Texte zur Hypnosetherapie




Dr.med. J. Philip Zindel

Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie

für medizinische und therapeutische Fachpersonen


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Vor wenigen Wochen erschien in der Fachzeitschrift "Imagination" der ÖGATAP ein Artikel aus meiner Feder (bzw. meiner Tastatur) zum Thema Explorieren, dessen Inhalt ungefähr dem entspricht, was man in diesem Blog darüber lesen kann. Daraufhin hat mir ein alter Freund, Dr. Hans Kanitschar, Lehrtherapeut und Urgestein der ÖGATAP, prominenter Verfechter der tiefenpsychologischen Dimension der Hypnosetherapie, folgenden, interessanten Kommentar geschrieben, der mich berührt hat und den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

"Deinen neuen Blog-Eintrag über die Träume habe ich sehr genossen, ebenso Deinen Beitrag in der Imagination über die explorative interaktive Haltung in der Hypnosetherapie. Diese Haltung öffnet neue Räume und macht im therapeutischen Prozeß neues Potenzial zugänglich. Ich denke darüber nach, ob diese Haltung nicht das Zeug hat, eine neue Grundregel zu werden, ähnlich der psychoanalytischen Grundregel, nur differenzierter und mehrschichtiger, auch wenn es sich einfach liest..."



Techniken 8 Amplifikation der Träume


Text 32

Die hypnotische Amplifikation der Träume

– eine extrem respektvolle und wirksame Möglichkeit, Traum und Hypnose therapeutisch miteinander zu verweben

Der Traum

Wenn wir uns beim Erwachen die Augen reiben und uns dabei wie von einer Wurfmaschine aus einer total anderen Welt in den gewöhnlichen Alltag zurückkatapultiert fühlen, dann kann es gut sein, dass wir geträumt haben. Was haben wir dabei genau getan? Schwierig zu sagen. Wir waren jedenfalls irgendwie in Dinge und Erlebnisse verwickelt, die wir nicht steuern konnten. Davon haben wir vielleicht noch ein unterschiedlich klares Wissen von Bildern, die waren, die sich aber oftmals gleich verflüchtigen, sobald wir sie wieder erinnern wollen. Andere Male können uns Bilder regelrecht den ganzen Tag durch verfolgen, lassen uns nicht los und sind uns wie ins Bewusstsein eingebrannt. Noch andere Male hätten wir uns so gewünscht, dass sich der Traum ewig fortsetzte, war die Geschichte doch so schön und spannend, doch sie brach so frustrierend abrupt ab.

Träume sind wirklich ein seltsames Phänomen. Es gibt sie, und doch können wir sie gar nicht fassen. Sie kommen Erinnerungen an etwas gleich, das in Wirklichkeit gar nicht geschehen ist. Zudem ist es intellektuell und emotional gar nicht so einfach zu bestimmen, ob sie tatsächlich zu uns gehören oder nicht. Je nach dem wie angenehm sie sich angefühlt haben oder nicht, werden wir uns gerne in ihrem Dunst wiegen, oder im Gegenteil wird uns der Gedanke, wir könnten damit etwas zu tun haben, entrüsten. Die alten Griechen entzogen sich diesem Dilemma, indem sie die Träume den Göttern zuschrieben. Seit Freud neigen wir dazu, uns mit einer Zwischenlösung abzufinden, in der ein uns zugehöriges „Unbewusstes“ für diese gespenstischen Erlebnisse verantwortlich gemacht wird. So gehören sie zu uns, aber gleichzeitig sind wir für deren Inhalt nicht verantwortlich… Gott sei Dank… oder leider.


Sicher steht: Träume sind Bilder – Bilder im weitesten Verständnis des Wortes: sinnlich erlebte Produktionen unseres Hirns bzw. unserer Seele –, die schlafenderweise und unter Ausschluss der Steuerung durch das bewusste Ich auftreten und ganz unterschiedlichen Abläufen folgen können. Sie besitzen ein energetisches Potential, denn sie können uns beschäftigen. Unzweifelhaft verfügen sie auch über ein Entwicklungspotential, denn die Beschäftigung mit ihnen kann auch mit Entwicklungsschritten der Persönlichkeit in Verbindung gebracht werden.

