Texte zur Hypnosetherapie




Dr.med. J. Philip Zindel

Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Eigentlich hatte ich Ihnen als Nächstes zwei Texte im Zusammenhang mit Magie versprochen. Ich habe sie nicht vergessen, die Berge bleiben schwanger ...* Doch dazwischen ist eine spannende Korrespondenz mit einer Kollegin aus Deutschland entstanden, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Viel Spass beim Lesen.

* frei nach Horaz: parturiunt montes nascetur ridiculus mus...




Diskussionsbeitrag

18.06.2021 – 26.07.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock

18.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock

Lieber Herr Zindel,

ich bin Psychotherapeutin in Leipzig und finde Ihre Texte aufschlußreich, fühle mich manchmal geistesverwandt. Ich weiß gar nicht, ob es Ihr Interesse ist, Fragen zu beantworten?

Das erwähnte Hebelgesetz brachte mich zu der Frage:

Wenn mein Interesse an einem explorativen Vorgehen viel ausgeprägter ist, als beim Patienten, der Interessen hat, sich zu erleichtern, vielleicht sogar generell, es sich leichter zu machen, sitze ich doch am kürzeren Hebel. Ich kann natürlich auch versuchen, zu überzeugen, was gut am Explorieren ist und wo die Grenzen des Es-sich-leichter-machen sind, aber bekomme ich so mehr vom längeren Hebel?

Mich beschäftigt diese Frage wirklich, vielleicht haben Sie eine erprobte Haltung dazu?

Mit freundlichen Grüßen

Sigtraud Hopfstock


22.06.2021 J. Philip Zindel

Liebe Frau Hopfstock,

Ihre spannende Anfrage freut mich ungemein! Genau das suche ich mit meinem Blog: Nicht nur erzählen, sondern einen bereichernden Dialog.

Ich versuche nun, auf Ihre Frage eine sinnvolle Antwort zu finden. Das, was uns grundsätzlich immer an den längeren Hebel setzt und dort hält, ist das konsequente Festhalten an der Haltung des konsequenten Explorierens (s. die Texte "Explorer"), ggf. mit Umsteigen auf eine Meta-Ebene.

Wenn wir in der von Ihnen beschriebenen Situation versuchen und uns bemühen, den Patienten argumentativ zu überzeugen, dass Explorieren besser wäre, stossen wir meist auf die wunderbar organisierte Abwehr von Gegenargumenten. Verzichten wir hingegen darauf, ihn neugieriger für eine Exploration machen zu wollen, sondern wundern wir uns über seine Haltung, vielleicht mit einem "Ah, spannend, dass Sie sich die und die Frage nicht stellen mögen!" oder mit einem "Ah, spannend, Sie kommen zu mir einfach mit dem Bedürfnis, sich zu erleichtern?" reagieren, haben wir schon den nächsten Schritt der Exploration angebahnt.

Im nächsten Schritt könnten wir uns dann beispielsweise in dem Sinn äussern, dass es uns wundernimmt, weshalb die besagte Frage für den Patienten nicht relevant ist (dann kommt nämlich vielleicht etwas ganz Anderes und tatsächlich viel Wichtigeres und Relevanteres zur Sprache als das, woran wir waren). Oder wir können auch fragen, ob es vielleicht für diese Person mühsam ist, solche Fragen zu stellen oder vielleicht sogar überhaupt Fragen zu stellen (und vielleicht landen wir so irgendeinmal bei der Kindheit, in der das Fragen Tabu war). Oder wir folgen der Spur des Bedürfnisses nach Erleichterung: "Spüren Sie, dass Sie sich durch diese Erleichterungen bei mir in einem positiven Sinn entwickeln? (Wenn ja, woran merken Sie es?)". Tausend Möglichkeiten.

Meine Idee wäre also zusammengefasst, immer innerlich (oft auch äusserlich) mit dem fast stammhirnmässig produzierten "Ah, spannend!" zu reagieren, ggf. eben die Ebene dabei zu wechseln. Für uns Therapeuten ist dabei hilfreich, immer im Auge bzw. im Hinterkopf zu behalten, dass sich die Dinge tatsächlich vielleicht ganz anders verhalten als in unserer Hypothese, mag sie noch so plausibel erscheinen. Allerdings darf man natürlich je nach dem nicht schnelle Änderungen beim Patienten erwarten, aber wir können unbeirrt am Explorieren festhalten und bleiben so beim Patienten, ohne uns zu ärgern oder zu langweilen...

