Texte zur Hypnosetherapie




Dr.med. J. Philip Zindel


Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Nun hat es eine Weile gedauert, bis mein neuer Text aufgeschaltet werden konnte. Grund dafür ist die Komplexität der Thematik Hypnose und ADHS, die ich auf mehrere Texte verteilen und sinnvoll koordinieren musste. Dafür werden die nächsten Texte zu diesem Thema in schnellerer Folge erscheinen. Ich wünsche eine spannende Lektüre!


Techniken 12Hypnose und ADHS
Text 44

Hypnose und ADHS

Ein Mosaik von Erfahrungen und Überlegungen

Vorweg

Dieser Text eröffnet eine lockere Folge von Ausführungen, in denen ich mit Ihnen einige meiner Erfahrungen und Betrachtungen zum Thema der Anwendung von Hypnose bei Patienten mit ADHS-Problemen1 teilen möchte. Entstanden sind diese aus einer ungewöhnlichen biographischen Situation: Ich hatte das seltene Privileg, in ein und demselben Berufsleben zwei wesentliche Entwicklungen mitzuerleben und sogar ein Stück weit daran teilhaben zu können: Zuerst die Auferstehung der Hypnose in den späten 1970er-Jahren, und gut zwei Jahrzehnte später die Geburt der Diagnose «ADHS bei Erwachsenen».

Beiden neuen Planeten am Psychotherapiehimmel standen wir Psychiater zunächst ohne fertige Rezepte gegenüber. Die alte Hypnose war daran, sich neu zu erfinden, um den modernen Zeitgeist nicht zu verpassen. Trotz Ericksons innovativen Ansätzen gab es aber keine wirklich brauchbaren Rezepte, wie mit der ADHS-Problematik erfolgreich umzugehen. Die Anwendung von Hypnose bei Patienten mit einer biologisch bedingten Thematik wie ADHS bedeutete ein Tappen in obskurem Neuland. Es war ein Experimentieren, ein Suchen nach dem, was vielleicht manchmal funktioniert – und was zuverlässig scheitert. Es war… spannend!

Erwarten Sie in diesen Darstellungen keine ausführliche und systematische Abhandlung über «Hypnose bei ADHS», keinen verlässlichen Leitfaden, wann und in welcher Form die Hypnose bei ADHS einzusetzen sei. Viel eher erwartet Sie ein impressionistisches Bild, ein Mosaik aus eigenen, bewährten Erfahrungen und persönlichen Überlegungen.

Die Zeit vorher

Ja, es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da kamen noch keine erwachsenen Patienten mit ADHS in unsere Praxen: Sie existierten nicht. Stattdessen suchten uns ganz andere Patienten auf. Sie zeigten bunte und widersprüchliche Bilder: Sie waren zapplig, oder apathisch, nie wirklich dabei, getrieben, hörten nicht zu, waren verletzlich, kompliziert und chaotisch, impulsiv und schwer führbar, sie waren verlässlich unzuverlässig, vergassen Termine und hielten sich nicht an Vereinbarungen, prokrastinierten ohne Ende, hatten nirgendwo Sitzleder, usw. Bei weitem zeigten sie nicht Alle die Gesamtheit der Züge – und schon gar nicht alle in derselben Ausprägung. Manche von ihnen hatten schon beachtliche Patientenkarrieren mit allen Arten von Therapien und Klinikaufenthalten hinter sich2.

Entweder hielt man sie als Therapeut mit ihren Eigenheiten aus, oder – was viele Kollegen taten – man reichte sie weiter, und dies am liebsten in letzter Instanz zur Hypnose… Ja, dies war die Endstation, in der ich stand und mich mit all meinen Fragezeichen stellen musste. Kam es tatsächlich mit solchen Patienten zu einer Hypnose, wurde das Unterfangen rasch für beide zu einer aufreibenden Herausforderung und zur Geduldsprobe. Unsere gemeinsame, naive Hoffnung, ihre innere Unruhe mit einer guten Hypnose beruhigen zu können, hatte regelmässig kurze Beine.

