Texte zur Hypnosetherapie

       



                                                                                 Dr.med. J. Philip Zindel

                                                                            Eine Baustelle für's Leben ...

Beiträge zu Theorie und Praxis der Hypnosetherapie 

für medizinische und therapeutische Fachpersonen

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Diesen Vortrag habe ich an der MEG-Jahrestagung in Bad Kissingen am 24. März 2019 gehalten.

Explorieren als Haltung und Methode in der Hypnosetherapie

      Prinzipien 1: Explorer 5                                                                                                  Text Nr. 21


Explorieren 

als Haltung und Methode 

in der Hypnosetherapie

Vortrag gehalten an der Jahrestagung der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose in Bad Kissingen, 24. März 2019

Dieser Vortrag ist auch als DVD erhältlich bei Auditorium Netzwerk.

Einleitung 

Wenn wir einem neuen Patienten gegenüber sitzen, der uns mit dem erwartungsvollen Wunsch nach Hypnose aufsucht, stehen wir zunächst vor einem Urwald von Fragen: Was bringt ihn dazu, Hypnose zu wollen? Woran leidet er? Wie versteht er sein Leiden? Hinterfragt er sich überhaupt? Werden wir seine Erwartungen erfüllen können? Und, und, und... Wir wissen ja noch nichts über ihn.

Die allen anderen übergeordnete Frage ist eigentlich die: „Was muss ich wissen, bevor ich – wenn überhaupt – die Hypnosebehandlung beginnen kann."

Als Antwort darauf neigen wir als ausgebildete Hypnosetherapeuten reflexartig dazu, mit der Exploration des Patienten zu beginnen. Lege artis nehmen wir Anamnese auf, erheben Befunde, ordnen alles schön ein, um eine Diagnose zu formulieren, eine saubere Therapieplanung aufzustellen und sogar eine Prognose mutmassen zu können. Dies gibt uns Sicherheit, und dann können wir gegebenenfalls die erste Hypnose starten.

Problematisch an diesem Vorgehen ist, dass es im Fall der Hypnose Informationen liefert, die uns ein unbrauchbares Bild des Patienten zeichnen.

Lassen Sie mich dies anhand einer Metapher erklären. Angenommen, ich will Ihnen eine bestimmte Person beschreiben, nennen wir sie Mister T., so kann ich dies auf zwei Arten tun.

Variante 1: Er ist um die 190 cm gross, er hat zwei Beine mit Füssen dran, ebenso zwei Arme mit Händen dran, in der Mitte einen Rumpf, usw. Mit einer solchen Beschreibung bin ich sicher, dass Sie einen Menschen vor sich sehen. Aber sie können sicher nicht erkennen, wer dieser Mister T. sein soll.

Variante 2: Ich schildere ihn so: Er blickt fast immer finster, beherrschend und unzufrieden in die Welt. Seine Stimme ist protzig, seine Mundmimik schwammig. Sein Blick ist immer ausdruckslos bis stier, und über seiner Stirn thront ein weltweit unverkennbares und schwungvoll auf die Seite gejagtes, orangefarbenes Haarhäubchen. Können Sie jetzt Mister T. erkennen?

Die erste Beschreibung beinhaltete ausschliesslich allgemeingültige, für alle Homo sapiens zutreffende, „harte“, Informationen, was das Erkennen eines Individuums völlig unmöglich machte. In der zweiten Schilderung liess ich genau diese Informationen völlig beiseite. Ich ging nur auf die „feinen“, aber für seine Individualität kennzeichnenden Details ein.

Mit der Fragestellung der herkömmlichen Exploration, die auf Diagnosestellung und Therapieplan abzielt, sammle ich nur die harten, für eine Diagnose kennzeichnenden, allgemeingültigen Daten. Dabei poliere ich aber die eigentlich wichtigen, ganz individuellen Charakteristika des jeweiligen Individuums sauber weg. Es sind aber genau diese weggelassenen, feinen Eigenschaften, die wir für unsere Arbeit mit Hypnose benötigen. Wie können wir nun zu ihnen gelangen und wo zeigen sie sich?