Dann noch ein Tipp: Wenn der Patient durch unsere Frage irgendwie verwundert ist oder betroffen wirkt, ist es am sinnvollsten, gleich mit einem "Wären Sie einverstanden die Augen zu schliessen und in Ihnen innen zu beobachten, wie sich meine Frage anfühlt, welche Reaktion Ihr Körper darauf zeigt?" zu reagieren. Wenn Sie das tun können und es stimmig ist, vermeiden Sie Argumentationen, die in aller Regel fruchtlos bleiben.

Können Sie etwas mit diesen Überlegungen anfangen? Sonst suche ich gerne mit Ihnen weiter.

Herzliche Grüsse

J. Philip Zindel

PS: Wären Sie allenfalls einverstanden, unsere Diskussion auf meinem Blog zu veröffentlichen (wenn Sie es vorziehen auch anonym), denn aus den Supervisionen weiss ich, dass Sie in keiner Weise als Einzige mit solchen Fragen dastehen.


26.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock

Lieber Herr Zindel,

Danke für Ihre Anregungen, die mir beim Nachdenken darüber deutlich gemacht haben, daß es mit meiner Absichtslosigkeit doch gar nicht so weit her ist.

Mir sind anregende Gespräche lieber als das klagende Persistieren. Neugier und Interesse habe ich charakterbedingt genug.

Kultiviert man Absichtslosigkeit durchs Tun? Macht es Spaß? Bringt es Leichtigkeit ins Sein, absichtsloser zu werden?

Hätten Sie Lust, selbst davon zu erzählen?

Ich habe einmal ein Interview mit einem vielleicht 10 -jährigen Jungen gehört, der in einem Film ein schwieriges Kind spielen mußte, das ihm zunächst gar nicht sympathisch war. Er sei dann in die Rolle hinein gewachsen und sagte:“ Wenn man jemanden versteht, dann mag man ihn auch.“ Ich kann mir vorstellen, daß er in Ihrem Sinne die Figur und sich selbst exploriert hat.

Sie können meine Mails in Ihren Blog stellen.

Herzliche Grüße aus Sachsen

Sigtraud Hopfstock


26.07.2021 J. Philip Zindel

Liebe Frau Hopfstock,

Entschuldigen Sie bitte die Verspätung meiner Reaktion auf Ihr Mail: Zuerst war es der Endspurt vor den Ferien, dann die Reise nach Südfrankreich, und dann das Gröbste an Wiederherstellung des Gartenareals (s.a. die Titelseite meines Blogs) und nicht zuletzt… die Gewöhnung an die Hitze und an das süsse Leben in der Provence. Nun bin ich, bequem im Liegestuhl auf der Terrasse, startklar.

Ihre neuen Fragezeichen haben mich beim Lesen in Begeisterung versetzt. Sie bringen mit ganz schlanken Worten knifflige, im Hintergrund lebensphilosophische Fragen auf den Punkt. Spontan hätte ich sie Ihnen wohl alle mit einem noch schlankeren «Ja» beantworten können, aber das hätte keinen Spass gemacht und Sie wollten ja, dass ich Ihnen etwas erzähle. Nun will ich Ihnen also gerne berichten, wohin mich die Spaziergänge meiner Gedanken geführt haben.


Tun und Absichtslosigkeit

"Kultur der Absichtslosigkeit im Tun?" – ein absolut spannender Gedanke! Man stutzt, denn da steckt in dieser Frage irgendetwas Paradoxes. Beim Nachdenken wurde mir die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Substantivs «Absichtslosigkeit» bewusst. Nicht erstaunlich, denn schliesslich ist es ja nur ein Wort, keine eindeutige, greifbare Realität.

