Zindels List




Tipps 2: Zindels List                                                                                                            Text Nr. 20

Die 10-Minuten-Regel oder „Zindels List“

Noch eine Regel mehr? Auch wenn sie nur 10 Minuten betrifft, wir rümpfen die Nase, denn es riecht nach etwas Einschränkendem, Unfreundlichem. „Zindels List“1  klingt fröhlicher, geheimnisvoller, spannender. Was sich dahinter versteckt, ist eine wegweisende gedankliche Anregung, die Sie in der Hypnosetherapie davor bewahren kann, gute Gelegenheiten zu verpassen. Richtig verstanden ist sie schon für die allerersten Schritte eines Anfängers hilfreich. Mit der Zeit lagert sie sich dann in Ihr Stammhirn ein und wird zur selbstverständlichen Grundhaltung.

Worum geht es? Ein kleines Spiel:

Füllen Sie in Gedanken folgenden Satz aus:


Es braucht eine wichtige,

triftige .................., um

nicht spätestens nach den

...... .... .......

der ...... Sitzung

mit einem ..... Patienten

die erste Hypnose zu machen.



Haben Sie es herausgefunden? Hier (für alle Fälle...) die Lösung:


Es braucht eine wichtige,

triftige Kontraindikation, um

nicht spätestens nach den

ersten zehn Minuten

der ersten Sitzung

mit einem neuen Patienten

die erste Hypnose zu machen.



Sie lesen richtig: Spätestens nach den ersten zehn Minuten der ersten Sitzung soll man in den Startlöchern für die erste Hypnose stehen. 


Ich will nicht ausschliessen, dass Ihnen eine solche Sichtweise schon immer vertraut war. Dann werden Sie in den folgenden Zeilen wohl die Bestätigung Ihrer Erfahrungen finden. Vielleicht aber sind Sie misstrauisch geworden und wittern hinter dieser These eine hypnotische Variante des unersättlichen Chirurgen, dessen lockeres Spiel der linken Hand mit dem Skalpell Ihnen schon bei der ersten Begegnung verrät, dass er sich eigentlich nur auf den nächsten Schnitt freut? Entwarnung: Hypnose ist nicht gleich Operation... sondern Kommunikation! Oder möglicherweise fanden Sie auf den ersten Blick, diese Forderung komme etwas leichtfertig daher, wie eine Werbung von Laienhypnotiseuren? Dann möchte ich Sie jetzt gerne vom Gegenteil überzeugen können.

Und übrigens, um es zu Ihrer Beruhigung klarzustellen: Nirgendwo steht in „Zindels List“ geschrieben, dass Hypnose schon ab der elften Minuten zur Anwendung kommen müsse oder sollte. Gefordert ist nur, daran zu denken.

Bevor wir uns den Kontraindikationen zuwenden, sei noch kurz präzisiert, was wir darunter verstehen, wenn wir von „die erste Hypnose machen“ reden.


„Hypnose“ oder hypnotische Kommunikation?

Gemeint ist nicht einfach nur „hypnotische Kommunikation“, denn diese soll ja universeller Standard in jedem helfenden Setting sein. Andererseits geht es auch nicht um das komplette Programm einer klassischen Hypnosesitzung mit ausführlicher Induktion, intensiver Gefühlsarbeit usw.

Es geht ganz einfach um das Umschalten vom wachen, „intellektuellen“ Modus auf den erlebnisorientierten, hypnotischen Modus (s.a. Text Nr. 15 „Schönwettermetapher“). Es gibt zahllose Varianten, wie man diesen Wechsel bewirken kann. Nur zwei Beispiele: Schon wenn der Patient erst begonnen hat, seine Symptome zu beschreiben, kann ich ihn auf ganz natürliche Weise bitten, die Augen zu schliessen, und sich in seinen Schmerz, seine Emotion oder in sein Symptom zu vertiefen, nur soweit wie er mag, mit dem Ziel, dass er mir dies alles viel erlebnisnäher und aktueller schildern kann. Mit dieser Einladung nehme ich seine Situation absolut ernst, und die ersten zehn Minuten sind je nach dem noch nicht einmal vorbei. Oder als Anästhesist können Sie vielleicht im Vorgespräch – vorausgesetzt der Patient ist dafür offen – den Vorschlag einbringen, die Augen zu schliessen, damit Sie ihm in dieser leichten Trance den Ablauf der kommenden Narkose in aller Ruhe und Anschaulichkeit so beschreiben können, dass er mit dieser Reise ins Unbekannte schon ein positives Erlebnis verbinden kann. Auch dies kann sehr bald geschehen. So bieten sich tausende von Möglichkeiten an, und Sie sehen, solche Vorgehensweisen haben nichts Leichtfertiges an sich.