Es sind unscheinbare mimische Bewegungen, ein minimes und gleich wieder unterdrücktes Aufflackern einer Emotion, ein Schweigen, ein Blick, die uns auf eine Fährte zum wirklich Individuellen führen. Es sind diese diskreten Zeichen, in denen die Informationen verborgen liegen, die für unsere hypnosetherapeutische Arbeit von Bedeutung sind.

Genau bei dieser Suche setzt das „Prinzip des konsequenten, interaktiven Explorierens in Hypnose“ an.

Worum handelt es sich?

Das Prinzip des „konsequenten, interaktiven Explorierens“

Die einfachste Zusammenfassung des „Prinzips des konsequenten, interaktiven Explorierens in Hypnose“ ist folgende, ganz einfache Formel: „Alles, was ich in der Hypnose tue, nicht tue, sage oder nicht sage, dient ausschliesslich und in aller Konsequenz dem Explorieren verborgener Schätze im Patienten.

Beginnen wir mit einer konkreten, illustrierenden Fallvignette.


Herr E.

Herr E. sucht mich auf und will Hypnosetherapie, weil er schon lange an einer Depression leide, auch nachdem schon eine andere Psychotherapie fehlgeschlagen sei. In der Praxis eines mit Hypnose arbeitenden Psychiaters nichts wirklich Ungewöhnliches. Doch stellen sich mir da natürlich die oben erwähnten Fragen.

Ich verzichte auf eine klassische Exploration, und beginne anstelle gleich mit einer begrüssenden Einladung: „Wie kann ich Ihnen dienen?“ Ich bin völlig gespannt auf seine Antwort, seine Mimik und seine sonstige Reaktion. Unbewegt beginnt er mir seine Leidensgeschichte zu erzählen, und ich höre aufmerksam zu, mit allen Sinnen offen, wie er sie schildert. Ich bin ständig auf der Lauer nach etwas Besonderem. In der Tat zeigt er bald eine verwunderliche Reaktion bei der Schilderung eines Details seiner Geschichte: Wo ich eher Tränen erwartet hätte, lächelt er, scheinbar zufrieden, leicht abwesend.

Hier hake ich mit dem aktiven Explorieren ein und überrasche ihn mit der Frage: „Wären Sie einverstanden, die Augen jetzt zu schliessen?“ Quasi aus dem Nichts. Ich weiss ja einzig, dass er von mir Hypnose erwartet. Mir geht es aber nicht im Geringsten darum, dass er seine Augen schliessen soll. Mir geht es ausschliesslich darum zu explorieren, welche Reaktion er darauf zeigen wird. Der Moment ist interessant, weil er soeben eine eigentümliche Reaktion gezeigt hat. Wird Herr E. die Augen schliessen oder nicht? Oder wird er meinen Vorschlag schlicht überhören und weiterreden? Weist er meine Einladung höflich zurück? Oder, oder, oder... Welche dieser unterschiedlichen Reaktionen auch eintrifft, sie erzählt mir in jedem Fall ein geheimnisvolles Stück der Gegenwart und der Geschichte dieses noch unbekannten Herrn E.

Er brauchte eine Weile, um sich zu entscheiden, die Augen zu schliessen. Der Augenschluss war unauffällig. Er signalisierte damit eine vorsichtige Bereitschaft, sich in meiner Gegenwart seiner momentanen Stimmung hinzugeben.

Darauf reagierte ich mit einem kurzen „Super!“. Hinter dieser Bemerkung steckten zwei Absichten: Ich wollte ihm bestätigen, dass auch mir sein Lidschluss willkommen war, und gleichzeitig war ich auch neugierig, ob und wie er darauf reagieren würde. Verstand er es als Lob, als Einmischung oder was auch immer?

Zunächst liess sich keine Reaktion beobachten. So liess ich ihm Zeit. Wartete er auf weitere Anweisungen, oder wollte er in Ruhe gelassen sein? Nach einer Weile kam mir die Idee, eine unterstützende Suggestion einzubringen: „Sind Sie einverstanden, einfach zu beobachten, was jetzt in Ihnen vorgeht, zu beobachten, was sich in Ihnen entwickelt, wenn Sie nichts tun?“ Wie immer, blieb ich gespannt, was daraus entstehen würde.