Auch wenn es mit diesen Patienten schier unmöglich war, irgendein vernünftiges, stabiles Therapieziel ins Auge zu fassen – geschweige denn dorthin zu gelangen – und auch wenn an Hypnose kaum zu denken war, man spürte erstaunlicherweise hinter den Problemen immer einen authentischen aber verzweifelten, guten und sogar starken Willen. Kurzum: Bunte, interessante – und sehr anstrengende Menschen.

So sah es also im ausklingenden zwanzigsten Jahrhundert noch aus.

Die Wende

Dann kam die Jahrtausendwende, mit ihr auch die Revolution für diese Patienten – wie auch für mich. Gewaltige technologische Fortschritte hatten in Form der bildgebenden Verfahren ermöglicht, die Aktivitäten des menschlichen Hirns auf einem Bildschirm live mitzuverfolgen. So liess sich plötzlich feststellen, dass die Eigentümlichkeiten der Hirntätigkeit ehemalig hyperaktiver Kinder weiterhin genau dieselben Charakteristika im Erwachsenenalter aufwiesen. Das neurobiologische Muster der ADHS zog sich im Erwachsenenalter unbehelligt weiter. 

Nur, bei den meisten Erwachsenen hatte sich die Symptomatik aufgrund der veränderten Lebensumstände (z.B. von der Schule ins Berufsleben und in die Verantwortung) mutiert. So entpuppten sich zahlreiche depressive Zustände, Angst- oder Zwangsstörungen – auch vermeintliche Borderline-Thematiken – eigentlich als Folgeerscheinungen einer Hyperaktivitätsstörung im Kindesalter. Diese affektiven Probleme wurden dann zwar (und werden es heute noch) als «Komorbiditäten» der ADHS bezeichnet – was aber nicht präzis zutrifft. Im strengen Sinn handelt es sich nicht um Begleiterscheinungen, sondern eben um Folgeprobleme der ADHS. In jedem Fall verfügte man jetzt endlich über ein brauchbares Konzept, um die Problematik dieser Patienten zu verstehen, wie auch immer ihre Symptomatik sich ausgestaltet hatte.

Die bisher geltende Lehrmeinung, dass sich mit Ende der Pubertät eine ADHS ausgewachsen habe (wie vielleicht etwa eine plagende Acne juvenilis…) fiel in sich zusammen3. So war tatsächlich eine neue Diagnose geboren: «ADHS bei Erwachsenen». Und sie kam nicht mit leeren Händen. Es standen im gleichen Zuge aus der Kinderpsychiatrie empirisch gesicherte und sogar aussergewöhnlich treffsichere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, allen voran die Medikation mit Stimulantien. Stellen Sie sich die Überraschung vor: In einem Fachgebiet wie dem unseren, wo wirkliche Neuerungen eher rar sind, wie spannend!

Bei jeder Fortbildung – die ich gierig aufsuchte – musste ich mir die Augen reiben: Der Rückblick auf meine vergangenen Praxisjahre liess in mir immer neue Erinnerungen an missglückte Hypnosen und frustrierende Therapien vorbeiziehen. Hätte es damals schon die neuen, magischen vier Buchstaben für Erwachsene gegeben – wie viel einfacher und erfolgreicher hätten sich diese gestalten lassen!

Ritalin versus Hypnose

Von nun an beobachtete ich meine neuen Patienten mit ganz anderen Augen – insbesondere diejenigen, bei denen sich die Hypnose harzig oder erfolglos gestaltete. Bei jedem Patienten stand jetzt die Frage im Raum, ob sich in ihm wohl eine ADHS versteckte. Wo ich sie zu erspähen meinte, sprach ich den Patienten an, zückte meine einschlägigen Fragebögen, wir füllten sie aus und besprachen sie.