Kontraindikationen?

Es gibt sie, die Kontraindikationen, sie sind aber bei weitem nicht so zahlreich, wie man sich vorstellen könnte. Sie drehen sich meist um drei Themenkreise (wohlgemerkt geht es hier nicht um Kontraindikationen gegen die Hypnose an sich, sondern nur um eine so frühe Anwendung).


Themenkreis 1: Es besteht (noch) kein Vertrauensverhältnis.

a) Dies kann am Patienten liegen.

– Seine Lebensgeschichte, sein Problem, oder was auch immer, erlauben ihm grundsätzlich nicht, von Anfang an einen anderen Menschen als genügend schützend wahrzunehmen, um den Tauchgang in die eigene Innenwelt zu wagen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob der „Tauchlehrer“ noch nicht genügend Vertrauen wecken konnte, oder ob der Schrecken vor der Tiefe des Wassers noch unüberwindbar ist.


b) Die Unsicherheit kann auch auf Seiten des Therapeuten bestehen.

– Ihm mangelt es vielleicht noch an Erfahrung mit Hypnose, und deswegen traut er sich nicht, in diese ihm unheimlichen Gefilde vorzudringen, ohne sich zuerst über seine ihm vertrauten Wege reichlich abgesichert zu haben, was viel Zeit benötigen kann. Diese Zurückhaltung ist absolut legitim, denn oberstes Gesetz als Therapeut ist, dass man nur korrekt arbeiten kann, wenn man sich sicher fühlt. Das beste, hilfreichste Rezept in diesem Fall heisst übrigens: Möglichst viel Selbsterfahrung in Hypnose erwerben! Dies löst fast alle unnötigen Ängste vor der Anwendung von Hypnose.

– Dem Therapeuten ist die spezifische Persönlichkeit des Patienten oder seine Pathologie noch zu unheimlich, um Hypnose zu wagen. Liegt vielleicht eine Borderline-Störung vor, oder gar etwas Psychotisches? Wenn dies nicht in sein Fachgebiet gehört, kann es nur empfehlenswert sein, die Finger davon zu lassen. Ansonsten wird er mit Vorteil zuerst mit seinen herkömmlichen Methoden arbeiten, bis sich gegebenenfalls Fenster öffnen, in denen er für ihn sichere, hypnotische Interventionen einsetzen kann.


c) Es kann an einem noch unklaren Setting liegen

Wenn mir als Patient, der nicht für eine Hypnosebehandlung gekommen ist, der Arzt nach zehn Minuten unvorbereitet eröffnen würde, er mache jetzt mit mir Hypnose, versteht sich, dass ich mich dem nicht unbedingt ohne Zögern hingeben würde. Da fehlt ein Konsens über das gemeinsame Vorgehen. 


Themenkreis 2: Das Bedürfnis des Patienten zu reden ist legitim.

Patienten in akuten Trauersituationen beispielsweise haben in der Regel nicht das Bedürfnis, in der ersten Viertelstunde der ersten Sitzung in Trance zu gehen. Sie brauchen zuallererst einfach ein menschliches Ohr, das ihnen zuhört und sie versteht. Sie befinden sich ja in einem Ausnahmezustand, der nicht auf die Schnelle aufgelöst werden kann. Ganz Ähnliches gilt für Menschen, die vereinsamt sind und nur über spärliche, innere Lebensressourcen verfügen, um ihr Leben zu regeln. Für sie ist der Therapeut vielleicht noch der einzige, fassbare Gesprächspartner, der sie begleitet, auch wenn nicht viele Fortschritte mehr zu erwarten sind. Hier ist Eile mit der Hypnose absolut nicht angesagt.