Sein Schweigen hielt an, doch bald verzerrte sich seine Mimik, zuerst unmerklich, und zaghafte Tränen glitten über seine Wangen. Immerhin war bei aller Schweigsamkeit von Herrn E. etwas gewonnen: Er vertraute mir eine Emotion an.

Ich fragte ihn, ob er mir den Grund seiner Tränen vielleicht mitteilen wollte. Es kam keine Antwort. In solchen Situationen denke ich dann für mich „Spannend!“: schon wieder eine noch unentschlüsselte Information mehr über den Patienten.

Einerseits, um meine Präsenz akustisch zu bestätigen und um meinen Respekt für sein Schweigen und für seine Emotion zu bezeugen, fragte ich ihn, ob er bereit sei, still und ganz für sich den Lauf seiner Tränen weiter zu beobachten. Er könne vielleicht beobachten wie der Tränendruck anschwellen würde, oder sich im Gegenteil mit der Zeit beruhigen. Auf diese Weise suggerierte ich ihm eine gewisse Dissoziation zu seinen Tränen. Einerseits sollte er in der Emotion bleiben und gleichzeitig eine Beobachterrolle einnehmen. Ich war gespannt, ob er dazu in der Lage sei.

Herrn E.’s Tränen fluteten mehrmals auf und ebbten wieder ab, wellenförmig, bis er nach einer Weile von sich aus die Augen öffnete und lange vor sich hin schwieg. Interessant.

Endlich teilte er sich kurz mit und berichtete, dass er keine Ahnung habe, weshalb er so geweint habe. Es sei auch gar nichts aufgetaucht, keine Bilder, keine Erinnerungen. Wiederum: Interessant! Gewissermassen „reine“ Tränen, fast vegetativ. Er fühle sich aber deutlich besser, erholt, fast ein bisschen wie gereinigt. Bis zum Schluss verblieb er noch in einem nachdenklichen Schweigen.

Kurz vor Ende der Sitzung kam mir die Idee, ihm zu sagen: „Mir kommt es vor, als hätten Sie ein schönes Stück Arbeit geleistet.“ Er verharrte in seinem Schweigen (Ich frage mich wie immer: „Was sagt dies aus?“), und nach Absprache des nächsten Termins verliess er die Praxis in gedankenvollem Zustand, aber zufrieden.

Nach dieser ersten Begegnung mit Herrn E. war in den weiteren Sitzungen nicht mehr die Rede von Depression. Wie durch ein Wunder weg. Was war in seiner Hypnose geschehen? Er blieb weiterhin emotional zurückhaltend, war jetzt aber – neu für ihn – daran interessiert zu verstehen

Überlegungen

Wenn Sie einverstanden sind, wollen wir jetzt reflektieren, was dieses „Prinzip des konsequenten, interaktiven Explorierens“ alles beinhaltet.


Explorieren

„Explorieren“ heisst Erforschen, und ist somit eine bewusste, Aktivität des Therapeuten, die sich mit offenen Sinnen und völlig unvoreingenommen auf eine Suche begibt. Mit aktiv, aber abstinent eingebrachten Vorschlägen versucht es, beim Patienten Reaktionen auszulösen, und verfolgt dabei das Ziel, diese besser zu verstehen und womöglich gleich die dazugehörigen Ressourcen zu aktivieren.

Für das Explorieren ist jede Regung oder Nicht-Regung des Patienten interessant, geheimnisvoll, erforschenswert. Nichts wird als unwichtig durchgewinkt. Keine Reaktion, die nicht als Überraschung für Therapeut und Patient zu betrachten wäre: Warum gerade diese Reaktion und nicht eine andere? Was bedeutet sie? Werde ich das erfahren?

Insbesondere wenn die Reaktion auf eine Suggestion das Gegenteil der formulierten Einladung zeigt, wird es richtig therapeutisch interessant. Was steckt beispielsweise dahinter für eine spannende – vielleicht auch schreckliche – Geschichte, wenn ich ganz banal einen „safe place“ suggeriere, und der Patient gerät... in Panik? So etwas ist doch aus therapeutischer Sicht mindestens so interessant und aussagekräftig wie wenn sich ein schön konventioneller Ruheort einstellt.