Unerwartet häufig reagierten diese Menschen mit tiefer Erschütterung. Der Blick in den Spiegel, den die Symptombeschreibung der ADHS ihnen vorhielt, schlug wie eine Offenbarung. Ihr bisheriges Leben erschien ihnen in einem ganz anderen Licht, und plötzlich wurden so viele Aspekte ihres bisherigen Leidenswegs verständlich. Dabei vermischte sich meist ein Gefühl von Befreiung mit einer grossen Trauer.

Die meisten betroffenen Patienten waren einer medikamentösen Behandlung nicht abgeneigt. Diese zeigte oft so spektakuläre Wirkungen, dass keine weiteren psychotherapeutischen Massnahmen – einschliesslich der Hypnose – mehr notwendig waren4. Ich verschrieb das Medikament weiter per Post und begleitete die Pharmakotherapie. So schade für meine hypnotischen Künste, aber die Autonomie des Patienten hat Vorrang!

Einzelne Patienten suchten mich nach einer gewissen Zeit doch wieder auf, weil sie trotz Medikation in unterschiedlichen Hinsichten ihres Lebens anstanden und Hilfe benötigten. Den einen machte die weiterhin bestehende Restsymptomatik zu schaffen. Andere bemerkten, dass sie «Nachhilfestunden» in gewissen Dingen wie etwa Selbstorganisation, sozial kompatibler Kommunikation oder Emotionsregulation benötigten. Ein häufiges Thema war auch die Bearbeitung traumatisierender Erlebnisse, die insbesondere aufgrund ihrer ADHS-Lebensgeschichte zustande gekommen waren und aufgearbeitet werden mussten. Hier konnte die Hypnose natürlich ausserordentlich gute Dienste leisten.

Daneben weigerten sich auch manche Patienten grundsätzlich, Medikamente einzunehmen. Zuweilen entstand dabei ein hartes Feilschen um das Thema, dass Hypnose doch eigentlich eine «Bio-Alternative» zum «bösen, chemischen Ritalin» sein müsse. Meist stellte sich heraus, dass diese Patienten irgendwelchen ideologischen Strömungen oder Gruppierungen anhingen – etwas, was ohnehin jegliche Form von Psychotherapie nicht unbedingt vereinfacht. Solche Auseinandersetzungen waren für mich natürlich Steilvorlagen, um mich ans Explorieren zu machen, wie ein solcher Mensch tickt. Daraus versuchte ich abzuleiten, wie ich seine Trancewelt doch, vielleicht auf unkonventionellen Wegen, erreichen könnte. Diese grundsätzliche Haltung entwickelte sich dann zu meinem prinzipiellen Vorgehen in der Arbeit mit allen ADHS- Patienten, ein Credo, das mich heute noch in der Arbeit mit ihnen leitet. Mehr Details darüber in einem späteren Text.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass Stimulantien nicht immer wirkten oder gar gegenteilige Auswirkungen zeigten. Dann lag offensichtlich die Ursache in einem anderen Problem als beim Dopaminmangel in den einschlägigen Hirnregionen. Und siehe, auch da erwies sich die Hypnose als spannendes Werkzeug, um Klarheit über die Diagnose zu schaffen.

Hypnose als Diagnostikum

Mit der Zeit fiel mir im Zusammenhang von Hypnose und ADHS ein überraschender Effekt auf – eine Einsicht mit spannenden Konsequenzen: Dank der neuen Diagnose wurde eine «gescheiterte» Hypnose nicht mehr zwangsläufig zur «Nicht-Hypnotisierbarkeit» des Patienten oder zum «Versagen des Therapeuten», sondern zu einem bedeutenden diagnostischen Hinweis. Je nach dem wie dieses «Scheitern» zustande kam, versteckte sich dahinter eine ADHS – allerdings nicht immer, und wenn ja in unterschiedlichen Formen.

