundsätzliche und unerlässliche Basis für therapeutischen Fortschritt.
  • Die Schwerkraft, die bei der Schaukel hinter der Pendelbewegung wirkt, steht metaphorisch für eine autonome Kraft im Patienten selber, eine «psychische Schwerkraft», die beide emotionalen Pole schwingend zu verbinden sucht. Sie zieht gewissermassen die Problemtrance immer wieder zur Ressource, um sie dort besänftigen zu lassen, genau gleich wie sie auch die Ressourcentrance zur Problemtrance drängt, damit sie in dieser die verborgenen, verschütteten Ressourcen wieder aufdecken kann.
  • Schaukeln mit Beinen und Oberkörper stellt ein eigentümliches Zusammenwirken von eigener Aktivität und von getragen Sein dar. Bildhaft spiegelt es wunderbar eine zentrale Eigenschaft der Hypnose wider: eine Verbindung von Passivem und von Aktivem. Sich gehen lassen, dazu ein bisschen Mut und ein kräftiges Mitwirken gehören zu jeder therapeutischen Hypnose.
  • Der erste Schub als Anlaufhilfe von Seiten der Grossmutter ist bei ängstlichen Kindern oft entscheidend, ebenso beim Therapeuten für ängstliche Patienten. Bald aber, sobald sich der Rhythmus des Schaukelns eingestellt hat, d.h. wenn sich die eigene Aktivität des Kindes bzw. des Patienten und der Eigenrhythmus des Pendels getroffen haben, kann die Grossmutter zurücktreten und das Kind alleine sein Erlebnis geniessen lassen. So soll es auch der Therapeut tun.
  • Irgendeinmal wird es auf der Schaukel ja genug sein, und dann lässt man auspendeln. Die Schaukel bzw. das Pendel verliert an Amplitude und nähert sich dabei einer Mitte, die auch Ruhepunkt ist. Dort haben sich die beiden Pole gewissermassen zu einer Einheit vereinigt. Aber interessanterweise hat das Pendel schon vorher diesen Ort bei jeder Periode durchlaufen, ohne dort stehen bleiben zu können – auch ein bedeutungsträchtiges Bild!
  • Im Überblick lässt sich sagen, dass die Schaukelmetapher hilft, intuitiv und ganzheitlich zu verstehen, dass ein therapeutischer Zustand mit einer gewissen Form von Hingabe zu tun hat, wo nicht das vorgefasste «ich weiss» des Patienten das Primat hat, sondern wo es um ein Explorieren geht, wie man sich am besten in den gegebenen Eigenrhythmus einfinden und ihn aktiv unterstützen kann. Auch beim Auspendeln muss ein geeigneter Umgang entdeckt werden, denn ein Pendel bremsen kann man nicht irgendwie.


Die wesentliche, spezifische Bereicherung der Metapher des Foucault’schen Pendels besteht darin, auf ein kleines, aber wichtiges Detail hinzuweisen, das in der Kinderschaukel nicht vorkommt:

  • Mit jeder Pendelperiode findet beim Foucault’schen Pendel eine kleine Veränderung der inneren Orientierung statt, wenn auch unmerklich. Genau gleich bei unserer Übung: Da kehren wir nach einer Periode nie an denselben Ort zurück. Die jeweilige Veränderung mag manchmal minim erscheinen, aber zu wissen, dass es eine gibt stärkt den Mut und kitzelt die Neugier.
  • Nicht nur die Gravitation regiert hier über die Bewegung des Pendels – wie bei der Schaukel – sondern es wirkt auch eine andere, ebenfalls geheimnisvolle Kraft in Richtung einer Veränderung, die Erdrotation. Diese «psychische Erdrotation» ist wohl schwieriger und sicher vielfältig zu deuten – wie es Metaphern an sich haben. Aber sie lädt zumindest ein, sich die Frage zu stellen, worin sie bestehen könnte. Finden wir hier vielleicht den Hinweis, dass das Leben darin besteht, ständig wieder neue Standpunkte und Orientierungen aufgrund der bisherigen und der zukünftigen Erfahrungen zu entwickeln, und dass sich darunter etwas Zyklisches oder Zirkuläres verbirgt? Wie dem auch sei…

Anwendungsvarianten

Bei Herrn W. hatte ich die Metaphern schrittweise in die hypnotische Übung eingeführt. Nach einer zunächst «normalen» Induktion, mit Augenschluss und Entspannung, brachte ich die Schaukelmetapher erst explizit ein, nachdem er mir bestätigt hatte, dass er das Maximum an emotionaler Intensität der imaginierten Prüfungssituation erreicht hatte. Das Bild der Schaukel behielt ich dann über den Rest der Übung bei. Das Foucault’sche Pendel führte ich ein, als er wieder beim Maximum der Prüfungssituation angekommen war, um ihn auf die – zwangsläufig – entstandene Veränderung hinzuweisen. Im weiteren Verlauf hob ich auch immer wieder die ständige Veränderung hervor.