Grundsätzlich impliziert «Tun» ja eine Absicht. Warum denn sollten wir etwas tun, wenn wir nichts damit beabsichtigen? Zwar ist diese Absicht sicher oft die bewusst deklarierte, doch öfter vielleicht noch stecken ganz andere, verborgene, vielschichtige, unbewusste, manchmal auch bewusst inoffizielle, heimliche Absichten im Hintergrund, was nichts am Absichtlichen ändert. Die Umkehrschlussfolgerung könnte sich also in der Gleichung finden: «nicht-Tun gleich Absichtslosigkeit». Diese Rechnung geht aber nicht auf. Etwas nicht tun oder nichts tun wirkt nämlich auch, und ist zudem nicht immer absichtslos: Die Absicht hinter dem Nichts-tun kann gerade die Wirkung des Nicht-tuns sein. (Dieses Phänomen machen sich bekanntlich die klassischen Psychoanalytiker konsequent zunutze: Nicht reagieren soll die Frustration beim Patienten erhöhen und ihn zu Übertragung und Reflexion stimulieren.) Die Wirkung des Nichts-tuns kann natürlich auch völlig absichtsfrei und dennoch sehr effektvoll sein: Einer gestrandeten Qualle können wir beileibe keine theatralische oder sonst welche Absicht unterstellen, insbesondere nicht die, mit ihrem Anblick sensible Seelen in Schrecken oder Mitleid zu versetzen. Tun und Absicht pflegen also offensichtlich einen recht komplexen Umgang miteinander.

Betrachten wir die therapeutische Zweiersituation unter diesem Aspekt, so sehen wir sofort, dass hier in der Natur der Situation eine Absicht vorgegeben und eingebaut ist: Ein Patient kommt mit der Absicht, mit unserer Hilfe besser mit sich zurank zu kommen. Er gibt uns den Auftrag, uns in die Lösung der Probleme, die er mit sich selber hat, helfend einzubringen. Es wäre unfair, seine Absicht zu ignorieren und einfach absichtslos zu bleiben. Wir schulden ihm, seine Absicht mit ihm zu teilen und sie ernsthaft zu übernehmen. (Wollten wir uns ihr entziehen, könnten wir beispielsweise Lacans Ausspruch über seine psychoanalytische Absichtslosigkeit buchstabengetreu folgen, dass nämlich die Heilung ohnehin gewissermassen nur als Zugabe, als Überschuss zur analytischen Arbeit komme: «la guérison vient en surplus».)

Kurzum, ich weiss nicht, ob Sie es auch so sehen mögen oder ohnehin so sehen, dass es im Kontext der Therapie mehr Sinn macht, auf den unsicheren Begriff «Absichtslosigkeit» zu verzichten, und eher von einem «konsequenten Verzicht auf direktes Steuern des Patienten» oder etwas philosophischer von einer «dienenden Egofreiheit» zu sprechen. «Abstinenz» wäre allenfalls auch ein passender Ausdruck, würden ihm nicht schon verschiedene Altlasten anhaften. Eine konsequent dienende Haltung erlaubt nämlich, absichtlich Einfluss auf den Patienten zu nehmen und zu handeln, dies aber gleichzeitig strikt nur im Sinne seines und nicht unseres Ziels zu handhaben. Nur stossen wir dann auf die Frage, welches ist sein Ziel, sein eigentliches Ziel? Ist es wirklich das deklarierte Ziel? Aus der therapeutischen Erfahrung wissen wir, dass dies nicht immer der Fall ist. Im Grunde haben weder der Therapeut noch das Bewusste des Patienten die Hoheit über die Ziel- und Wegdefinition einer therapeutischen Arbeit. Diese gehört allein dem Unbewussten des Patienten. Unsere Arbeit besteht also in einer umfangreichen diplomatischen Leistung, die versucht, die drei Kontrahenten Patient, sein Unbewusstes und den Therapeuten zusammen auf einen sinnvollen Weg zum verborgenen Ziel zu führen.

Mitten in diesem Gedankenspaziergang fiel mir plötzlich das packende Isenheimer Altarbild des Meisters Mathis Grünewald ein – für mich mit Abstand das ergreifendste Gemälde überhaupt. Da sehen wir einen Johannes den Täufer in rotem Gewand gekleidet, mit einem unbeschreiblichen, zwingenden Zeigefinger auf den majestätisch gequälten Gekreuzigten weisen, und lesen den daneben geschriebenen Spruch aus dem Johannes-Evangelium «illum opportet crescere me autem minui»: «Jener muss wachsen, ich aber kleiner werden.». Einer macht sich kleiner, damit der Andere wachse. Finden Sie nicht auch, dass dieser Vorgang die eigentliche Essenz des therapeutischen Prozesses wunderbar beschreibt? Johannes, als Therapeut (griechisch therapeutes = Diener!) weist die gesamte Aufmerksamkeit mit seinem Zeigefinger auf den Leidenden, auf den Patienten und auf das Leben in ihm. Dieses soll wachsen. Und gleichzeitig soll er selber als Therapeut dabei an Bedeutung verlieren, in dem Masse wie er durch das Wachsen des Patienten immer überflüssiger wird.