Wie ein Mensch mit seinen Träumen umgeht, ist seine persönliche Sache. Wie aber geht ein Therapeut damit um, wenn ein Patient ihm einen solchen berichtet? Insbesondere beschäftigt uns in diesem Text natürlich die Frage, wie wir mit der Hypnose vielleicht einen speziellen Beitrag dazu liefern können.

Die Träume der Patienten

Wenn mir ein Patient einen Traum erzählt, entsteht eine Situation, die genau betrachtet sehr besonders ist. Namentlich hinsichtlich der Beziehung. Nicht nur das höchst Intime des Inhalts, den er mir damit anvertraut, verdient beachtet zu werden. Dieses spezielle Bildmaterial ist in einer Situation entstanden, in der der Patient völlig «ausser Kontrolle» war. Auch im Nachhinein ringt er um Kontrolle, indem er darin einen Sinn sucht.

Für mich als Therapeut wird die Situation auch sehr speziell: Im Unterschied zu den üblichen Informationen von Patienten habe ich hier absolut, wirklich absolut, keine Möglichkeit zu kontrollieren, ob das, was mir erzählt wird, überhaupt stimmt. In anderen Situationen kann ich mir zumindest die Frage nach der Plausibilität stellen oder das Einholen von Drittinformationen etc. erwägen. Bei einer Traumerzählung aber kann theoretisch die ganze Geschichte erstunken und erlogen, also absolute „fake news “ sein (nebenbei bemerkt: Beim Traum handelt es sich wirklich um eine „alternative reality“, dennoch nicht um «fake news»…). Als Therapeut kann ich trotz dieser derben Ungewissheit nicht anders, als mich darauf einlassen. Es bleibt nur, das Unglaubliche mitzuglauben. Die therapeutische Arbeit mit den Träumen erfordert eine ganz besondere, letztlich blinde Form von Vertrauen von beiden Seiten.

Dem Patienten geht es beim Traumerzählen sicher nicht allein darum, der therapeutischen Beziehung eine besondere Note zu verleihen. In erster Linie steht er seinem unerklärlichen Traum mit einer gewissen Hilflosigkeit oder Ungläubigkeit gegenüber. Gleichzeitig fühlt er sich durch sein nächtliches Erlebnis in einem sonderbar angeregten Zustand. Er erzählt also seinen Traum mit einem Klärungsbedürfnis, mit Fragen zu dessen Bedeutung. Nun kann ich aber als ehrlicher Therapeut keine wirklichen Antworten auf seine Fragen bieten. Wie könnte ich auch? Da helfen Theorien über Psychologie, Funktionen, Symbolik, Ursprung und Physiologie etc. der Träume wenig, denn sie stellen, wenn wir realistisch bleiben, nicht mehr als Hypothesen dar. Der Patient braucht aber konkrete, lebendige, gezielte Antworten auf seine persönlichen, aktuellen Fragen, um in seinen Träumen statt Verwirrung einen Sinn zu finden.

Schliesslich stellt sich noch eine konkrete, eigentlich philosophische Frage: Versteckt sich in den Traumbildern wirklich ein verborgener Sinn? Darüber streiten sich unzählbare Schulen. Egal ob den Träumen nun ein eigener, innerer Sinn innewohnt, oder ob nur wir ihnen einen solchen zuschreiben, letztlich wird ein Traum erst dann wirklich lebendig und heilsam, wenn in uns ein Gefühl von Sinn aufkommt, ein tief existentielles Gefühl von Wachstum. Dann erleben wir, dass die Bilder, die gewissermassen an die Pforte unseres Bewusstseins geklopft haben, daran sind, ihr Potential zu entfalten. Wie aber lässt sich dieses Ziel am besten erreichen?