Üblicherweise, wenn wir mit dem Versuch einer Hypnose nicht ankommen, liegt es daran, dass die therapeutische Beziehung, bzw. die gegenseitige Bereitschaft zur aussergewöhnlich intensiven Nähe der Hypnose noch nicht ausreichend gereift ist. Demnach gilt es dann, am Thema Vertrauen zu arbeiten. Wenn aber alles passt, der Patient der Hypnose gegenüber offensichtlich weder Angst noch grundsätzliche Ablehnung zeigt, wenn er willig und offen ist, und gleichzeitig die therapeutische Beziehung stimmt, und wenn der Versuch trotzdem wegen innerer Turbulenzen einfach zu keinem Ziel führt, müssen wir aufhorchen: Verdacht auf ADHS! Dabei begegnen wir unterschiedlichen Varianten, von denen ich hier nur drei Beispiele vorbringen will.

Manchmal drängt sich der Verdacht auf ADHS schon gleich bei der Induktion auf. Das Problem ist dann: unsere unerträgliche Langsamkeit.

Es war mir gelungen, den redseligen Herrn B. zu einer Hypnose zu bewegen, und auf meine Anregung hin schloss er die Augen wunderbar kooperativ. Doch mit jeder meiner neuen Entspannungssuggestion reagierte er mit wachsender Verwirrung und Nervosität. Das Resultat liess nicht lange auf sich warten: Augen auf und Abbruch der Hypnose. Er entschuldigte sich kurz und verlegen und wollte sogleich die Fortsetzung seines Redeschwalls aufnehmen. Ich bat ihn aber, mir genauer zu berichten, was er erlebt hatte. Interessant: Kaum hatte er die Lider geschlossen, hatte ein ungeduldiges Warten auf die Suggestionen, die ihn sofort in Hypnose bringen sollten, begonnen. Mein üblicher hypnotischer Duktus – ein ruhiger Fluss von Wörtern und Bildern, der dazu neigt, immer langsamer zu fliessen und breite Mäander zu zeichnen – hatte ihn in seiner unzähmbaren Ungeduld völlig überfordert. Im Nu hatten tausend Gedanken meinen Suggestionen den Platz in seinem Hirn schon längst gestohlen. Für dieses Rennpferd, das in der Hypnosestartbox zappelte, hatte mein Vorgehen den Bogen hoffnungslos überspannt.

Eine andere, leicht tückische Variante lernte ich mit der Zeit als «ADHS-verdächtig» zu erkennen. In diesen Fällen sieht zunächst alles aus wie eine perfekte Hypnose. Dabei sind die Augen schön geschlossen, der Körper liegt reglos da, und die Patienten wirken tief hypnotisiert – fast möchte man an eine Katalepsie denken. Alles verläuft glatt, keine ungebetenen Emotionen, die sich mimisch irgendwie erraten lassen, keine sichtbaren Reaktionen auf meine Suggestionen. Einzige Auffälligkeit: die Rückkehr aus der Hypnose gestaltet sich anstrengend – aufgrund einer besonderen ADHS-Eigenschaft. 

Frau S. erlaubte mir mit ihrem Erlebnisbericht einen überraschenden Einblick: Kaum hatte sie die Augen geschlossen, hatte sie meine Suggestionen nicht mehr wahrgenommen, sondern war von ihrer eigenen Bilderwelt regelrecht eingesogen worden. Ein Bild jagte das andere in endloser, spannender Folge, jedes wieder spannender als das vorhergehende, alles ungemein unterhaltend und assoziativ. Sie fühlte sich voll in ihrem Element, fasziniert vom Tempo, von der Buntheit, vom ständig Neuen und Überraschenden ihrer Phantasie5. Nur, da war nirgendwo ein roter Faden darin zu finden, da fand sich auch keinerlei Distanz, die erlaubt hätte, etwas zu steuern oder zu verstehen. So war auch kein Platz, auf irgendetwas von aussen Kommendes zu reagieren, insbesondere auf meine Suggestionen. Sie war in einen regelrechten inneren Hyperfokus gefallen. Der Preis für ihr «grosses Kino» war ein praktisch völlig fehlender therapeutischer Effekt6.