Dieses wechselseitige Wachsen und Schrumpfen ist nicht so zu verstehen, als würde ein Ballon einfach Luft in einen anderen abgeben. Das «minui» des Johannes birgt nämlich auch ein eigenes Wachstum in Form einer Vergeistigung seiner Person. Ebenso wächst auch ein Therapeut am Schwinden seiner Bedeutung. Genau gleich wie auch die Väter oder Mütter – wenn die Dinge laufen, wie sie sollen – ihre Kinder gleichzeitig fördern und loslassen müssen, in einer Weise, dass die neue Generation auf eigenen Wegen über ihre Eltern hinauswachsen darf. Derweil ist ihre Erziehung aber weder absichtslos noch nichts-tuend, sie ist kein antiautoritäres Laisser-faire, aber sie lässt sich nicht verführen, ihren Einfluss zu nutzen, um aus den Kindern «etwas Rechtes» (nach ihrem eigenen Bild) machen zu wollen.

Genau dieselbe ist auch unsere Aufgabe – und damit unsere Absicht: als Therapeuten, den Patienten auf seine Weise dorthin zu führen, wohin sein verborgenes Lebensziel hinstrebt. Wegweiser sind uns dabei seine Symptome und seine unbewussten Reaktionen. Sie bergen und verbergen das unerfüllte Lebenspotential. Ein Symptom entsteht ursprünglich immer aus einem völlig legitimen, unerfüllten oder unterdrückten Lebensbedürfnis, dessen Verwirklichungsdrang eine pervertierte Form angenommen hat. Nur wenn wir zu diesem Ursprung wiederfinden, lässt sich für den Patienten eine neue Lösung finden. Für ihn lässt sich diese Suche aber in der Regel nicht alleine bewältigen, da ein Auge sich selber nicht sehen kann... Deshalb die Forderung: Es braucht einen explorierenden Spiegel.


Hypnose

Die Hypnose bietet die ideale therapeutische Bedingung, um im «Tun» zu sein und gleichzeitig «absichtslos» zu explorieren. Mit der Induktion hat sich eine einzigartige Beziehung im Sinne eines symbiotischen Brutkastens entwickelt, in der sich der Patient als Ganzes – nicht nur bewusst! – quasi automatisch selber auf die therapeutische Suche begibt. Die abstinente Neugier des Therapeuten wirkt dabei als zusätzlicher Treiber. Wir Hypnosetherapeuten können also viel bequemer als im Gespräch in eine Art «Absichtslosigkeit» zurücklehnen, die in jeder Hinsicht therapeutisch bleibt.


Kultivieren

Tun um Absichtslosigkeit zu kultivieren? Kultivieren können wir etwas am besten, indem wir es tun. Also tun, und sich selbst dabei immer sorgfältig überprüfen, dass es «ego-frei» und in der «reinen» Absicht der Selbstentfaltung des Patienten geschieht. Therapeutisches «Tun» ohne die geringste, eigennützige Absicht einzubringen, ist nicht ganz einfach. Die Haupthindernisse liegen – so scheint es mir – im Narzissmus des Therapeuten, in seinen Ängsten vor mangelndem Erfolg, vor einem theoretischen Über-Ich, oder einfach vor eigenständigem Denken. So ist «Tun», um Absichtslosigkeit zu kultivieren – meine ich – eine wunderbare Disziplin auch für die eigene Selbstentfaltung eines jeden Therapeuten.


Spass

Apropos Spass? Psychotherapie sehe ich wie eine Schatzsuche. Über den Inhalt des Schatzes selber gibt es nur Vermutungen, und der Weg dorthin ist eine lange Folge von vertrackten Geheimnissen. Unterwegs bekomme ich immer wieder neue Hinweise, die mir andeuten, wo es lang geht, und oft bleibt es ein Blindekuhspiel. Sie kennen dieses Prickeln sicher auch, denn alle Kinder mögen solche Spiele über alles! Also macht es Spass!