Wenn Sie einen Text in meinem Blog lesen, erwarten Sie natürlich, dass gezeigt wird, warum wiederum die Hypnose eine bevorzugte Rolle einnehmen muss. Und genau dies erwartet Sie jetzt.

Hypnose und Nachtträume

Die Nähe der Natur von Hypnose und nächtlichem Träumen ist so augenfällig, dass wir durchaus legitimerweise von „hypnotischen Träumen“ anstelle von «hypnotischen Imaginationen» o.ä. reden dürfen. Betrachten wir kurz die Gemeinsamkeiten, die uns dazu einladen, Träume mit Hypnose anzugehen, aber auch die Unterschiede, und wie wir diese kreativ für die Therapie einsetzen können.

Das Gemeinsame und Verbindende:

  1. In beiden Zuständen erscheinen Bilderlebnisse bzw. Bildabfolgen mit einer viel intensiveren, emotionalen Intensität als im normalen Wachzustand.
  2. Diese Bilder bewegen sich ausserhalb der Steuerungsmöglichkeiten des bewussten Ich (in einer sehr oberflächlichen Hypnose kann das Ich zwar noch teilweise mitsteuern, wobei aber zu diskutieren wäre, inwiefern es sich dann wirklich um Hypnose handelt.).
  3. Die Tatsache, dass der Nachttraum nicht, wie früher angenommen, an eine bestimmte Schlafphase gebunden ist, sondern in allen Phasen auftritt, lässt die Annahme zu, dass auch die Hypnose als mögliche Bedingung für die Entstehung von Traumbildern angesehen werden kann.
  4. Unter beiden Bedingungen gelten dieselben logischen Gesetze innerhalb der Bildsequenzen gleichermassen: Trancelogik, die Phänomene von Verdichtung, Verschiebung, Symbolisierung etc.
  5. Schliesslich bewirken nicht selten hypnotische Traumerlebnisse einen nächtlichen Folgetraum mit offensichtlich derselben Thematik.


Das Unterscheidende:

  1. Die hypnotischen Traumbilder werden allgemein als Ich-zugehöriger wahrgenommen als die nächtlichen.
  2. Beim Nachtträumen ist man naturgemäss mit sich selber ganz allein, auf sich selber gestellt. Somit ist der Träumer den Bildern aus dem eigenen Unbewussten im Wesentlichen ausgeliefert. Die hypnotischen Träume hingegen entstehen in einer bedeutsamen Zweierbeziehung, die als zentraler Wirkfaktor (s. Text 29 „Der Brutkasten“) in therapeutischer Weise auf die Entwicklung einwirkt.
  3. Gleich wie im Schlafträumen ist in der Hypnose das steuernde Bewusstsein weitgehend ausgeschaltet, doch das beobachtende Bewusstsein ist in einer ganz anderen Qualität als im Schlaf vorhanden.
Diese Übereinstimmungen und Unterschiede versprechen spannende und nutzbringende therapeutische Arbeitsmöglichkeiten mit der Hypnose an den Schlafträumen. So erstaunt es nicht, dass in der Hypnosetherapie eine entsprechende Fülle von Ansätzen vorgeschlagen wurde. Idealerweise entspricht die günstigste Methode folgenden Kriterien:

  1. möglichst wenig Beeinflussung durch den Therapeuten, damit die Authentizität des Traums in seiner Natürlichkeit erhalten bleibt (quasi «strenge Bio-Qualität ohne Zusatzstoffe»).
  2. auf jegliche Interpretation von Seiten des Therapeuten verzichten: Gerade hier lässt sich die entscheidende Stärke der Hypnose, nämlich dass sie atheoretisch bzw. theorielos ist, wunderbar nutzen.
  3. einen möglichst weiten Spielraum für die spontane Entwicklung von genuinen Bildern und Emotionen fördern.

Diese Vorgaben führen ganz natürlich zur Methode der „hypnotischen Amplifikation des Traums“.

Das konkrete Vorgehen

Zuerst im Überblick das Rezept:

1. Man nehme einen ganz frischen Traum1 , lasse ihn vom Patienten2 in allen Details beschreiben und notiere alles ganz wortgenau.