Eine weitere Variante, die das Vorliegen einer ADHS suggeriert, soll hier noch zur Sprache kommen: Eine Auffälligkeit, die sich als eine Art Eingefroren-Sein in Trance darstellt, und die mir schon mehrmals begegnet ist. 

Herr V. war ein renommiertes Schlagzeugtalent und suchte mich wegen Ängsten auf. Ich schlug ihm natürlich sehr bald eine erste Hypnose vor. Bei der Induktion war anfangs eine gewisse Zappligkeit der Finger zu beobachten, die sich aber sehr bald beruhigte. Meine Entspannungssuggestionen schienen wunderbar aufgenommen zu werden. Der ganze Körper war still und völlig regungslos, äusserlich eine quasi perfekte Trance wie bei Frau S.. Als ich nach einigen Ich-stärkenden Suggestionen – Herr V. zog es vor, in der Hypnose zu schweigen – die ersten Anstalten traf, das Ende der Hypnose einzuleiten, löste dies – ganz im Gegensatz zu Frau S. – ein sofortiges und abruptes Öffnen der Augen aus.

Auch Herr V. entschuldigte sich – und war sichtlich enttäuscht, dass in der Trance schlichtweg nichts, gar nichts passiert war. Keine Bilder, keine Wahrnehmungen von Entspannung, von Ruhe, kein besonderes Wohlgefühl und keine Emotion, nichts ausser…, dass er sich die ganze Dauer der Trance ausschliesslich damit beschäftigt hatte, seine Zappeligkeit anweisungsgemäss zu unterdrücken und seinen Körper still zu halten. Als «bewährter» ADHS-ler hatte er dies wohl von Kindsbeinen an gelernt und geübt. Aber wie hätte es in einer solchen von Anstrengung besetzten «Trance» Raum für therapeutische Arbeit geben können?

In der nächsten Hypnose utilisierte ich die Zappeligkeit der Finger und ermutigte Herrn V, den Zuckungen freien Lauf zu lassen, ja sie sogar zu unterstützen, was dazu führte, dass bald auch seine Arme, dann die Beine und der ganze Körper angesteckt wurden, und das Ganze aussah wie eine Art Status epilepticus oder ein aus dem Ruder laufendes Sprudelbad. So ging es eine ganze Weile – ich betrachtete dies ein bisschen verdutzt – bis sich sein Körper beruhigte und er aus der Hypnose fast widerwillig ausstieg. Vollends verblüfft war ich über seine Schilderung: Noch nie habe er sich so ruhig und bei sich gefühlt, wie in dieser Trance. Er habe in der Unendlichkeit des Äthers geschwebt, habe meine Stimme kaum mehr aus der Ferne gehört und wäre am liebsten in dieser kosmischen Ruhe ewig geblieben. So habe ich gelernt, dass für manche Patienten mit ADHS nicht Ruhe-, sondern Bewegungshypnosen die besten Bedingungen für Lösungen schaffen können.  

Diese drei Beispiele illustrieren, wie uns Versuche, mit Hypnose zu arbeiten, auf die Spur einer ADHS führen können. Aber darüber hinaus liefern uns diese Versuche diagnostisch wertvolle Hinweise auf die jeweilige Form von ADHS, und auch gleich Anhaltspunkte für die weiteren Behandlungsmöglichkeiten.

Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass identische hyperaktive Symptome Folgen eines lebensgeschichtlich bedingten «Hyperarousals» sein können – und nicht eine neurobiologische, genetisch bedingte Eigenheit darstellen. Doch auch hier kann die Reaktionsweise auf Hypnose interessante Hinweise liefern. Die mentalen Turbulenzen der ADHS sind auf eine Form von Hirnaktivität begründet, die viel mit übermässiger Schnelligkeit zu tun hat. Bei der «Pseudo-ADHS», die lebensgeschichtlich durch Traumatisierungen oder unzureichendem Grundgefühl von Geborgenheit geprägt wurde, verbirgt sich hinter dem hohen zerebralen Aktivitätsniveaus und den flinken ADHS-artigen Ausweichmanövern eine tiefe Angst, die sich im Gespräch nicht zeigte. Hingegen beim Versuch, mit Hypnose zu arbeiten, tritt diese typischerweise in Form von ansteigender, körperlicher Erregung in Erscheinung. Nebst einem Ritalin-Test7  kann also auch ein Hypnoseversuch die Weichen für das weitere therapeutische Vorgehen richtungsweisend beeinflussen.

Fazit: Die Geburt der neuen Diagnose «ADHS bei Erwachsenen» hat wesentlich zum besseren Verständnis beigetragen, weshalb «normale» Hypnosen manchmal nicht funktionieren können, und dass damit eine hypnotische Arbeit mit diesen Patienten andere Wege suchen muss, welche die neurobiologischen Gegebenheiten berücksichtigen. Im Gegenzug liefert die Hypnose für das Thema ADHS präzise und differenzierte differenzialdiagnostische Hinweise – keine Fragebögen und keine «Tests» können diese bieten.

Hypnose als Magnet für ADHS-Menschen

Vom Zeitpunkt an, wo die Diagnose «ADHS bei Erwachsenen» in mein therapeutisches Repertoire Eingang gefunden hatte, stieg mit ungeahnter Geschwindigkeit die Anzahl Patienten, die ich in meiner Praxis als ADHS diagnostizierte und behandelte. Ein objektiver Blick in meine Agenda verriet sogar, dass darin deutlich mehr Patienten mit ADHS eingetragen waren als solche ohne. Dabei war mir keinerlei Ruf als «ADHS-Psychiater» vorausgegangen, und meine Patienten kamen ja mit dem Anliegen Hypnose. Noch mehr: Ein Rückblick in frühere Agenden zeigte mir ein ähnliches Bild – so weit nachträglich rekonstruierbar – vom Verhältnis zwischen mutmasslichen, allerdings damals noch nicht diagnostizierten ADHS-Patienten und solchen mit anderen Diagnosen.

Dies lässt aufhorchen. War ich zum Mann geworden, der einen Hammer in der Hand hält und jetzt überall nur noch Nägel sieht? Oder gab es andere Gründe für diese ADHS-Flut? Pikant war auch die Beobachtung im Austausch mit Psychiaterkollegen, die Hypnose nicht kannten aber mit ADHS vertraut waren, zu diesem Thema: Sie alle konnten dieses Phänomen nicht beobachten.

Wo lag der Grund, dass so viele Menschen mit dieser Thematik ausgerechnet meine Praxis aufsuchten? Der Schlüssel zu diesem Rätsel zeigte sich, als ich mir die Frage stellte, was eigentlich ein Mensch mit einer ADHS in einer Therapie sucht. Ihr sehnlichster, lebenslänglich unerfüllter oder nur unter grösster Anstrengung erreichbarer Wunschtraum heisst doch einfach «innere Ruhe, Kontrolle und Konzentration». Stellen wir neben diese Sehnsucht das, was uns die oberflächlichen, landläufigen Karikaturen von «Hypnose» versprechen: Hypnose ist totale Kontrolle… bis hin zur Willenlosigkeit8. Sie ist totale Entspannung… bis hin zur Katalepsie. Sie bedeutet absolute Konzentration… bis zur Versenkung. Alles ohne jegliche Anstrengung. Auf Menschen, die zeitlebens von Getriebenheit, Unruhe und Zerfahrenheit gepeinigt sind, muss ein solches Bild unweigerlich eine magische Anziehung ausüben. 