Das Explorieren versucht nicht in erster Linie zu erklären. Vor allem ist es aus mit Explorieren, wo etwas gedeutet oder in die Schachteln irgendeiner Theorie eingeordnet wird. Explorieren versucht, lebendig zu machen.

Mit meiner Neugier strebe ich auch an, den Patienten anzustecken, auch ihn auf Explorieren „umzuschalten“. In dem Masse, wie es mir gelingt, ihn wirklich mit meiner quasi kindlichen Neugier in Resonanz zu bringen, löst es in ihm eine unmerkliche Altersregression aus: Auch er taucht wieder ein bisschen in seine kindliche, unbefangene Neugier zurück. Wenn wir bedenken, dass diese Neugier sich ausgerechnet auf das Problem richtet, das er loswerden möchte, ist dies bemerkenswert. Hier liegt Änderungspotential drin.


Konsequent

Nun soll das Explorieren – wie der Name des Prinzips es verlangt – auch „konsequent“ sein. Dies lässt sich auf zwei Arten verstehen: Einerseits „konsequent“ in der Dauer, also „konsequent bis zum Letzten“, bis zur letzten Minute, oder „konsequent“ in die Tiefe, also „konsequent bis ins Letzte“, bis hinein in die kleinste Interaktion. Beides trifft zu.

– Von der ersten bis zur letzten Minute: Wenn die explorierende Aktivität und Haltung des Therapeuten der Belebung derart wichtiger Ressourcen dient, dürfen sie auch kein anderes Ende als das der Therapie kennen.

– Bis in jedes Detail: Woher wollte ich als Therapeut beurteilen, welche Erscheinung wichtiger ist als eine andere? Nur weil ich meine, etwas verstanden zu haben, bedeutet das nicht, dass ich wirklich das Richtige erkannt habe. Deshalb ist es weit sinnvoller, Schrittchen für Schrittchen, von einer Überraschung zur andern, alles mit erwartungsloser Neugier zu betrachten. Auf diese Weise entsteht eine logische Kette von Reaktionen des Patienten, die uns auf die Fährte von Unbeachtetem und Namenlosem führt, zu verborgenen Emotionen und Ressourcen.


           Zurück zu Herrn E., um dies zu illustrieren.

Sie erinnern sich, in seiner Erstsitzung explorierte ich schon mit meiner ersten Frage (wie ich ihm dienen könne) eine erste Reaktion. Er ging nicht auf das Persönliche meiner Frage ein, er begann gleich zu erzählen: Interessant! Dahinter konnten verschiedenste Gründe liegen, theoretisch das ganze Spektrum von akustischen Problemen bis Autismus. Also wartete ich aufmerksam zu, bis er mir vielleicht mit einer nächsten Reaktion einen Fingerzeig geben würde, in welche Richtung ich weitersuchen soll.

Es erschien dann auch bald in seiner Schilderung die auffällige Reaktion mit Lächeln statt Tränen. Gleich ein erster Grund, dies mit einer ersten aktiven, hypnotischen Intervention zu explorieren, mit dem Vorschlag, die Augen zu schliessen. Wiederum war ich gespannt, ob und wie das wohl stattfinden würde. Wieder keine Reaktion, zunächst: Interessant. War es Opposition gegen mich, oder Schüchternheit? Oder etwas ganz Anderes? Er schloss die Augen schliesslich doch, und nun war ich weiter gespannt, was geschehen würde. Opposition war es wohl nicht, sonst hätte er anders reagiert. Und dann geschah scheinbar wieder nichts, so versuchte ich, sachte weiter zu explorieren. Wie würde er darauf reagieren, wenn ich ihn einfach einlud, nur zu beobachten, was sich in ihm entwickelt. Es gab tausend Möglichkeiten zu reagieren. Verbal wollte oder konnte er nicht reagieren und es kamen die vermuteten Tränen. Fühlte er sich durch meine Einladung ermutigt?