2. Man lese den provisorischen Text vor und frage nach, wo allfällige Lücken bestehen, damit man sicher nichts überhört hat und der Traumbericht wirklich vollständig ist.

3. Man lese dem normal wachen Patienten den vervollständigten Text nochmals vor.

4. Alsdann schreite man zur Hypnoseinduktion, die nach freiem Ermessen gestaltet werden kann, aber sinnvollerweise als Zeitregression in Richtung des Schlafzeitpunkts führen soll, in dem der Traum stattfand.

5. Nun erzähle man dem Patienten den derart aufbereiteten Traum in hypnotischem Duktus in seine Trance hinein. Dabei nehme man die notwendigen Formulierungsjustierungen vor, damit der Text optimal hypnosetauglich wird.

6. Jetzt lade man den Patienten ein, es seinem Unbewussten zu überlassen, ein bestimmtes, relevantes Element des Traumes auszusuchen und es in den Fokus zu bringen.

7. Von diesem Element aus lasse man nun das Unbewusste einen neuen Traum generieren.

8. Wenn dieser zu einem Ende gekommen ist, kann die Hypnose beendet werden, und schon ist der neue Traum genussbereit…

Jetzt im Detail:

  • 1. Wenn ein Patient ansetzt, mir einen Traum zu erzählen, stelle ich mich unverzüglich auf «Chefsekretärinnenmodus» um und notiere fleissig möglichst den genauen Wortlaut des Traumberichts. Wo ich meiner Langsamkeit wegen nicht zu folgen vermag, lasse ich einfach Lücken in meinem Text offen.
  • 2. Sobald der Patient seinen spontanen Bericht beendet hat, frage ich nochmals nach, um meine Lücken zu füllen: «Da war ich nicht schnell genug und habe nicht genau notieren können, was Sie gesagt haben…» Auf diese Weise kann ich nicht nur die Lücken schliessen, sondern meist fällt dem Patienten noch dies oder jenes Detail ein, das er ausgelassen hatte.

Durch dieses sofortige und akribische Niederschreiben bekunde ich seinem Traum gegenüber ein gewichtiges Interesse, auch an jedem Detail seines Traums. Gleichzeitig vermittle ich ihm auch durch die Tatsache, dass ich den Traum niederschreibe, dass es mir nicht um meine persönliche Neugierde geht – ich könnte sonst auch nur ganz gespannt zuhören – sondern dass der Inhalt des Traums für beide eine wichtige Arbeitsgrundlage sein wird und daher in der Originalversion aufgezeichnet werden soll. Für den Patienten bringt es zusätzlich den Vorteil, dass er den Text (also indirekt auch seinen Traum) im wörtlichsten Sinn kontrollieren kann.

  • 3. Ist nun mein Text vollständig zusammengestellt, so lese ich ihn dem Patienten (im normalen Wachzustand) nochmals als Ganzes vor.

Es gilt nicht nur, eine letzte Kontrolle zu absolvieren, sondern das Besondere daran ist, dass der Patient seinen Traum – eine (meist wortlose) Produktion seines Unbewussten – jetzt neu in Form von Wörtern hörbar und von einer fremden Stimme artikuliert hört. Gewissermassen ist der Traum jetzt in die Hände des Therapeuten übergeben worden, und bevor er dem Patienten in Trance zurückgegeben wird, kann er so nochmals von ihm kontrolliert werden.

  • 4. Nun schlage ich dem Patienten vor, die Augen zu schliessen, in Trance zu gehen, um ihm dann genau denselben Text wieder vorzulesen. Die hypnotische Induktion gestalte ich so, dass ich den Patienten vor allem suggestiv darin unterstütze, in eine Trance zu gelangen, die möglichst eins zu eins dem Zustand des nächtlichen Träumens nahekommt. Ich suche, mit meinen Worten eine Regression zum Schlafzeitpunkt zu bewirken, in welchem der Traum stattfand. Ich scheue also keine Schlafsuggestionen zu formulieren, was ich normalerweise in Hypnoseinduktionen eher meide. Mit einem Finger- oder sonstigem Signal (manchmal können es auch echte ideomotorische Zeichen sein) soll mir der Patient zu erkennen geben, sobald er sich genügend realistisch in einen Traumzustand eingesunken fühlt.