Es war also einfach mein Ruf als Hypnosearzt, der schon lange vor der Existenz der neuen Diagnose die Scharen von AHDS-Menschen angezogen hatte9 – und diese waren genau diejenigen, die ich mehr oder weniger erfolglos mit Hypnose zu behandeln versucht hatte. Die Aura der Hypnose beschert uns, ob wir es suchen oder nicht, eine Fülle von ADHS-Patienten.

Fazit für uns Hypnosetherapeuten: Wer mit Hypnose arbeitet, tut gut daran, bei jedem Patienten, der ihn wegen Hypnosetherapie aufsucht, einen quasi stammhirnmässigen Reflex bei sich auszulösen: Steckt da möglicherweise ein ADHS im Hintergrund?

Ausblick

Seit den Pionierzeiten hat sich Einiges entwickelt. Die Nachricht von einer neuen, wissenschaftlich fundierten Diagnose für einen nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung löste natürlich in den Medien lebhafte Debatten aus. Die Öffentlichkeit – und zu ihr zählten selbstverständlich auch die Menschen mit ADHS – setzte sich auf unterschiedlichsten Ebenen mit dem Thema auseinander.

Der Blick auf diese Menschen wandelte sich, und auch sie verstanden sich selber neu: Sie galten nicht mehr als schlecht erzogen und willenlos, sondern als biologisch bedingt einfach anders als die anderen. Gleichzeitig wurden auch ihre besonderen Talente und Potenziale immer deutlicher erkannt. Dies trug dazu bei, dass viele Betroffene nun Verantwortung für ihre Eigenart übernehmen wollten, in dem Sinn, dass sie motiviert waren, daraus das Beste zu machen. Entsprechend suchten zahlreiche unter ihnen ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung10.

Mit wachsender Bekanntheit des neuen «Krankheitsbilds» suchten auch immer mehr Betroffene eine Lösung in der Hypnose. Zunehmend erhielt ich Anfragen wie: «Ich glaube, ich habe ADHS. Kann man das mit Hypnose behandeln?». Aus den bereits erwähnten Gründen war die Frage absolut berechtigt. Meine Antwort musste zunächst offenbleiben. Gleichzeitig entwickelte sich das Thema für mich zu einem aussergewöhnlich spannenden Forschungs- und Übungsfeld. Konnte Hypnose nicht doch gewissermassen als verbale «Bio-Variante» das Ritalin ersetzen? Wo und wann machte es Sinn, ergänzend zur Stimulantienbehandlung, zur Psychoedukation und zum Coaching Hypnose einzusetzen? Und vor allem: Wie musste die Hypnose angepasst werden, um die Neurobiologie dieser Menschen zu erreichen – eine Neurobiologie, die sich übrigens in unzähligen Varianten zeigt?

Um diese Fragen werden die folgenden Texte kreisen.


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1 In manchen Hinsichten werden meine Ausführungen sinngemäss auch auf ADS und ASS sowie auf das Hypersensitivitätssyndrom zutreffen, doch werde ich diese nicht systematisch gesondert behandeln, sondern nur ab und zu vergleichende Hinweise einbringen.

2 Da ich selber als Hypnosetherapeut keinen Anlass hatte, meine Patienten mit ICD-Etiketten zu versehen, war ich immer wieder überrascht – und zuweilen auch amüsiert –, welche Diagnoselisten sie aus ihren Patientenlaufbahnen mitbrachten. In ihren Austrittberichten fehlte fast keine ICD-Nummer der Psychiatrie, meist versehen mit einem vorsichtigen «Verdacht auf…», einem «unspezifisch…», «nicht näher bezeichnet…», «komplex…» oder «atypisch…». Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Etikett «Borderline» – ein Begriff, der nicht selten weniger über das wirkliche Krankheitsbild des betroffenen Patienten aussagt, als darüber, dass letzterer… seinen Therapeuten an seine Grenzen gebracht hat. Keine dieser «Diagnosen» spiegelte wirklich, was ich in meinem Gegenüber erkannte. Noch weniger lieferten sie brauchbare Hinweise, wie diesen leidenden Menschen adäquat zu helfen sei.