Einziger Unterschied in der Therapie: Die therapeutische Schatzsuche steht im Dienst des Patienten und gilt nicht einfach nur unserem Spass (wobei der Spass von Kindern auch einen tieferen Sinn für ihre Entwicklung hat). Dies könnte wie eine Einschränkung aussehen, ist es vielleicht auch bis zu einem gewissen Grad. Als Gegenleistung öffnet diese Suche dafür ungeahnte, menschliche Tiefendimensionen, umso mehr, wenn wir das Instrument Hypnose einsetzen. Ich persönlich finde den hypnotischen, explorierenden Austausch letztlich spannender als ein übliches, therapeutisches Gespräch, denn es bringt viel mehr Unerwartetes, ohne Umwege ans Tageslicht. So wird der Spass zu einer tiefgründigen Freude.

Und im Übrigen bereitet mir im Leben kaum etwas mehr Spass und Freude, als wenn ich erleben darf, dass ich zur Entfaltung eines Menschen (oder eines Pferdes, oder eines Bonsais…) etwas beitragen konnte.

Ein weiterer – ich denke sehr hoher – Anspruch an das Therapeutsein liegt in der Notwendigkeit, dass die Freude an der Arbeit unabhängig von Erfolg oder Misserfolg standhalten muss. Ob Erfolg oder Misserfolg, bewerte ich selber, und kann mich darin auch täuschen. Manchmal kann der Erfolg auch nur sein, dass ein Patient überhaupt zu mir gekommen ist. Es sind zwar keine sichtbaren (oder deklarierten) Erfolge zu verzeichnen, er hat nur Widerstand geleistet, keine Anregung übernommen und mich vielleicht sogar entwertet. Das soll Spass machen? Ich denke, irgendwie ja. Mein Aushalten der Grenzen, meine Empathie für sein Stocken (kenne ich das nicht auch?), dass ich sein Problem nicht zu meinem gemacht habe und das Wissen, dass unsere Begegnung nicht wirkungslos blieben konnte, bleiben mir als Befriedigung für diese Zeit. Spass? Ansatzweise ja.


Leichtigkeit

Sie fragen nach der Leichtigkeit, wenn man absichtsloser wird? Woher kommt die Last? Zumindest für mich empfinde ich es als eine ausgesprochene Last, als regelrecht drückende Schwere, wenn ich gegen die Widerstände des Patienten ein theoretisches Ziel verfolgen soll, das mich nicht restlos überzeugt, und dies mit Mitteln tun muss, mit denen ich mich nicht wirklich identifizieren kann. Dann quäle ich mich zwischen dem Hammer einer Theorie und dem Amboss des Patienten und gebe mir im Grunde genommen die Schläge selber... Meist schwebt dann das Wörtchen «man» herum und tut, als wären die Dinge selbstverständlich so und wissenschaftlich erwiesen – aus welcher Schule diese Behauptung auch immer stammen mag – und «man» müsse sich daran halten. Pervertiertes «evidence-based»-Verständnis lässt grüssen! Für mein Temperament führt der Versuch, eine Schule zu vertreten, meist zu einem Treten an Ort mit dem Patienten. Es bedeutet für beide eine Last, «man» betritt den Sumpf sterilen Argumentierens, und die Stimmung wird bleiern. Leichtigkeit kommt mit der Hypnose, denn sie bringt eine Unmöglichkeit des Argumentierens mit sich (s. Text Nr. 15 Was ist Hypnose: «Die Schönwettermetapher»), sie kennt keine Theorie, ist insofern unbelastet, und zieht uns so aus dem Sumpf.

Ein zweites Kreuz, das unsere Therapeutenrücken belasten kann, ist das freiwillige Aufladen der Last des Patienten auf unsere Schultern, dies aufgrund einer impliziten Vorstellung, dass das Lösen seines Problems uns obliegt: Ich muss doch eine gute Idee, einen richtigen Einfall, eine einleuchtende Erklärung finden… «Geteiltes Leid ist halbes Leid» gilt vielleicht im Alltag, und erst noch nur in bestimmten Kontexten. In der Therapie gilt viel eher: «Geteilte Last ist doppelte, dreifache Last». Denn für den Patienten kumuliert sich dann die Last des Therapeuten (eigentlich dessen Hilflosigkeit) mit seiner eigenen, vorbestehenden. Am besten lasse ich also die ursprüngliche Last beim Patienten und biete ihm dafür den hypnotischen «Brutkasten» an (s. Text Nr. 29 «Der Brutkasten»). Dieser Brutkasten ist in keiner Weise etwas Unsensibles. Er besteht aus Nähe und schwingt empathisch und überlegen mit der Schwere des Patienten mit. Aber als Therapeut übernehme ich diese nicht für mich. Und da ich mich so selber nicht unnötig belaste, sorge ich für meine geistige Bewegungsfreiheit und bleibe als Therapeut handlungsfähig. Wir könnten den Modus des «Brutkastens» durchaus als eine Form «wärmender Absichtslosigkeit» bezeichnen, die es ermöglicht, Ressourceneier frei von vorgefassten Meinungen auszubrüten.