Hierbei geht es nicht darum, dass der Patient möglichst «tief» in eine «Schlafhypnose» kommt, sondern dass er sich in einer möglichst schlafähnlichen Passivität den Bildern hingeben kann, die ihm suggeriert werden und die letztlich im Schlaf seine eigenen waren.

  • 5. Jetzt beginne ich mit dem Vorlesen des Textes und tue dies in einem hypnotischen Duktus, langsam, mit Pausen, relativ leise, unaufgeregt, emotional neutral.

Dazu eine wichtige Bemerkung: Wenn ich den Text in der originalen, wörtlichen Zitatform vorlese, wirkt das im hypnotischen Erleben des Patienten holprig. Denn wenn ich ihn beispielsweise wörtlich zitiere mit: «Ich sehe eine Wiese. Weit und breit ist kein Mensch auszumachen.», dann muss er in seiner Trance eine doppelte «Übersetzungsarbeit» machen. Erstens muss er erkennen, wer mit diesem «Ich» aus der fremden Stimme gemeint ist – nicht der Therapeut, sondern er selbst. Dies geschieht in der Regel ziemlich automatisch und unbewusst, aber wir dürfen nicht übersehen, dass diese Klärung doch eine Arbeit ist, die der passiven Rolle im Weg steht. Zweitens soll er ja in seiner Trance möglichst wieder echt «am Träumen» sein. Im Träumen kann man sich aber seiner Aktivität des Sehens nicht bewusst sein, also ist die Formulierung: «Ich sehe eine Wiese», einfach so genommen, unverständlich. Wenn ich hingegen die Bilder aus seinem unmittelbaren Traumerlebnis heraus formuliere, also: «Da ist eine Wiese vor mir. Ich bin ganz alleine.» muss der Patient keinerlei «Übersetzungsarbeit» von «äusserer Sprache» zu «innerem Erleben» mehr leisten. Dadurch wird die erlebte Regression in den Traum für ihn deutlich vereinfacht.

Diese sprachlichen Justierungen sind sehr zu empfehlen und lassen sich einfach während des Vorlesens vornehmen, da wir ja im hypnotischen Duktus problemlos Redepausen einlegen können, um uns die definitive Formulierung zurechtzulegen.

  • Wenn ich mit dem zurückgebenden Vorlesen fertig bin, lasse ich etwas Zeit, dass es sich setzen und wirken kann. Ich bin mir nämlich gewiss, dass jetzt im Patienten etwas am Gären ist, auch wenn mir verborgen bleibt was.

Das Setting, das den Patienten seinen eigenen Traum in traumähnlicher Trance wieder hören lässt, stellt die Ursprungssituation des Schlaftraums in maximaler Realitätsnähe wieder her. Zuvor, als der Patient seinen Traum berichtete, musste er in einer gewissen mentalen Akrobatik ständig zwischen zwei Bewusstseinszuständen hin und her wechseln, einerseits zwischen dem erinnernden, rein erlebenden und grösstenteils averbalen Zustand und dem kognitiv aktiven, Formulierungen suchenden Bewusstseinszustand. Nun kann er in einem Zustand von klarer Ich-Passivität seinen Traum ungestört wiedererleben, und doch in Kommunikation mit dem Therapeuten bleiben.

  • 6. Jetzt folgt der eigentlich springende Punkt: Ich lade den Patienten mit etwa folgendem Wortlaut zum nächsten Schritt ein: «Wären Sie einverstanden, sich jetzt Zeit zu nehmen und Ihrem Unbewussten zu überlassen, irgendeines der Elemente des Traumes auszusuchen und in den Vordergrund rücken zu lassen?... Vielleicht können sie einfach ganz erwartungslos durch die Bilder des Traums schlendern und sich überraschen lassen, welches Element allmählich… oder plötzlich… in den Fokus rückt… oder sich hervorhebt… Oder Sie können Ihrem Unbewussten auch die Frage, welches von all diesen Elementen es Ihnen besonders ans Herz legen möchte…».