Themenkreis 3: Die Situation verlangt allgemein nicht nach therapeutischen Veränderungen.

Der Vollständigkeit halber: Wenn es primär um Abklärungen von somatischen Erkrankungen oder von komplexen, sozialpsychiatrischen Situationen geht, macht es selbstverständlich keinen Sinn, nach den ersten zehn Minuten die Hypnose aufzufahren. Wenn sich herausstellt, dass offensichtlich emotionale Probleme einer Lösung im Weg stehen, kann natürlich später, für die Lösungssuche, wieder an Hypnose gedacht werden.


Und jetzt die zahlreichen Vorteile

Ausserhalb dieser wenigen Kontraindikationen spricht eigentlich alles für ein sehr frühes Einhaken mit Hypnose. Hier ein erster, kleiner Strauss an guten Gründen:


1 Kein Zeitverlust mit therapeutisch wenig wirksamen Gesprächen.

Herkömmliche Anamnese und Befunderhebungen ergeben letztlich sehr wenige Handlungsanweisungen für die Hypnose: Also nur soviel wie absolut nötig. Besser, wir reden weniger über die Probleme und haben dafür mehr Zeit, mit der Hypnose im Problem zu arbeiten.


2 Schon der Verlauf der ersten hypnotischen Induktion liefert wertvolle diagnostische Einblicke.

Vorausgesetzt wir gehen wirklich konsequent, interaktiv explorierend vor (s.a. Texte zu „Explorer“), also nach jeder Suggestion gespannt hinhörend und hinschauend, wie der Patient darauf unbewusst reagiert, erhalten wir Schritt für Schritt einen viel lebensnäheren Einblick nicht nur in die Gestalt seiner Problematik sondern auch gleichzeitig in die möglichen Ressourcen, die auftauchen. Weshalb also lange zuwarten?


3 Auch kleinste Fortschritte – mit Hypnose – schon ganz zu Beginn können die Motivation des Patienten prägend stärken.

Jeder Erfolg – so will es ein allgemeines, psychologisches Gesetz – motiviert zum nächsten Erfolg (wie auch jeder Misserfolg zum nächsten Misserfolg motiviert). Gelingt also in der ersten Viertelstunde der ersten Sitzung schon ein winziger Erfolg mit Hypnose – vielleicht nicht mehr als ein bisschen Entspannung oder ein kleiner, mutiger Schritt – so findet sich der gesamte weitere Verlauf der Behandlung von diesem positiven Anfang geprägt.


4 Je länger wir mit dem Start in die Hypnose zuwarten, umso suspekter machen wir sie.

Eine saubere Abklärung soll Vertrauen schaffen. Doch zwischen beruhigender Wirkung und Verunsicherung werden die Grenzen fliessend, wenn wir zu lange dabei verweilen. Eine indirekte Suggestion flüstert dann: „Vorsicht, da muss Gefahr lauern!“. Die Fragen des Patienten müssen natürlich beantwortet sein, mehr aber nicht. Kompetenz ausstrahlen und den Patienten möglichst bald am eigenen Leib erfahren lassen, dass Hypnose ihm gut tut und ihm weiterhilft, schafft noch mehr Vertrauen.


5 Ein Patient, der nicht mit dem Wunsch nach Hypnose kommt, kennt sie vielleicht einfach nicht.

Nicht jeder Patient ist mit den Segen der medizinischen Hypnose vertraut, und kommt deswegen gar nicht auf die Idee, sie für sich in Betracht zu ziehen. Darum liegt es an uns hypnosetherapeutisch Tätigen – allerspätestens nach den ersten zehn Minuten der ersten Konsultation... mindestens für uns die Frage zu prüfen, ob da nicht Hypnose geeignet sein könnte, und sie gegebenenfalls vorzuschlagen. Die Antwort muss auch nicht immer „ja“ sein.