An diesem Punkt wäre es denkbar gewesen, ihn zu trösten, aber ausschliesslich wenn es mich wundergenommen hätte, wie er mit Trost umgeht. Ich lud ihn lieber ein, seine Tränen zu explorieren, was er auch tat.

Mit meinem Explorieren hatte ich offenbar bei diesem sehr zurückhaltenden Menschen ein Stück Vertrauen gewonnen. Auf dieser Basis konnten wir weiter in aller Sicherheit konsequent Explorieren.


Interaktiv

Das Explorieren ist nicht nur konsequent sondern auch interaktiv.

„Interaktiv“ bedeutet nicht „ununterbrochenes Pingpong von Aktionen und Reaktionen“. Es geht wohl um ein Hin und Her von Anregungen, bei dem ich aber durchaus einmal eine ganze Zeitlang völlig untätig nur beobachten und zuhören kann. Sobald mir aber ein Einfall kommt, von dem ich das Gefühl habe, er bringt mehr an Explorationspotential als wenn ich schweigen würde, kann ich ihn schon in der nächsten Sekunde als Suggestion einbringen.

Die Interaktivität entsteht also durch Verhalten oder Worte des Patienten, die über ein Resonanzphänomen im Therapeuten ein Bild, eine Idee oder einen Vorschlag aufkommen lassen, die der Therapeut dann als Suggestion einbringt. Diese soll dann im Patienten wieder eine Reaktion auslösen, die den nächsten Schritt der Exploration einleitet.

Dabei geht es nicht darum, dass eine Idee besser wäre als eine andere, oder dass eine Metapher besser wäre als eine Übung oder als eine direkte Suggestion. Entsprechend gibt es auch nicht die „beste“ Intervention: Entscheidend ist nur, dass der Therapeut in keinem Fall die explorative Haltung verrät, was auch immer er einbringt.

Suggestion

Durch das Prinzip des „konsequenten, interaktiven Explorierens in Hypnose“ wird das Verständnis des Begriffs „Suggestion“ radikal „verzaubert“. Da ist nicht mehr die Rede – wie man Suggestion üblicherweise definiert – von einer „manipulativen Beeinflussung eines Menschen, mit dem Ziel, ihn zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen“. Im Explorieren manipulieren wir nicht. Und wir haben schon gar kein bestimmtes, beabsichtigtes Verhalten im Auge, das wir im Patienten induzieren wollen.

Die Suggestion wird zu einer impliziten Frage an das Unbewusste des Patienten. Diese heisst: „Wie reagierst du (Unbewusstes), wenn ich dir dies oder jenes vorschlage?“ Und ich bin einfach gespannt auf die Antwort. Denn egal welche Reaktion sich zeigt, sie erzählt mir etwas, und enthüllt zudem vielleicht auch schon etwas von seinen verborgenen Ressourcen. 

 Wirkungen

Hier nur einige wenige Wirkungen der explorativen Haltung.


1. Aktivierung von Ressourcen

Wie wir bei Herrn E. sahen, genügte ein beruhigendes, unvoreingenommenes und unterstützendes Beobachten und Explorieren, um eine genauestens justierte Ressource zu seinen Tränen zu aktivieren. Sie erlaubte ihm, die Fähigkeit zu finden, diese zu betrachten, sie auszuhalten und daraus neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Viel wirksamer als wenn wir ihn nach seinen bekannten Ressourcen – Urlaub, Hobby, Kampfsport etc. – gefragt hätten.


2. Neugier erlöst aus der Opferhaltung

Im Leiden erlebt man sich als Patient fast definitionsgemäss als Opfer seiner Krankheit. Opfer sein ist mit einem Erleben und einer Haltung von Passivität verbunden. Gegenteil dieser Opferposition ist die Gestalterposition.

Sobald ein Patient folglich beginnt, die eigenen Symptome zu explorieren, sich für sie zu interessieren, verlässt er die Opferposition und „switcht“ in eine Beobachterposition. Diese wiederum ist die Vorstufe und Voraussetzung für die aktive Gestalterposition.

Explorieren ist für den Einstieg in eine therapeutische Veränderung also ein entscheidender Schritt.