Welche Formulierung ich im Einzelfall auch benütze, es geht immer darum, dem Patienten klar zu machen, dass nicht sein bewusstes Ich entscheiden soll, was als wichtig zu gelten hat, sondern dass er dies seinem Unbewussten überlässt. Je mehr Überraschung darin enthalten ist, umso fruchtbarer.

  • Ich überlasse es immer dem Patienten, ob er mir sein hypnotisches Erleben laufend schildern möchte, oder ob er es vorzieht, sich ganz für sich, still, seinem Erlebnis zu widmen und mir allenfalls später eine Rückmeldung zu geben. Oft ist es aber sinnvoll, wenn ich als Therapeut zumindest weiss, in welchem Abschnitt des Ablaufs er sich bewegt. Dann wird er mir sinnvollerweise mit einem Finger- oder Nickzeichen melden, wenn er beim nächsten Punkt angekommen ist, hier also, wenn sich ein Element in den Fokus gebracht hat.
  • 7. Dann lade ich ihn ein, wiederum absichtslos neugierig zu sein, welcher neue Traum nun von diesem Element aus entsteht: «Behalten Sie jetzt einfach Ihre Aufmerksamkeit bei diesem Element, und seien Sie gespannt, welcher Traum sich nun zu entwickeln beginnt…».

Nie werde ich irgendeinen deutenden Kommentar meinerseits abgeben. Weder braucht es einen solchen, noch würde er etwas Positives bringen. Im Gegenteil riskiere ich vielmehr, den in Gang gekommenen Entwicklungsprozess zu stören.

  • 8. Der Abschluss soll einen möglichst natürlichen Weg finden, was bedeutet, dass ich auch dessen Gestaltung möglichst dem Patienten überlasse: «Nun können Sie ganz auf Ihre Art und Weise… so langsam oder so schnell wie Sie möchten… wieder zum normalen Wachzustand zurückkehren… sobald Sie spüren, dass es so weit ist.»

Der illustrierende Fall

Frau F., eine nicht unattraktive, solariumgebräunte Mittvierzigerin, Mutter zweier kleiner Kinder, ein Auftreten mit einer Mischung von verlorengegangener Entschlossenheit und bekümmerter Müdigkeit, war gerade aus einem relativ kurzen Erholungsaufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ausgetreten und hatte von dort als Empfehlung mit auf den Weg bekommen, sich einer ambulanten Hypnosetherapie zu unterziehen. Diese sollte ihr helfen, den schädlichen Gebrauch von Alkohol, der sie in den letzten Monaten zunehmend in Besitz genommen hatte, durch die Macht wirksamer Suggestionen unter Kontrolle zu bringen… Folgsam aber nicht restlos überzeugt war sie zu mir gekommen. Dass sie schon psychotherapieerfahren war, offenbarte sie damit, dass sie mich gleich über eine alte, überwundene Anorexie mit entsprechenden, langdauernden Behandlungen unterrichtete. Erst dann schilderte sie mir die aktuelle, aussichtslose Leere in ihrem Leben als mittelständige, unterbeschäftige Hausfrau, in einem modernen Eigenheim mit kleinem Garten wohnend, im Abseits eines ländlichen Dorfes, und mit einem leidlich erfolgreichen Aussendienstmitarbeiter verheiratet, der folglich viel unterwegs war.

Nicht genau wissend, was ich von dieser Situation halten sollte – besonders wenn im Hintergrund eine mögliche Suchtthematik schwelte – zog ich es vor, nicht sofort mit einer gezielten Hypnose zu beginnen, sondern ihr zuerst eine Selbsthypnosetechnik zu zeigen. Dies würde mir schon einiges über ihre autonomen Selbststeuerungspotentiale Aufschluss geben. Tatsächlich zeigte sie sich motiviert, sie hatte regelmässig geübt und… sie erzählte mir folgenden, kurzen Traum. Es war also in der zweiten Sitzung, sie bezeichnete ihn als den „Unfalltraum“ und konnte ihn mit dem besten Willen nicht verstehen.