6 Auch für uns Hypnosetherapeuten: Übung macht den Meister!

Für einen Hypnosetherapeuten sollte das direkte Kommunizieren mit dem Unbewussten des Patienten ebenso selbstverständlich und natürlich werden wie das normale Gespräch.

Unrealistisch ist diese Vorstellung überhaupt nicht. Wenn Ihnen in jeder Therapie von Anfang an die Frage, warum Sie jetzt gerade nicht dabei sind, Hypnose zu machen, gleichsam zur Obsession geworden ist – und Sie wirklich nur ernsthafte Gründe gelten lassen – dann werden Sie natürlich häufig Hypnose anwenden... und Ihre Künste werden so immer geschliffener.


7 Wir verharren nicht in einem alten Trott und kleben nicht an unserer therapeutischen Grundausbildung.

Solange wir die Hypnose als etwas Anstrengendes wahrnehmen, lauert natürlich die allzu menschliche Versuchung – wenn auch nur heimlich – zu denken: „So haben wir es schon immer gemacht, und es ging ja auch...“. Diese Sicht hat natürlich etwas Richtiges an sich: Vor unserer Hypnoseausbildung haben wir auch Patienten behandelt und waren dabei ja nicht völlig erfolglos. Die Gefahr dabei ist aber, dass Hypnose weiterhin, immer als anstrengend erscheinen wird. Was sie eigentlich gar nicht ist. Nutzen wir also das Magische eines jeden Therapiebeginns, um einen mutigen Schritt zu wagen, denn „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hermann Hesse)


8 Unsere Flexibilität erlebt bei jeder Hypnose eine Erfrischungskur.

Keine therapeutische Methode ist so breit anwendbar, praktisch mit allen anderen kombinierbar, so offen, und bei sorgfältiger Anwendung so einfach wie die Hypnose. Uns Therapeuten macht sie auch offener, kreativer und flexibler. Je flexibler ein Therapeut ist, umso mehr kann er auf die Individualität seiner Patienten eingehen, oder, anders formuliert, umso weniger zwängt er sie auf das Prokrustesbett2   seiner theoretischen Grundannahmen.


Nicht ganz unwichtige Schlussgedanken

  • „Zindels List“ bewirkt eine „Umkehr der Beweislast“: Der Beweis muss nicht mehr dafür erbracht werden, dass man jetzt mit Hypnose beginnen darf („license to suggest“). Es gilt vielmehr zu beweisen, dass das, was wir mit einem Patienten tun und nicht Hypnose ist, sicher besser für ihn ist, als mit ihm in Hypnose zu arbeiten.
  • Sie bringt mehr Dynamik, Effizienz und Effektivität in die Behandlung.

  • Allerdings ist dabei das Einhalten des Prinzips des „konsequenten, interaktiven Explorierens“ von absolut zentraler Bedeutung. Beziehungsweise erst dieses macht „Zindels List“ möglich.
  • „Zindels List“ entbindet nie von einer seriösen ärztlichen oder psychotherapeutischen Grundausbildung.
  • Allfällige Widerstände des Patienten müssen natürlich unangefochten respektiert werden.
  •  „Zindels List“ zielt in keiner Weise auf Zeitdruck ab, sondern hilft ... weniger Zeit zu verlieren.

MEMENTO MORI


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1 Den humorvollen Spitznamen „Zindels List“ hat, in Anlehnung an einen berühmten Film, ein guter Freund von mir ersonnen, und er hat sich mittlerweile eingebürgert.

2 Prokrustes war im antiken Attika ein Unhold, der Reisende zwang, sich auf ein Bett zu legen. Überragten sie die Länge des Betts, so hackte er ihnen das Überschüssige der Extremitäten ab. Waren sie kürzer, hämmerte und reckte er ihnen bis zur gewünschten Länge die Glieder auseinander, indem er sie auf einem Amboss streckte.


s. Diskussionsbeitrag vom 26.02.2019 lic.phil. Dominik Rast (Home -> Diskussion)