3. Ein Blick in die Ethologie: Neugier beruhigt und fördert Entwicklung

Ethologisch gesehen – also das gesamte Tierreich überspannend – sind die Suchverhalten, oder „seeking behaviours“, Verhalten mit beruhigender Wirkung. Sie dienen also nicht nur der Orientierung, Futtersuche, Fortpflanzung, etc. sondern auch der Beruhigung und sie fördern Entwicklung. Im Gegensatz zu ihnen sind die „survival behaviours“ wie Flucht, Angriff, Angst, immer mit Stress korreliert und verlaufen stereotyp. Sie neigen zudem zur Fixierung und können so zur Krankheit werden.

Mit andern Worten, wenn unsere Zugehörigkeit zur Gattung „Homo sapiens“ uns als Mitglieder des Tierreichs kennzeichnet, muss das auch bei uns so funktionieren. Explorieren ist also auch für uns ein beruhigendes, entwicklungsförderndes und kranken Fixierungen entgegenwirkendes Verhalten.


4. Erkannt und anerkannt werden

Eines der tiefsten Anliegen der menschlichen Seele ist, erkannt und anerkannt zu werden. Erkannt und anerkannt werden oder nicht entscheidet in der Kindheit nicht selten über eine gesunde oder krankhafte Entwicklung. Erkannt und anerkannt werden bleibt lebenslänglich ein bedeutender Wachstums- und Entwicklungsfaktor.

Um einen Menschen erkennen zu können, muss man sich für ihn interessieren, ihn suchen gehen, explorieren. Wenn wir das Erkannte dann nicht nur erkennen sondern auch als das anerkennen, was es ist, dann wirkt das als seelischer „Dünger“.

Für einen leidenden Menschen ist es von fundamentaler Bedeutung, dass das im aktuellen Symptom dahinter liegende, ursprünglich völlig legitime Anliegen von jemand erkannt und anerkannt wird, um es dann selber erkennen und anerkennen zu können. Dazu ist das „konsequente, interaktive Explorieren“ der goldene Weg.

Vorzüge

Gegenüber üblichen, leitliniengerechten, symptom- oder krankheitsbildorientierten hypnotherapeutischen Vorgehensweisen weist das „konsequente, interaktive Explorieren“ zahlreiche Vorteile auf. Hier nur zwei davon.


1. Es ist die respektvollste Haltung dem Patienten gegenüber

Durch das Explorieren setze ich mich auf Augenhöhe mit dem Patienten. Wir suchen zusammen. Die einzige Asymmetrie, die zwischen ihm und mir bleibt, besteht darin, dass ich zu seinem Schutz da bin, er aber nicht zu meinem.


2. Eine Bürde fällt ab, für beide ...

Durch das Explorieren geht sowohl für den Therapeuten wie für den Patienten ein wichtiger Druck verloren. Über der Arbeit schwebt kein Erfolgsdruck mehr. Der Therapeut muss sich nicht mehr um die Frage nach der richtigen hypnotischen Intervention kümmern. Er überlässt den Kompass des Therapieverlaufs dem Unbewussten des Patienten. Wer wüsste es besser?

Auch der Patient muss sich nicht mehr bemühen, möglichst „gut“ auf die Suggestionen des Therapeuten zu reagieren, in der Erwartung, dass die Hypnose erst dann gut wirken kann. Ebenso werden die Ängste um die Themen Manipulation, Kontrollverlust oder Persönlichkeitsveränderung durch das Erleben der Exploration hinfällig.


3. Ko-Kreation

Die Arbeit mit Hypnose wird zu einer spannenden, ständig neu entstehenden Ko-Kreation zwischen und in beiden. Jeder stellt darin sein spezielles, unterschiedliches Wissen zur Verfügung: der Therapeut seine Erfahrung, der Patient sein Erleben und seine Geschichte.

Voraussetzungen

Ohne bestimmte Voraussetzungen lässt sich nicht therapeutisch Explorieren.