«Ich fahre mit meinem Wagen in Richtung Zentrum der Stadt und muss an einer bestimmten Stelle die Tramschienen überqueren. Doch der Übergang ist hoffnungslos blockiert, weil genau dort ein Unfall stattgefunden hat, in welchem zwei Strassenbahnen ineinander gefahren und miteinander verkeilt sind. Ich habe es aber eilig, werde nervös und erwache mit pochendem Herzen.»

Sogleich beginne ich mit dem geschilderten Vorgehen, notiere alles genau, frage nach, lese nochmals vor, lade die Patientin ein, in Trance zu gehen, erzähle ihr den Traum in ihre Trance hinein und nehme dabei die notwendigen sprachlichen Justierungen vor, ich lasse ihr Zeit, damit ihr Unbewusstes das von ihm ausgesuchte Element in den Fokus bringen kann – und warte auf eine Rückmeldung. Es kommt aber keine. Sie verweilt einige Minuten schweigend – aber sichtlich nicht eingeschlafen – um schliesslich unversehens die Hypnose ganz autonom zu verlassen. Sie öffnet die Augen und berichtet ganz aufgeregt, es sei „total spannend gewesen“: Das Wichtige war nicht mehr der Unfall, sondern… die Schienen. Diese seien der neue Fokus geworden: Sie hätten sich in zwei helle, orange-leuchtende Lichter verwandelt, die sich in einen langen Tunnel hineingezogen hätten. Dort habe eine Fahrt in schwindelerregender Geschwindigkeit begonnen, und es habe sie herumgewirbelt. Dann habe sich der Tunnel aufgelöst, hell leuchtende Delphine hätten sich wie tanzend in der Luft geschwungen. Daraus seien wunderbare Vulkane und Lavaströme entstanden. Deren Urkraft wurde in ihr körperlich spürbar. „Das ist meine Energie“, wurde ihr klar, und sie spürte, dass sie lernen müsse, mit ihr zu spielen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde sie ganz ruhig, eine blaue Ruhe. Schliesslich tauchte eine goldene Kugel auf, sie nahm sie gleich in ihren Schoss auf, im Wissen, dass sie in Zukunft innig zu ihr gehöre.

Zwei Wochen später sehe ich die Patientin wieder. Was ist mit der goldenen Kugel passiert? Die Patientin hat sich von ihrem Mann ziemlich abrupt getrennt – eine nach ihren Aussagen überfällige Entscheidung. Sie beschreibt nun einige konkrete Problemkreise ihrer Ehe, welche die Notwendigkeit dieser Trennung nachvollziehbar machen. Sie fühlt sich erleichtert, hat ihre Energie wieder gefunden. Alkohol ist kein Thema mehr.

Eindrücklich – und typisch für die hypnotische Traumamplifikation – ist, wie aus einem «Unfalltraum» der «goldene Ball-Traum» wurde, wie also aus einer problemfokussierten Betrachtungsweise ohne irgendwelches, intellektuelles Zutun eine unerwartete Ressource aktiv wurde. Wie lange hätten wir diskutieren müssen, um in den beiden Strassenbahnen, die den Weg versperrten, die Ehethematik zu erkennen, und wie viel Zeit hätten wir ohne Hypnose gebraucht, um die Verspieltheit der Delphine, die vulkanische Erdkraft und den Zugang zu ihrer innersten Weisheit zu aktivieren?


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1 Der Traumzeitpunkt kann manchmal auch etwas zurückliegen, gewissermassen tiefgefroren aufbewahrt sein, aber er muss noch in dem Sinn eine lebendige Frische bewahrt haben, dass er den Patienten beschäftigt.

2 Mensch, der leidet und Hilfe sucht


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