3 Dass dieser Irrtum sich so einfach einschleichen konnte, wird besser verständlich, wenn man sich den administrativen Hintergrund anschaut. Es lag eine Art optischer Täuschung vor: Bis zum achtzehnten Geburtstag fanden die jugendlichen Hyperaktiven im Schoss der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine qualifizierte und bewährte Behandlung. Mit der Volljährigkeit wurden sie aus administrativen Gründen aus diesem Nest entlassen. Wenn danach weiterhin psychische Probleme bestanden, wurden sie von der Erwachsenenpsychiatrie in Empfang genommen. Da sich die Symptome aber in der Zwischenzeit gewandelt hatten und die Hyperaktivität meist nicht mehr im gleichen Masse hervorstach, wurde dort das Gesamtbild mit anderen Massstäben gemessen. Man kam zu anderen Schlüssen, die – mangels Diagnose «ADHS im Erwachsenenalter» – nicht wirklich weiterhelfen konnten… Hier rächte sich auch die Schwäche der beherrschenden ICD-Diagnostizierweise, die sich ausschliesslich am Erscheinungsbild orientiert und dabei die Mechanismen dahinter bewusst beiseite lässt.

4 …eine erstaunliche Wirksamkeit für ein Psychopharmakon, wenn man bedenkt, was bei anderen Diagnosen deren spezifische Medikamente zu bewirken vermögen.

5 In diesem Punkt unterscheiden sich ADHS-Patienten diametral von solchen, die eher dem ASS zuzuordnen sind. Erstere «stürzen» sich quasi in das neue Erlebnis und merken erst dann, dass es nicht geht, und letztere brauchen trotz ihres grundsätzlich fundierten Interesses an der Hypnose eine meist lange Anlaufzeit, bis sie sich darauf überhaupt einlassen können, bzw. bis sie die Türe zu einer neuen Erfahrung einen Spalt öffnen können.

6 Gerne bezeichne ich solche Situationen als «autistische» Selbsthypnosen in Anwesenheit des Therapeuten.

7 Ein Ritalin-Test besteht darin, bei Verdacht auf ADHS probatorisch zuerst ganz kleine Dosen Ritalin zu verabreichen, die dann langsam gesteigert werden, bis entweder eine positive Wirkung eintritt (bessere Konzentration, Selbstorganisation, innere Ruhe etc.) oder die Symptomatik sich verschlechtert bzw. nur Nebenwirkungen auftreten. Im zweiten Fall ist man um ein wichtiges, differenzialdiagnostisches Zeichen reicher.

8 Dass bei der Showhypnose diese «absolute Kontrolle» dem Hypnotiseur übergeben wird, und dass dadurch für den Betroffenen selbst keine vermehrte Selbstkontrolle entsteht, ändert nichts daran, dass der Wunschtraum einer ADHS-Person zumindest unbewusst besteht, Kontrolle zu erfahren – egal woher. Bei Patienten drückt sich dies darin aus, dass eine entsprechende Sehnsucht oft auf den Hypnosetherapeuten in Form einer unbewussten Erwartung übertragen wird, er möge die Kontrolle – beispielsweise über seine Ängste – irgendwie übernehmen. Diese würde sich dann wie auch immer (magisch?) im Laufe der Therapie von selbst auf ihn selber übertragen.

9 Um dieses Phänomen zu illustrieren, benütze ich gerne ein Bild, das vielleicht etwas unappetitlich wirkt, dafür ein natürliches Flair von Almromantik mit sich bringt: «Hypnose zieht «ADHS» an wie ein Kuhfladen die Fliegen…»

10 Dies passte im übrigen bestens mit dem kulturell aufkommenden Trend zur Selbstoptimierung in allen Lebensbereichen.