Abstinenz

Ohne eine abstinente, sprich selbstlos in den Dienst des Patienten gestellte Haltung des Therapeuten, ist das Explorieren undenkbar. Er würde ja sonst nach Dingen forschen, die er sich wünscht, und ginge dadurch mit grosser Gewissheit am Patienten vorbei.


Aushalten

Als explorierende Hypnosetherapeuten müssen wir natürlich unsere eigenen Emotionen und Unsicherheiten, und damit unsere Grenzen aushalten können. Aber auch die Grenzen der Machbarkeit müssen wir aushalten. Wo die Kapazität der Ressourcen des Patienten seine Veränderungsmöglichkeiten beschränken, müssen wir das mit ihm aushalten können.


Vertrauen

Vertrauen ist in jeder Therapie eine zentrale Vorbedingung: in uns selber, in eine grundsätzliche Resilienz des Patienten, in die Tatsache, dass Hypnose gesunde Abwehren nicht vernichtet, sondern nur soweit öffnet, dass Emotionen sich entwickeln können, in die Gewissheit, dass jahrelang im Unbewussten verborgene Ängste, Verletzungen per se letztlich bisher ausgehalten wurden. Ohne diese Vertrauenshaltung wäre Hypnose überhaupt nicht zu verantworten.


Neugier

Es war schon viel die Rede von Neugier. Neugier ist eine fundamentale Lebensenergie, die untrennbar mit Wachstum verbunden und dafür auch unentbehrlich ist. Vergegenwärtigen wir uns dazu nur kurz das erobernde Herumkrabbeln eines Kleinkinds. Die Neugier des Therapeuten ist Voraussetzung dafür, dass der Patient die seine entwickeln kann, wo sie fehlt.

Übrigens sind diese vier Voraussetzungen, um konsequent, interaktiv explorieren zu können, also Abstinenz, Aushalten, Vertrauen und Neugier selber essentielle Ressourcen, die der Therapeut durch seine Haltung im Patienten in Resonanz bringen kann, und die in fast allen Situationen helfen, Lösungen zu finden.


Zulassen von Nähe

Würden wir aus einer antiquierten oder verqueren Vorstellung von Abstinenz heraus, oder auch aus persönlichen Gründen, menschliche Nähe mit dem Patienten befürchten, würde das Explorieren schwierig. Die hypnotische Beziehung besteht nämlich aus einer ganz besonders intensiven Intimität, die selber zentraler Wirkfaktor der Hypnose ist, und die ich gerne als „therapeutischen Brutkasten“ bezeichne. Explorieren muss in dieser Wärmeatmosphäre geschehen.

Fassen wir zusammen ...

Das „konsequente, interaktive Explorieren in Hypnose“ ist eine aktive therapeutische Haltung, eine liebevolle Form von Neugier, die ständig auf irgendwelche Art fragend, suchend, provozierend, kitzelnd, reagierend, aushaltend, mitfühlend, betrachtend, aber ohne je irgendetwas bestimmen zu wollen, nach dem Innersten des Patienten sucht. Alles geschieht mit der Absicht, den Patienten auf respektvolle Weise einzuladen, sich selber in Frage zu stellen, damit sich für ihn neue Türen zu seinen Ressourcen öffnen können.

Das „konsequente, interaktive Explorieren in Hypnose“ sieht wohl aus wie eine therapeutische Planlosigkeit – und das ist es in einem gewissen Sinn auch. Aber es ist selbst Plan der Therapie: immer der Spur des Patienten zu folgen...

Wollen wir den gesamten Geist des „konsequenten, interaktiven Explorierens in Hypnose“ in eine möglichst kurze Formel, in ein kleines Wörterpaar zusammenfassen, so ist das: „Ah? Spannend!“. „Ah?“ heisst: Da lässt sich etwas hinterfragen, da ist etwas nicht unbedingt selbstverständlich, da wollen wir doch kurz innehalten... „Spannend!“ heisst: Dahinter müssen irgendwelche interessanten Hintergründe warten. Mit „Ah! Spannend!“ würdigen wir noch Unverstandenes, und laden gleichzeitig zum Entdecken und Verändern ein.

Nun bin ich mit meinen Ausführungen zu Ende, und bin ... gespannt auf Ihre Reaktionen.




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