Ich hätte die Metaphern natürlich auch zu anderen Zeitpunkten einführen können. Bei Herrn W. hatte es sich so ergeben.

Man könnte die ganze Übung im Vorfeld besprechen, die Ressourcentrance und die Problemtrance zuerst genau erfragen und dann in den Ablauf suggestiv einbringen, eine Variante, die weniger Suspense bringt, aber vielleicht manchen ängstlichen Patienten (oder Therapeuten…) ein bisschen mehr Sicherheit bietet.

Die Minimalvariante wäre noch die stumme Variante, die darin besteht, dass nur wir als Therapeuten diese Bilder im Kopf haben, sie nicht aussprechen, und nur den Duktus dieser Übung, unsere Sprachmelodie und Stimmführung implizit danach gestalten.

Ansonsten ist hier alles, wie immer, nur Anregung, um in der jeweiligen, konkreten Situation mit dem Patienten kreative Ideen für eine Intervention generieren zu können.

Indikationen

Die Einfachheit der Methode spricht für eine sehr breite Anwendungsmöglichkeit. Im Gegensatz zur 3D-Methode beispielsweise (s. Text 13 ff.), die als Einstiegstrance zunächst nur Selbstsicherheit und Vertrauen stärken will, setzt die Foucault’sche Pendelmethode eine Bereitschaft voraus, sich mit dem Problem frontal auseinanderzusetzen. Zudem müssen auch relativ leicht auffindbare Ressourcensituationen in der Nähe sein, damit das Pendeln schon von Anfang an auf eine Ressource zurückgreifen kann. Für die Behandlung umfassenderer Probleme wie Persönlichkeitsstörungen, bei sehr selbstunsicheren, ängstlichen Persönlichkeiten ist sie in der Regel weniger geeignet.

Epilog: Foucault nicht zu verwechseln mit Chevreul

Der Franzose Michel Eugène Chevreul (1786-1889) ist heute wohl niemandem mehr bekannt, ausser in spezialisierten Fachkreisen. Zu seiner Zeit war er aber ein weltberühmter Chemiker, der als Vater der Fettchemie gilt. Nicht weniger als zehn Akademien der Wissenschaften in Europa und Übersee hatten ihn zu ihrem Mitglied gekürt, und er starb mit hundertdrei Jahren. Fettchemie hat wenig mit Hypnose zu tun, aber wie so manche Wissenschafter seiner Zeit, die in therapiefremden Sparten der Naturwissenschaften forschten (denken wir an den Botaniker Deleuze, an den Apotheker Coué), interessierte auch er sich für die damals erst neu aufkeimende Psychologie und insbesondere für die Suggestionsphänomene.

Nach ihm ist ein Suggestibilitätsexperiment benannt, bei dem die Versuchsperson mit aufgestütztem Ellbogen und aufrechtem Unterarm ein Pendel zwischen Daumen und Zeigefinger hält und der Versuchsleiter ihr eine kreisende Bewegung mit einem Pendel suggeriert, sie aber gleichzeitig instruiert, das Pendel völlig ruhig zu halten: «Halten Sie Ihre Hand ganz ruhig, völlig unbeweglich… und das Pendel wird beginnen, sich jetzt ganz von alleine zu bewegen, ganz von alleine...». Die maximale horizontale Pendelbewegung gilt dann als Mass für die Suggestibilität. Dieses Experiment nutzt die sogenannte Ideoplasie, ein wissenschaftlicher Name für ein psychophysisches Phänomen, dass nämlich jede mit Bewegung verbundene Vorstellung als unbemerkte Begleiterscheinungen mit ihr konkordante mikroskopische Bewegungen des Körpers auslöst. Manche Hypnotiseure bedienen sich heute noch des Chevreul’sche Pendels, sei es als Induktionsmethode oder für Befragungen des Unbewussten.

Foucault, Chevreul… anscheinend haben die Franzosen eine besondere Affinität zum Pendeln. Uns Basler erstaunt dies jedoch nicht: Jeden Morgen und jeden Abend sehen wir sie an den Grenzübergängen zum Elsass, tausende von pendelnden Franzosen…


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1 «Und sie dreht sich doch!»