Das hypnotische Explorieren lässt also beide Formen der Schwere entfallen – die Last, das «Richtige» tun zu müssen, und die Übernahme des Leidens – und so kommt es ganz von alleine zu einer Leichtigkeit, in der ich als Therapeut sein kann, wie ich bin und wie es die Situation erfordert. Meine Leichtigkeit, taktvoll eingebracht, kann sogar dem Patienten erleichtern, seine Leichtigkeit wieder zu finden.


Der Junge mit dem Film

Und zum Schluss möchte ich noch ein paar Gedanken zu Ihrer wunderschönen Anekdote des kleinen Filmstars einbringen: Verbindet sie nicht in perfekter Weise den Geist der Exploration mit der Methode der Identifizierung? Vielleicht haben Sie schon meinen Text zur «Sydenham-Trance» (Text Nr. 23) gelesen. In ihr schlüpft der Therapeut in die Haut eines Patienten mit dem Ziel, den eigentlichen therapeutischen Auftrag präziser zu erfahren. Es geht dabei im Grunde um genau dasselbe Spiel, aber unter anderen Bedingungen und mit etwas unterschiedlichen Absichten. In der «Sydenham-Trance» sucht ein Therapeut in seinem inneren Spiegel einen anderen Menschen (und letztlich auch sich selbst), und das junge Filmtalent sucht anhand einer Figur, wie er etwas theatralisch darstellen könnte, das er in sich noch nicht gefunden hat. Gemeinsam ist beiden das Bestreben, in der eigenen Bilderwelt anhand einer Begegnung mit Fremdem eigene Potentiale zu finden: Ich versetze mich in den Pelz eines anderen Menschen, was bedeutet, dass ich meine eigene Haut verlassen muss, ohne sie aber ganz zu verlassen – ist ja gar nicht möglich. Auf diese Weise lasse ich in mir eine innere Kontaktfläche entstehen, auf der das unbewusste Bild, das ich bisher vom Anderen hatte, mit meinem ebenso unbewussten Selbstbild zusammentreffen. Es stossen zwei komplexe und vielschichtige Bilder zusammen und gehen miteinander eine Art alchemistischer Reaktion ein, dessen Ausgang nicht voraussagbar ist, und in dessen Folge ein anderes, neues Bild des Anderen entsteht.

Genau genommen verändert sich als «Zugabe» für den Therapeuten auch das eigene Selbstbild. Ist vielleicht diese gegenseitige Veränderung zweier Bilder das, was wir «verstehen» nennen? Dazu braucht es einen unerlässlichen Katalysator, der diese Reaktion erst ermöglicht: eine liebende, akzeptierende und wärmende Haltung, sowohl dem Andern gegenüber wie auch sich selber. Die Dinge geschehen dann von alleine und überraschend. Mit unserem bewussten Auge können wir nur gespannt zuschauen was passiert, und sind somit voll im… explorierenden Modus.

Dieser Junge ist schon sehr beeindruckend, wie er in seinem Alter derart bewusst diese Erfahrung machen konnte, allerdings in umgekehrter Richtung: Das Verstehen führte zum Mögen, sprich, die warme, akzeptierende Haltung wuchs aus dem Verstehen heraus. Er hat offensichtlich eine ausgesprochene Selbstbeobachtungsgabe und Neugier. Vielleicht wird er ja einmal Therapeut… und sonst ist auch gut!


Puuuh, ich glaube, da bin ich wieder einmal ziemlich philosophisch geworden, aber das macht eben Spass! Was meinen Sie zu meinen Ausführungen? Ich bin jetzt einfach gespannt auf Ihre Reaktion, und wünsche Ihnen einen ganz schönen, warmen Sommer. Herzliche Grüsse aus der Provence

J. Philip Zindel


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